Berlin
Bären-Prognose

Zu früh, zu kurz, zu ähnlich - warum welche Filme keine Bären gewinnen

Wer wird bei der Vergabe der Berlinale-Bären am Wochenende Grund zum Jubeln haben? Und welche Rolle werden dabei statistische Wahrscheinlichkeiten spielen?
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Zu kurz, um zum Gewinner zu werden? "The Party" mit Timothy Spall war auf jeden Fall der amüsanteste Wettbewerbsbeitrag der 76. internationalen Filmfestspiele in Berlin. Foto: Berlinale
Zu kurz, um zum Gewinner zu werden? "The Party" mit Timothy Spall war auf jeden Fall der amüsanteste Wettbewerbsbeitrag der 76. internationalen Filmfestspiele in Berlin. Foto: Berlinale
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Das Auffällige am Wettbewerb der 67. internationalen Filmfestspiele in Berlin ist die Tatsache, dass er keinen Ausreißer nach unten hatte. 18 Filme waren zu sehen, keiner davon wurde für das Publikum zum richtigen Ärgernis. Und das ist schon mal was, das lehrt die lange Berlinale-Geschichte.


Selten war der Favorit auf den goldenen Bären für den besten Film so eindeutig wie in diesem Jahr: Aki Kaurismäkis "Die andere Seite der Hoffnung" - eine augenzwinkernde Mischung Flüchtlingsgeschichte und finnischer Randgesellschaftsstudie - passt in diese unruhige Zeit wie die Faust aufs Auge. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Finnen den Hauptpreis mit nach Hause nehmen dürften, schließlich weiß man nie, wie sich die Befindlichkeiten in einer siebenköpfigen Jury entwickeln. Und: Mit der italienischen Dokumentation "Fuocoammare" gewann erst im vergangenen Jahr ein Film zur Flüchtlingswelle den Goldenen Bären.


Das Streben nach inhaltlicher und künstlerischer Abwechslung könnte da den Filmen aus der zweiten Reihe den Hauptpreis bescheren. Erstaunlich gewandelt hat sich zum Beispiel die Wahrnehmung der Kritiker bei "Wilde Maus", dem Regie-Erstling des österreichischen Kabarettisten Josef Hader. Wurde direkt nach der Premiere zu Festivalbeginn noch über fehlende Momente des Humors und eine überzogene Bildsprache geklagt, so wird die Geschichte des abstürzenden Musikkritikers inzwischen als ernsthafter Kandidat für eine Auszeichnung gehandelt. Der silberne Bär für die beste Regie sollte es dann aber bitte nicht gleich sein.


Traditionell schwer haben es im Berlinale-Wettbewerb die großen Filmnationen. Aus den USA kam vor 17 Jahren mit "Magnolia" der letzte große Gewinner, da wird die magere amerikanische Präsenz mit nur einem Film - der geschwätzigen Ethik-Fragerei "The Dinner" mit einem übertrieben gutmenschigen Richard Gere in der Hauptrolle - kaum etwas daran ändern.

Dass auch England (zuletzt mit 2003 mit Michael Winterbottoms "In this World" an der Reihe) kein Kandidat für den wichtigsten Preis ist, hat keine qualitativen Gründe: Die im Gegensatz zu "The Dinner" höchst unterhaltsame Schwafelrunde von "The Party" ist nur 71 Minuten lang. Und alteingesessene Berlinale-Statistiker schwören Stein und Bein, dass alles unter der ungeschriebenen Langfilm-Grenze von 90 Minuten von Haus aus keine Chance auf den goldenen Bären hat.


Mit Bedauern hat das enthusiastische Berlinale-Publikum heuer zur Kenntnis nehmen müssen, dass es außer Aki Kaurismäki kein nordischer Film in den Wettbewerb geschafft hat. Das ist schade, denn was die Dänen oder Norweger dem größten Publikumsfestival der Welt schon für unvergessliche Momente der Leichtigkeit geschenkt haben, ist wirklich bemerkenswert.


Da bleibt in der Bilanz der neun Wettbewerbstage Platz für cineastisch eher unbekannte Regionen. Die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi siedelte ihre wunderbar zarte Liebesgeschichte "On Body and Soul" ausgerechnet in einem Groß-Schlachthof an. Das, was da auf den ersten Blick ganz und gar nicht zueinander passt, war vielleicht sogar die größte Überraschung der Berlinale 2017.

Dumm nur, dass der Film gleich nach dem lauen Auftaktfilm "Django" zu sehen war. Und Filme zu Beginn des Festival, auch das behaupten die ewigen Statistiker, haben äußerst geringe Chancen auf eine Auszeichnung. Es wird Zeit, den mathematischen Weisheiten den Zahn zu ziehen.

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