Coburg
Zeitgeschichte

Zwangsarbeiter in Coburg: Viel Geld für dürre Fakten

Die Stadt hält die Dokumentation über Zwangsarbeit in Coburg während des Zweiten Weltkriegs unter Verschluss. Nichts könnte neugieriger machen als etwas, das geheim bleiben soll. Vor allem, wenn bei den Gründen dafür Raum für Mutmaßungen bleibt.
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Dieses Relief von Lindor Kühnlenz aus dem Jahr 1942 befindet sich im Depot der Städtischen Sammlungen Coburg. Es zeigt eine idealisierte Darstellung der Arbeitswelt zu dieser Zeit - aber es arbeiten nur Frauen, Kinder und alte Männer. Zwangsarbeiter sind nicht zu sehen, obwohl ohne sie die Wirtschaft zu dieser Zeit kaum aufrechtzuerhalten gewesen wäre. Auch die Faktenlage über Zwangsarbeit in Coburg ist nach wie vor dünn - nach dem gescheiterten Versuch von 2002/05 gab es keine Aufarbeitung m...
Dieses Relief von Lindor Kühnlenz aus dem Jahr 1942 befindet sich im Depot der Städtischen Sammlungen Coburg. Es zeigt eine idealisierte Darstellung der Arbeitswelt zu dieser Zeit - aber es arbeiten nur Frauen, Kinder und alte Männer. Zwangsarbeiter sind nicht zu sehen, obwohl ohne sie die Wirtschaft zu dieser Zeit kaum aufrechtzuerhalten gewesen wäre. Auch die Faktenlage über Zwangsarbeit in Coburg ist nach wie vor dünn - nach dem gescheiterten Versuch von 2002/05 gab es keine Aufarbeitung mehr. Foto: Simone Bastian/CT-Archiv
Es hat lang gedauert, bis Deutschland begann, sich einigermaßen nüchtern und sachlich mit seiner Geschichte nach dem Ersten Weltkrieg auseinanderzusetzen, mit dem Nationalsozialismus, dem Holocaust, dem Zweiten Weltkrieg. Nun will auch die Stadt Coburg das Thema angehen - so hat es der Stadtrat beschlossen. Vor zehn Jahren scheiterte ein erster Versuch, einen Teilbereich aufzuarbeiten. Damals ging es um die Zwangsarbeiter, die Zeit von 1939 bis 1945.

Der Anfang

2001 beantragten die Freien Wähler im Stadtrat, dass die Stadt Coburg 100 000 Mark an die Bundesstiftung "Erinnerung, Verantwortung, Zukunft" spenden solle. Aus dieser Stiftung wurden Zwangsarbeiter entschädigt, die als Kriegsgefangene oder Deportierte für Deutschland arbeiten mussten. Auch Coburger Firmen beteiligten sich an der Stiftung. Die Stadt (der Finanzsenat) wollte das aber nicht. Dafür wurde beschlossen, die Geschichte der Zwangsarbeiter in der Stadt wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen. Der Auftrag ging an die Coburger Geschichtswerkstatt, einem Verein.

Die Recherche

Die Geschichtswerkstatt Coburg richtete eine Stelle im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme ein. Neben den 18 000 Mark, die sie von der Stadt für die Aufarbeitung erhielt, soll es Geld vom - damals noch so genannten - Arbeitsamt gegeben haben, erinnern sich Beteiligte. Der Vorsitzende der Geschichtswerkstatt trat zurück und übernahm die Stelle selbst. Weil Coburger Archive nicht viel Material hergaben und die Coburger Zwangsarbeiter dem Stammlager Hammelburg angehörten, recherchierte der Historiker viel in Würzburg, wo die Akten des Stammlagers Hammelburg heute verwahrt sind.

Das erste Ergebnis

Einige Jahre gingen ins Land. Aber 2004 lag immer noch kein Ergebnis vor, und der Historiker sagte, er brauche mehr Zeit. So erinnert sich ein Beteiligter, der seinerzeit dem Vorstand der Geschichtswerkstatt angehörte. Doch gleichzeitig verlangte die Stadt nun als Auftraggeberin Ergebnisse und drohte, die Geschichtswerkstatt in Regress zu nehmen. Die drei Vorstandsmitglieder sahen sich plötzlich mit der Forderung konfrontiert, 18 000 Mark aufzubringen - notfalls aus ihrem Privatvermögen.

