Coburg
Aktionstag

Wie es auch ohne Gurte funktioniert

Studenten der Hochschule Coburg zeigten Alternativen zu freiheitsentziehenden Maßnahmen in der Pflege auf.
Artikel drucken Artikel einbetten
Die Studierenden (von links) Larissa Alt und Isabelle Salandi informierten Martina Roos von der Heimaufsicht über Alternativen zu freiheitsentziehenden Maßnahmen in der Pflege. Foto: Gab i Arnold
Die Studierenden (von links) Larissa Alt und Isabelle Salandi informierten Martina Roos von der Heimaufsicht über Alternativen zu freiheitsentziehenden Maßnahmen in der Pflege. Foto: Gab i Arnold
In Seniorenheimen und Pflegeeinrichtungen ist es leider oft trauriger Alltag: Zum vermeintlichen Schutz pflegebedürftiger oder an Demenz erkrankter Bewohner werden freiheitsentziehende Maßnahmen (FEM) wie Fixierungen, Bauchgurte oder Brustkompressen angewandt. Studierende des Studiengangs "integrative Gesundheitsförderung" der Fakultät "soziale Arbeit und Gesundheit" an der Hochschule Coburg haben sich monatelang intensiv mit dem Thema befasst und nach Alternativen gesucht. Ergebnis ist ein Konzeptkatalog, den die Studierenden, zwei Männer und sechs junge Frauen, anlässlich des Aktionstages "Lebensqualität in der Pflege, Freiheit und Autonomie fördern" am Montag vorstellten. Eingeladen waren Angehörige, Pflegende und Mitarbeiter der Einrichtungen in Stadt und Landkreis Coburg.


Pflege wird immer wichtiger

Das Projekt ist ein Baustein des sogenannten Coburger Weges. Dieser, so Niko Kohls, Professor für Gesundheitswissenschaften an der Hochschule Coburg, sieht eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den verschiedenen Teilbereichen vor. Die Pflege, so Kohls, gewinne durch den demografischen Wandel an Bedeutung, mit der steigenden Lebenserwartung nehmen demnach multiple Krankheiten zu. Da stelle sich die Frage: "Wie gehen wir mit den Menschen um, die auf Pflege angewiesen sind."

Die acht Studierenden bekamen im Frühjahr dieses Jahres die Aufgabe gestellt, Alternativen zu Mitteln wie Bauchgurten, Kompressen, Fixierungen von Händen und Beinen zu finden. Für Projektleiter Christoph Zeh und seine Kommilitonen war es ein Sprung ins kalte Wasser. "Wir acht Studierenden sind in den Topf geschmissen worden, wir hatten vorher keine Berührung mit dem Thema."


"Bewegende Eindrücke"

Erfahrungen haben sie in drei Pflegeeinrichtungen in der Region gesammelt. "Das waren Paradebeispiele, die vorbildlich geführt werden und FEM nicht anwenden, aber wir wissen natürlich, das es auch andere Einrichtungen gibt", so der Student. Beeindruckt haben ihn während des Projektes Einzelschicksale an Demenz erkrankter Menschen. "Das waren bewegende Eindrücke." Larissa Alt war vor allem von der Hilfsbereitschaft während der Projektphase begeistert. "Die Menschen waren sehr offen für das Thema und wir haben von allen Seiten Hilfe bekommen."

Fachkundige Unterstützung erhielten die Studierenden von Prof. Andrea Berzlanovich. Die Gerichtsmedizinerin aus Wien beleuchtete die Folgen von FEM mit Bildern und einem Video. Den Menschen wird ihren Worten nach Gewalt angetan, wenn sie in ihrer körperlichen Freiheit eingeschränkt werden. "Häufig ist der Fortbewegungsdrang noch die einzige Form des Ausdrucks", unterstrich sie.

Neben den Fixierungen gehören zu den FEM auch chemische Mittel wie Schlafmittel oder das Einsperren, Sende- und Ortungsanlagen, das Entfernen von Seh- oder Gehhilfen. Die Folgen dieser Maßnahmen seien der Verlust des Selbstwertgefühls, der Selbstwahrnehmung und des Lebensgefühls. Auch Todesfälle durch das unsachgemäße Anbringen von Gurtsystemen kämen vor.

Zu den von den Studierenden aufgezeigten Alternativen gehört die Stressbewältigung bei Pflegekräften, die Sturzprophylaxe für Pflegebedürftige, Kraft-und Stabilisationsübungen, begleitete Ausflüge, ein Nachtcafé oder Biografiearbeit.

Das Konzept soll in die Praxis umgesetzt werden. "Wir möchten in drei Einrichtungen unser Konzept anwenden", so Christoph Zeh. Das Interesse an dem Aktionstag war groß, vor allem Mitarbeiter aus Pflegeheimen informierten sich ausführlich. Martina Roos von der Heimaufsicht war jedenfalls sehr angetan: "Das ist ein wunderbares Projekt."


Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren