Coburg
Zeitgeschichte

Zwangsversteigerung vor 80 Jahren schlägt Wellen

Das Thema kam im Zuge der überregionalen Berichte zur geplanten Max-Brose-Straße aufs Tapet: Max Brose und sein Geschäftspartner Ernst Jühling ersteigerten 1935 die Villa des vormaligen Hauptaktionärs und Generaldirektors der Coburger Grossmann AG, Abraham Friedmann.
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Das Anwesen Ketschendorfer Straße 2 ist heute ein Hotel.
Das Anwesen Ketschendorfer Straße 2 ist heute ein Hotel.
"Der Erwerb des Anwesens durch Max Brose und Ernst Jühling ist rechtens." Das schreibt der Historiker Gregor Schöllgen als Unternehmenschronist auf Seite 72 in seinem Buch über die Firma Brose ("Brose. Ein deutsches Familienunternehmen, 1908 - 2008", erschienen 2008). Doch an dieser Aussage hegt der Coburger Kulturwissenschaftler Hubertus Habel erhebliche Zweifel. Er befasst sich seit geraumer Zeit mit dem Fall Friedmann und will noch in diesem Jahr einen wissenschaftlichen Aufsatz darüber herausbringen.

"Abraham Friedmann, seit 1922 Hauptaktionär und Vorstand der Grossmann AG, war seither als jüdischer Industrieller zentrales und idealtypisches Ziel des Coburger Nazi-Terrors", erläutert Habel. Friedmann sei systematisch verleumdet und bedroht worden, und zwar schon 1922.
Dabei hatte Friedmann in Coburg hohes Ansehen genossen, wie in Hubert Fromms Buch "Die Coburger Juden" nachzulesen ist: Friedmann, in Autenhausen geboren und Viehhändler, leitete während des Ersten Weltkriegs die Coburger Bezirksschlächterei. Nach dem Krieg wechselt er zur Großschlachterei Grossmann.

Fromm zeichnet in seinem Buch Friedmanns Leben auf wenigen Seiten nach (226 bis 230). Friedmann verlässt Coburg 1933, geht erst nach Berlin und später nach Paris. 1935 wird sein Anwesen Ketschendorfer Straße 2 versteigert, weil er seine Schulden nicht mehr bedienen kann. Was die Versteigerung und einen späteren Vergleich von Brose und Jühling mit Friedmanns Erben angeht, stützt Fromm sich auf die Darstellung in Schöllgens Brose-Buch.

Hubertus Habel will diese Geschichte neu schreiben: "Die ,Arisierungen‘ der Firma Grossmann 1933 und zwei Jahre später der Friedmann-Villa basieren auf systematischem und gewalttätigem NS-Terror mit dem Ziel des bürgerlichen und finanziellen ,Todes‘ von Friedmann." Fromm habe sich nicht auf die Akten aus dem Wiedergutmachungsverfahren stützen können, weil diese zur Zeit seiner Veröffentlichung noch nicht freigegeben waren, erläutert Habel. Und Schöllgen übernehme vieles unkritisch aus Max Broses Entnazifizierungsakte. So zitiere er die Behauptungen des Notars und Rechtsanwalts Alfred Ehrlicher, "mit der dieser während des Brose-Spruchkammer-Verfahrens diese gegen Friedmann gerichteten ,Arisierungen‘ bestreitet, alles auf eine Hypothek von 1930 schiebt und ,politische Gründe‘ abstreitet, weil 1930 die Nazis noch nicht geherrscht hätten." Für Habel sind das Falschaussagen, die Schöllgen übernommen habe und die Max Brose "an einem besonders kritischen Punkt im Entnazifizierungsverfahren entlasten". Denn 1930 hatten die Coburger Nazis bereits die Stadtratsmehrheit in Coburg.

"1935 machte sich Ehrlicher (als mit der Versteigerung beauftragter Notar) ebenso wie die befassten Gerichte in Coburg und Bamberg nach heutigen Maßstäben der Rechtsbeugung schuldig, als sie Friedmanns berechtigte Forderung nach Vollstreckungsschutz mit dem Argument zurückwiesen, die Entlassung Friedmanns 1933 habe allein mit der ,politischen Entwicklung‘ zu tun." Habel verweist hier auf entsprechende Gerichtsakten, die im Staatsarchiv Coburg liegen (StACo AG CO 36579). Doch Friedmann sei 1933 nicht wegen "der politischen Entwicklung" entlassen worden, sondern wegen wirtschaftlicher Gründe - "nie bewiesene Geldtransfers und Bilanzfälschungen", wie Habel unter Hinweis auf einen entsprechenden Artikel in der Coburger Nationalzeitung vom 7. Juni 1933 feststellt.

"Durch das Verschweigen von Quellen, die Friedmann entlasten, und durch das Zitieren von Lügen von NS-Tätern zugunsten von Max Brose hat Schöllgen sich nicht nur in wissenschaftlicher Hinsicht diskreditiert. Indem er dies auf dem Rücken von Abraham Friedmann bewerkstelligt, diffamiert er dieses zentrale Opfer des antisemitischen Terrors der Coburger Nazis ein weiteres Mal", fasst Habel zusammen.

Schöllgen hatte kurz nach Pfingsten sein Brose-Buch gegen Angriffe verteidigt und unter anderem behauptet, die heute im Staatsarchiv einsehbare Akte zum Spruchkammerverfahren von Max Brose sei nicht mit der identisch, die ihm seinerzeit vorgelegt wurde. Auch da widerspricht Habel: Das sei anhand einer 2004 für die Firma Brose angefertigten und seither unveränderten Kopie dieser Akte überprüfbar.

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