Notfall-Rettung

In dieser Situation wandten sich die Vorstandsmitglieder an Hubert Fromm, der schon einige Publikationen zur Coburger Geschichte herausgebracht hat, unter anderem das Buch "Die Coburger Juden". Der Historiker und vormalige Vorsitzende musste die Unterlagen herausgeben, die er bis dahin zusammengetragen hatte. Fromm und Claudia Schugg-Reheis versuchten, das Vorhandene in eine lesbare und verständliche Form zu bringen. Entlohnt wurden sie mit den Resten des Vereinsvermögens, wie sich ein Beteiligter erinnert. 2005 war die Arbeit dann fertig.

Das zweite Ergebnis

Der Ordner enthält eine Zusammenfassung dessen, was der vorher beauftragte Historiker herausgefunden hatte, ergänzt um allgemeine Informationen. Was waren Fremdarbeiter, was Zwangsarbeiter, wie wurden Kriegsgefangene behandelt? Dazu Berichte von Zeitzeugen, die teilweise schon in anderen Publikationen zu lesen waren, wie zum Beispiel in Rolf Schillings Dokumentation "Aus einer bewegten Zeit in Coburg - 1945 bis 1950". Zahlen, so weit sie ermittelt werden konnten.

Reaktionen

Die Studie wurde an einige der Firmen, die darin genannt werden, versandt, darunter Brose. Dass Brose Zwangsarbeiter beschäftigt hatte, war kein Geheimnis - das stand schon in der Firmenchronik von Martin Rohm und Sibylle Lüdtke, wo die Jahre 1919 bis 1994 nachgezeichnet sind. Brose hatte auch in die Stiftung zur Entschädigung von Zwangsarbeitern eingezahlt. Zu dieser Zeit, 2005, ließ Brose seine Unternehmensgeschichte umfassend von dem Historiker Gregor Schöllgen aufarbeiten. Der sah sich die Studie an und hatte in der Folge - seine Einschätzung war auch ans Rathaus weitergeleitet worden - ein Gespräch mit dem "Büro des Oberbürgermeisters", wie Schöllgen schreibt. Personen nennt er nicht.

Unter Verschluss

Ein Ergebnis sei gewesen, dass die Studie unter Verschluss genommen wurde, schreibt Schöllgen. Er sei gefragt worden, ob er beziehungsweise die Universität Erlangen das Thema Zwangsarbeiter angehen könnten. Schöllgen schlug vor, die "Geschichte der Stadt Coburg im Zeitalter der Weltkriege" zum Thema zu machen. Doch nachdem er seinen Finanzierungsplan vorgelegt hatte, habe er nichts mehr aus dem OB-Büro gehört, schrieb Schöllgen unlängst.

Leiter des OB-Büros war damals Stefan Hinterleitner. Der schlug im September 2005 dem Finanzsenat vor, die Studie in der vorliegenden Form zur Kenntnis zu nehmen. Nachbesserungen seien gegenüber dem kleinen Verein Geschichtswerkstatt nicht durchsetzbar. Dessen Vorstand war froh, dass die Stadt auf weitere Forderungen verzichtete. Die Studie verschwand im Stadtarchiv. Die "semiprofessionelle, unvollständige und somit fehlerbehaftete Ausarbeitung" sollte nicht veröffentlicht werden, "um keine ,Halbwahrheiten‘ nach außen zu bringen". So steht es in einem Papier, das dem Tageblatt vorgelegt wurde, als es den Ordner im Stadtarchiv einsehen wollte.

Der Inhalt?

Brisante Fakten enthält die Studie nicht. Dass sie - auch für den Laien - das Geld nicht wert sein dürfte, das sie gekostet hat, ist vermutlich der Hauptgrund, warum sie unter Verschluss blieb. Das spärliche Datenmaterial - allein schon die Zahl der Fremd- und Zwangsarbeiter ist schwer zu bestimmen - wird durch einige wenige Zeitzeugenberichte und aktenkundige Vorgänge ergänzt. Sie werfen einige Schlaglichter auf die Coburger Situation. So schildert eine Zeitzeugin, wie ein junger Pole schikaniert wurde, der bei der Coburger Maschinenbau AG in Neuses eingesetzt war. Doch ob das die Regel war oder ein Einzelfall, bleibt unklar.


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