Coburg
Interview

Alexander Müller-Elmau: Für Wagners "Rheingold" nach 30 Jahren zurück in Coburg

Wie Alexander Müller-Elmau "Das Rheingold" von Richard Wagner als Auftakt der neuen Coburger "Ring"-Produktion auf die Bühne bringen will.
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Alexander Müller-Elmau bringt zum Spielzeit-Auftakt Richard Wagners "Rheingold" auf die Bühne des Landestheaters Coburg.Foto: Jochen Berger
Alexander Müller-Elmau bringt zum Spielzeit-Auftakt Richard Wagners "Rheingold" auf die Bühne des Landestheaters Coburg.Foto: Jochen Berger

Als Bühnenbildner hat Alexander Müller-Elmau schon an vielen großen Theatern gearbeitet. Auch als Regisseur hat er sich seit etwa eineinhalb Jahrzehnten im Schauspiel wie im Musiktheater Renommee erworben. Nach seinem Coburg-Debüt mit Georges Bizets "Carmen" führt Müller-Elmau (56) erneut Regie am Landestheater. Zum Spielzeit-Auftakt inszeniert er Richard Wagners "Rheingold", zu dem er auch das Bühnenbild entworfen hat. "Das Rheingold" soll der Auftakt zum ersten kompletten Coburg "Ring" seit fünfeinhalb Jahrzehnten werden. Wie er Coburg erlebt und was ihn an Wagners "Ring" fasziniert, verrät Müller-Elmau im Gespräch.

Coburg ist die Stadt der Bühnenbildner-Dynastie Brückner, die im 19. Jahrhundert eine große Bedeutung für die Wagner-Rezeption hatte. Welche Bedeutung hat dieser Umstand für Ihre Auseinandersetzung mit Wagners "Ring des Nibelungen"?

Alexander Müller-Elmau: Als ich erstmals auf die Brückners gestoßen bin, wusste ich noch gar, wie präsent sie noch in Coburg sind. Das hat mir erst ein befreundeter Bühnenbildner erzählt, der auch aus Coburg kommt - Christian Schmidt. Natürlich stößt man, wenn man sich mit der Rezeptionsgeschichte von Wagners "Ring" genauer befasst, am Ende unweigerlich auf die Brückners.

Nach Bizets "Carmen" wird Wagners "Rheingold" bereits Ihre zweite Premiere am Landestheater innerhalb eines halben Jahres. Wie hat sich das ergeben?

Dass ich in dieser Saison schon "Carmen" inszeniert habe, war ursprünglich gar nicht geplant. Denn als wir zusammen mit dem Intendanten das "Ring"-Projekt zuerst besprochen haben, musste man noch davon ausgehen, dass die Spielzeit 2018/2019 eher beendet würde und das Theater im Herbst in die Interimsspielstätte umziehen würde. Dass ich jetzt schon "Carmen" hier inszeniert habe, hat durchaus Vorteile, weil ich auf diese Weise das Ensemble, mit dem ich arbeite, schon kenne.

Sie arbeiten bei manchen Produktionen nur als Bühnenbildner, bei manchen entwerfen Sie das Bühnenbild und inszenieren zugleich. Ist es leichter, wenn Sie zugleich für Bühnenbild und Regie verantwortlich sind?

Leichter ist es nicht. Natürlich gehen manche Dinge schneller, wenn man für beide Aspekte zuständig ist. Was man zunächst nicht hat, ist das Reflektieren mit einem Gegenüber. Ich suche mir deshalb Leute, mit denen ich im Austausch bleibe.

Wie weit ist das Konzept für die drei weiteren "Ring"-Teile gediehen? Setzen Sie interpretatorisch auf einen roten Faden oder soll jeder Abend einen individuellen Akzent erhalten?

Ich sehe den "Ring" schon als Gesamtes, aber jeder Abend ist für sich auch eine abgeschlossene Erzählung. Ich werde nicht für jeden Teil eine vollkommen andere Ästhetik entwickeln. Es gibt Elemente, die durchgehen werden in allen "Ring"-Teilen. Ich habe eine Ästhetik entwickelt, die auf diese Bühne hier passt, die ja nicht besonders groß ist. Hier muss man andere Bilder finden als für eine wesentlich größere Bühne.

Die Proben zu "Rheingold" haben bereits zum Ende der letzten Spielzeit begonnen, nach den Theaterferien wurden die Proben fortgesetzt. Ist diese Pause ein Vor- oder Nachteil?

Beides. Der Vorteil ist, man kann schon gut etwas vorentwickeln in den dreieinhalb Wochen am Spielzeitende und man hat dann in den Theaterferien die Gelegenheit, alles nochmals zu überdenken. Der Nachteil ist, dass alle Beteiligten rauskommen aus der Produktion.

Wie lässt sich Ihr Konzept für "Das Rheingold" oder den "Ring" insgesamt in wenigen Sätzen beschreiben?

Spannend ist das Nebeneinander von zwei Ebenen im "Ring". Auf der einen Seite gibt es diese mythische Welt, die eine absolute Kunstwelt ist, für die sich Wagner aus der gesamten nordeuropäischen Mythenwelt bedient hat. Auf der anderen Seite ist es - auch heute noch - eine sehr interessante gesellschaftspolitische Studie. Der "Ring" erzählt viel über uns, über unsere Probleme, auch über die Probleme, die wir mit unserer Umwelt haben. Auf der einen Seite hat man Götter, Riesen Zwerge, auf der anderen Seite benehmen sie sich doch wie heutige Menschen. "Rheingold" handelt von der Entstehung von Kultur und Bewusstsein.

