Beiersdorf bei Coburg
Mordprozess

Wird es nun eng für Helmut S.?

Die Verteidiger von Paul K. und Peter G. präsentieren in ihren Plädoyers eine Version der Tatnacht, die den Noch-Ehemann von Maria S. in Bedrängnis bringt.
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Helmut S. (links) mit seinem Anwalt Felix Leyde. Er forderte am Freitag Freispruch für seinen Mandanten. Foto: CT-Archiv / Ronald Rinklef
Helmut S. (links) mit seinem Anwalt Felix Leyde. Er forderte am Freitag Freispruch für seinen Mandanten. Foto: CT-Archiv / Ronald Rinklef
Vom "ominösen Dritten" spricht man immer dann, wenn die Vermutung nahe liegt, dass ein Dritter beteiligt war, man aber nicht so recht weiß, wer das gewesen sein könnte. Im Prozess um den gewaltsamen Tod des Coburger Bordellbetreibers Wolfgang R. wurde in den Plädoyers der Verteidigung am Freitag aus dem ominösen ein recht konkreter Dritter: Der Fingerzeig der vier Verteidiger von Paul K. und Peter G. ging in die selbe Richtung: Hin zu Helmut S., dem Noch-Ehemann von Maria S., der Lebensgefährtin des Opfers.
Schon Elke Zipperer, die die Tochter von Wolfgang R. als Nebenklägerin vertritt, hatte in ihrem Plädoyer am Mittwoch den Gastwirt beschuldigt, in der Nacht zum 12. Dezember 2013 am Tatort im Beiersdorfer Eichenweg gewesen zu sein und Wolfgang R., nachdem Peter G. und Paul K. das Haus verlassen hatten, die tödlichen Tritte versetzt zu haben. Am Freitag folgten ihr nun auch die Verteidiger von Peter G.
und Paul K., die im bisherigen Prozessverlauf immer als die alleinigen Täter gegolten hatten.


Viele Mosaiksteinchen

Helmut S. war, ebenso wie Maria S., im ersten Prozess am Landgericht Coburg wegen Anstiftung zur Körperverletzung verurteilt worden. Dass er nach September 2013 - bis dahin hatte er bei Wolfgang R. im Keller gewohnt - noch einmal im Haus des Opfers gewesen sei, konnte ihm nicht nachgewiesen werden.
Doch nun, nach einer ausführlichen Beweisaufnahme im zweiten Prozess, setze sich das "Mosaik" um Helmut S. langsam zusammen, wie die Anwälte der beiden mutmaßlichen Haupttäter ausführten. Da wären zum Beispiel zwei Laubblätter im Wohnzimmer, die nur jemand von draußen durch die Terrassentür hereingetragen haben könne, wie Anwalt Till Wagler erläuterte. Peter G. und Paul K. waren durch die Haustür hinein und über die Terrasse wieder hinaus gegangen.
Zudem hatte das LKA Niedersachsen drei Schuhabdrücke am Tatort festgestellt, von denen nur zwei den beiden 25 und 46 Jahre alten Angeklagten zugeordnet werden konnten. "Es gibt also einen Dritten, der hier war", folgerte Wagler.
Weiteres Indiz: Der durchwühlte Keller. Peter G. hatte zwar ausgesagt, das sei er gewesen, er habe aber den Keller gar nicht korrekt beschreiben können und es sei auch nichts Wertvolles gestohlen worden, so Wagler. Mehrere Uhren und eine Geige seien noch im Keller gewesen. Helmut S. dagegen habe durchaus ein Motiv gehabt, im Keller gezielt zu suchen: Nach den Darlehensverträgen zwischen seiner Noch-Ehefrau und Wolfgang R..
Was die Version der Verteidiger stützt, ist die Tatsache, dass keiner der Zeugen, die in der Tatnacht zu Gast im Clou waren, Helmut S. noch nach 0.15 Uhr gesehen hatte. "Wir haben also eine Zeitspanne von 0.15 bis 4.45 Uhr", sagte die Anwältin von Paul K., Kerstin Rieger. Genügend Zeit für den 59-Jährigen, mit dem Auto nach Beiersdorf zu Wolfgang R. zu fahren und wieder zurück nach Coburg. "Das sind zwölf Kilometer hin und zurück, das ist in knapp einer Viertel Stunde zu schaffen", so Rieger.


