Coburg
Strafprozess

Wurden Kinder in einer Kita im Kreis Coburg misshandelt?

Die Staatsanwaltschaft Coburg wirft der ehemaligen Leiterin und einer Kinderpflegerin vorsätzliche Körperverletzung und Misshandlung vor.
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Die Staatsanwaltschaft Coburg wirft der ehemaligen Leiterin und einer Kinderpflegerin vorsätzliche Körperverletzung und Misshandlung vor. Symbolfoto: Patrick Pleul, dpa
Die Staatsanwaltschaft Coburg wirft der ehemaligen Leiterin und einer Kinderpflegerin vorsätzliche Körperverletzung und Misshandlung vor. Symbolfoto: Patrick Pleul, dpa

Sie sollen an Armen und Haaren gerissen, zu Boden geschubst, geschlagen oder zum Essen gezwungen worden sein: Neun Kinder, damals im Alter zwischen zwei und vier Jahren, sind - davon ist Staatsanwältin Jana Huber überzeugt - über einen Zeitraum von vier Jahren bis in den Januar 2015 von zwei Mitarbeiterinnen einer Kindertagesstätte im Landkreis Coburg misshandelt worden.


Großer Medienrummel

Seit Mittwoch müssen sich deshalb die damalige Leiterin der Einrichtung aus Coburg und ihre Kollegin aus dem südlichen Landkreis vor dem Coburger Amtsgericht wegen vorsätzlicher Körperverletzung und Misshandlung von Schutzbefohlenen verantworten. Die Auftaktverhandlung sorgte für großen Medienrummel.

Der Leiterin wirft die Staatsanwaltschaft vor, einem Mädchen mit einem Löffel so lange Obstsalat aufgezwungen zu haben, bis das Kind erbrach. Einem Buben, der sich aufgrund einer Entwicklungsverzögerung nur schwer artikulieren konnte, seien beim Essen der Nachschlag oder Zwischenmahlzeiten verweigert worden. Die Angeklagte, die schon vor mehreren Jahren die Leitung des Kindergartens abgegeben hat, bestritt die Vorwürfe und sprach von einem "Komplott" der Mitarbeiter. Ein "Team-Komplott" nannte es auch die mitangeklagte Kinderpflegerin. Auch sie bestritt die Vorwürfe.

Eine Zeugin, die ebenfalls als Kinderpflegerin in der Einrichtung tätig ist, war sich über die Zeitabläufe, das Ausmaß der Gewalt und das Alter der betroffenen Kinder teilweise nicht mehr sicher. Sie musste sich einer Vielzahl von Nachfragen unterziehen und sah sich vonseiten der Verteidigung gar dem Vorwurf der Falschaussage ausgesetzt. Die Frau gab zu, von der Freistellung der beiden Angeklagten profitiert zu haben. Statt in Teilzeit habe sie nach deren Ausscheiden endlich in Vollzeit arbeiten dürfen. Ähnlich wie eine zweite Zeugin beschrieb sie die beiden Angeklagten als "grob" und "genervt" im Umgang mit den Kindern. Dennoch sei sie von der guten Arbeit der Kindergartenleitung überzeugt gewesen, gab sie an. Später habe sie allerdings von Intrigen erfahren, die die Vorgesetzte gegen die einzelnen Mitarbeiter gesponnen habe. "Für mich war sie eine klasse Leitung, bis der Knoten geplatzt und das Kartenhaus zusammengefallen ist", sagte sie. Die Zeugin gab zu, dass die Stimmung im Team von Enttäuschung von der Vorgesetzten geprägt gewesen sei.


Verletzungsspuren zu sehen

Die Zeugin berichtete, wie ein Junge im Beisein der Kindergartenleiterin von der Kinderpflegerin auf die Hand geschlagen wurde, so dass die Spuren deutlich zu sehen gewesen seien. Sie sei geschockt gewesen und habe eine Kollegin ins Vertrauen gezogen. "Die beiden waren zu zweit und ich hatte keine Zeugen", schilderte sie, "es blieb mir nichts anderes übrig, als zu schweigen."

Die zweite Zeugin bestätigte das: Ihre Kollegin sei entsetzt und "schneeweiß im Gesicht" zu ihr gekommen, sagte sie aus, und habe ihr von den Schlägen erzählt. Auch sie berichtete von tätlichen Übergriffen.
Beide Zeuginnen mussten sich bohrenden Fragen der Verteidigung stellen, warum sie es unterlassen hätten, die Vorfälle an Arbeitgeber, Träger oder Eltern zu melden. Dabei kam zur Sprache, dass eine Mitarbeiterin, die sich das offenbar getraut hatte, mit einem Aufhebungsvertrag konfrontiert worden sei. Der Betriebsrat, dem das Team die Vorwürfe schließlich gemeldet habe, habe im Hinblick auf die beruflichen Chancen der beiden Mitarbeiterinnen keine Maßnahmen ergriffen.

Ob nun "Schubsen" oder "Schleudern", "Klapse" oder "Schläge auf den Hinterkopf", beide Zeuginnen machten ähnliche Angaben über die grobe Behandlung der Kinder. Auch die zweite Zeugin sagte aus, die Kinder seien "gestaucht" oder am Arm gezerrt worden, der Umgangston in der Gruppe sei "rau" und "herrisch" gewesen. Sie schilderte einzelne Fälle, in denen die Kinderpflegerin einen Buben gegen eine Tür "geschleudert" haben oder ein Mädchen gemaßregelt haben soll. Das Kind habe "geweint und sich die Haare ausgerissen dabei".
Während die auf der Anklagebank sitzende Kindergartenleitung zur Kur war, habe sich auch eine Praktikantin erschüttert gezeigt über den Umgang der mitangeklagten Kinderpflegerin mit den Kindern, erklärte die Zeugin. Die Praktikantin soll daraufhin einen Brief an die Leiterin geschrieben haben, den diese allerdings nicht erhalten haben will.
Nach dem Ausscheiden der beiden Mitarbeiterinnen sei schließlich der Damm gebrochen. "Die Kinder haben angefangen zu reden", erzählte die zweite Zeugin. Ein Junge habe gesagt: "Kopf aua macht", ein anderer habe von einer "bösen" Frau gesprochen, ein dritter Bub habe ständig geweint, wollte nicht duschen und sich nicht wickeln lassen. Diese Kinder hätten alle den Namen der Kinderpflegerin genannt, so die Zeugin.


14 Zeugen sind geladen

In dem aufwendigen Verfahren unter dem Vorsitz von Amtsrichterin Melanie Krapf sollen mehr als 14 Zeugen vernommen werden. Die Verhandlung wird am 27. März fortgeführt.

 

Hinweis: Das Verfahren gegen die Kindergartenleitung ist zwischenzeitlich durch Freispruch im Berufungsverfahren beendet worden.

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