Wie sehen Sie die Figuren in Wagners "Ring"?

Die Figuren zeigen uns verschiedene Entwicklungsstufen unserer kulturellen Entwicklung. Alberich zum Beispiel ist auf einer sehr frühen Entwicklungsstufe. Er ist sehr triebgesteuert, besitzt einen unglaublichen Machtinstinkt. Wotan ist viel reflektierter, spiritueller als Alberich. Dennoch aber hat er den Untergang ausgelöst. Im gesamten "Ring" sehen wir, wie Wotan immer wieder scheitert - bis er am Ende untergeht. Wotan steht für unsere Hybris, die Illusion, dass wir die Natur beherrschen können. Wotan steht für die Folge unserer arroganten Haltung, wie wir mit der Umwelt umgehen. Im "Ring" erzählt Wagner von der Entstehung unserer Kultur, übertragen in eine fast kindlich anmutende Bildwelt. Davon muss man im "Rheingold" erzählen.

In welchem zeitlichen Rahmen siedeln Sie "Rheingold"?

Für mich gibt es zwei Zeitebenen. Die mythische Zeit ist eine konstante, keine chronologische Zeit. Auf der anderen Seite gibt es die rationale, chronologische Zeit. Diese beiden Zeitebenen stoßen aufeinander. Dazu erfinde ich eine weitere Ebene mit Menschen aus der heutigen Zeit, die auf der Bühne das Geschehen live miterleben.

Wie erleben Sie während der Probenzeit Coburg?

Ich lebe ansonsten in München ganz im Zentrum. Für mich ist Coburg sehr beruhigend. Ich liebe die Ruhe, die die Stadt ausstrahlt. Coburg ist eine wunderschöne Stadt. Das Tempo ist angenehm ruhig.

Haben Sie Zeit gefunden, Sie verschiedene Produktionen am Landestheater anzusehen?

In der Oper habe ich in der Spielzeit 2018/2019 alle Produktionen gesehen. Ich wollte natürlich auch die Sänger sehen, mit denen ich arbeite.

Kannten Sie Coburg schon, bevor Sie zu den "Carmen"- und "Rheingold"-Proben ans Landestheater gekommen sind?

Als junger Bühnenbildner habe ich mich bei zwei Theatern vorgestellt - Ende der 1980er Jahre auch beim damaligen Ausstattungsleiter am Landestheater. Der hat sich meine Mappe scheinbar sehr interessiert angesehen und gesagt: "Wir melden uns". Danach habe ich nie wieder von ihm gehört. Dass ich drei Jahrzehnte später hier den "Ring" inszeniere, ist etwas ganz Besonderes.

Rund um die Neuinszenierung von Wagners "Rheingold" am Landestheater Coburg

Premieren-Tipp Richard Wagner "Das Rheingold" - Vorabend des Bühnenfestspiels "Der Ring des Nibelungen", 29. September, 18 Uhr, Landestheater Coburg

Produktionsteam Musikalische Leitung: Roland Kluttig

Inszenierung und Bühne: Alexander Müller-Elmau

Kostüme: Julia Kaschlinski

Dramaturgie: Dorothee Harpain

Besetzung Wotan: Michael Lion

Donner: Marvin Zobel

Froh: Peter Aisher

Loge: Simeon Esper

Alberich: Martin Trepl

Mime: Dirk Mestmacher

Fasolt: Felix Rathgeber

Fafner: Bartosz Araszkiewicz

Fricka: Kora Pavelic

Freia: Olga Shurshina

Erda: Evelyn Krahe

Woglinde: Dimitra Kotidou

Wellgunde: Laura Incko

Floßhilde: Emily Lorini

Alexander Müller-Elmau, 1961 in Göttingen geboren, ist als Bühnenbildner, Autor und Regisseur tätig. Er studierte Bühnen- und Kostümbild an der Kunsthochschule Köln sowie Philosophie und Theaterwissenschaft in München. Als Bühnenbild- und Regieassistent war er an verschiedenen Opernhäusern in Europa tätig. Ab 1992 begann er als selbstständiger Bühnen- und Kostümbildner für Oper und Schauspiel an der Staatsoper München sowie am Bayerischen Staatsschauspiel. Mit Hans-Ulrich Becker entstanden zahlreiche weitere Arbeiten. Stationen seiner Tätigkeit für das Musiktheater waren Saarbrücken, Bonn, Kapstadt, Strasbourg, München, Hamburg.

Regie-Karriere Daneben ist Alexander Müller-Elmau seit 1991 auch als Dramatiker mit bislang sieben Bühnenwerken bekannt geworden. Seit 2003 führt Müller-Elmau auch Regie. Zu seinen bisherigen Regie-Stationen zählen das Staatstheater Stuttgart, das Theater Heidelberg, das Theater Freiburg, das Düsseldorfer Schauspielhaus sowie das Oldenburgische Staatstheater. Am Landestheater Coburg stellte er sich als Regisseur und Bühnenbildner mit der Neuproduktion von Georges Bizets "Carmen" Anfang Juni erstmals vor. red

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