Fährte bis zum Waldrand

Dazu passe auch die Fährte von Helmut S., die die Spürhunde der Polizei bis zum nahen Wald verfolgt hatten, erläuterte die Anwältin. Wenn man, wie Helmut S., "ohne Führerschein unterwegs ist, macht es Sinn, ein bisschen hintenrum über Waldwege zu fahren." Gerade diese Spur hatte im Verlauf des Verfahrens Fragen aufgeworfen, weil sie nicht recht zu erklären gewesen war.
Bringt man damit die Aussage des Rechtsmediziners Stephan Seidl in Einklang, wäre es durchaus möglich gewesen, dass Helmut S. einige Zeit nach Paul K. und Peter G. noch einmal ins Haus kam und dem noch lebenden Wolfgang R. die letztlich tödlichen "Stampftritte" versetzte. Seidl hatte ausgeführt, dass es zwischen den diversen Verletzungen, die an der Leiche des Opfers festgestellt wurden, durchaus eine Zäsur gegeben haben könne. Wolfgang R. könnte also noch bis zu einer Stunde gelebt haben, nachdem Paul K. und Peter G. weg waren. Die Verletzungen durch jene "Stampftritte" konnten keinem der bekannten Schuhprofile zugeordnet werden. Dafür sei in der Wohnung von Helmut S. eine Ledersandale gefunden worden, an der sich DNA-Spuren von Wolfgang R. befanden, fasste Kerstin Rieger zusammen.
Einig waren sich die vier Verteidiger, dass Helmut S. der einzige der vier Angeklagten sei, der überhaupt ein Motiv gehabt habe, Wolfgang R. zu töten - auch wenn das sein eigener Anwalt, Felix Leyde genau entgegengesetzt sah und Freispruch für seinen Mandanten forderte. Immerhin hatte es zwischen den beiden Männern heftigen Streit gegeben, Wolfgang R. hatte Helmut S. aus dem Haus und aus der Kneipe geworfen. "Ich bin überzeugt, dass Helmut S. noch einmal im Haus war, dass er seiner Wut freien Lauf gelassen hat und Wolfgang R. die tödlichen Verletzungen beigebracht hat", sagte Till Wagler - und in Richtung des 59-Jährigen: "Seien sie doch mal Manns genug, endlich für sich selber einzustehen, statt Ihre Frau vorzuschieben!"
Dass sich Paul K. und Peter G. schuldig gemacht hatten, sei unbestritten, so die Verteidiger. Allerdings sei den beiden nicht nachzuweisen, dass sie Wolfgang R. getötet hätten. Von Mord könne keine Rede sein. Die Anwälte halten Haftstrafen zwischen sieben und acht Jahren für angemessen.


Voigt fordert Haftentlassung für Maria S.

Seit nunmehr zwei Jahren und acht Monaten sitzt Maria S., genau wie ihre Mitangeklagten Peter G. und Paul K., mittlerweile in Untersuchungshaft. Der Verteidiger der Brasilianerin, Joachim Voigt, forderte in seinem Plädoyer am Freitag eine Haftstrafe von vier Jahren. Zwei Drittel der Zeit seien bereits mit der U-Haft verbüßt, der Haftbefehl gegen seine Mandantin solle aufgehoben werden.
Dass Maria S. Täterin sei, bestreitet Voigt gar nicht. "Selbstverständlich war es ein Überfall", so der Anwalt. Wer einen Schlüssel herausgebe und dafür sorge, dass zwei Fremde in die "beschützenden vier Wände" eines anderen eindringen könnten, habe den Tatbestand erfüllt. Dass aber einfach aus einem Überfall ein Raubüberfall gemacht werde, sei nicht zulässig, und auch "keine Handlungsanleitung, meine Mandantin zu dreizehneinhalb Jahren Gefängnis zu verurteilen", kritisierte Voigt in Richtung des Oberstaatsanwaltes, Martin Dippold. Dieser war in seinem Plädoyer von einem "klassischen Raubmord" ausgegangen und hatte für Peter G. und Paul K. am Mittwoch Lebenslänglich gefordert.
Ein "Skandal" sei das Verhalten der Ermittlungsbehörden in Sachen Dolmetscher gewesen, so Voigt. "Dass in einem Mordverfahren, wo es auf jedes Wort ankommt, ein Übersetzer wie Herr B. eingesetzt wird... Beim Ermittlungsrichter firmiert er als Lehrer, hier ist er plötzlich Lagerist. Er hat kein Portugiesisch studiert, spricht angolanisches Portugiesisch. Dolmetscher ist er jedenfalls nicht", schimpfte Voigt.
Die Angaben seiner Mandantin beim Ermittlungsrichter seien auch deshalb nicht verwertbar, weil die Vernehmungen auf Deutsch niedergelegt wurden. Maria S. habe das Protokoll gelesen und unterschrieben, "dabei kann sie weder Deutsch lesen noch schreiben". Seine Mandantin sei nun einmal keine Frau, die sich auflehne. "Sie fügt sich und sagt gar nichts."
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