Coburg
Erinnerungen

Wie ein großer Abenteuer-Spielplatz

Max Mehr lebte als Kind in der Coburger Villa, die einst Zar Ferdinand I. von Bulgarien bewohnte. Sie wurde 1969 für den DSZ-Neubau abgerissen.
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Die "Parkvilla" am Hofgarten: Max Mehr wohnte als Kind im Dachgeschoss. Im Turm (links) befand sich die Treppe und darüber das Turmzimmer. Repro: Stadtarchiv Coburg
Die "Parkvilla" am Hofgarten: Max Mehr wohnte als Kind im Dachgeschoss. Im Turm (links) befand sich die Treppe und darüber das Turmzimmer. Repro: Stadtarchiv Coburg
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Es ist fast genau 45 Jahre her, dass über dem Diakonisch-Sozialen-Zentrum (DSZ) in der Leopoldstraße die Richtkrone schwebte. Heute ist das DSZ schon wieder Geschichte, es wird zu einer Wohnanlage umgebaut. Die Frage, was sich vor dem Bau des DSZ auf dem Grundstück am Hofgarten befunden hat, können heute wohl nur noch die älteren Coburger beantworten: die sogenannte Parkvilla, auch Hofgartenvilla, Palais der Herzogin-Witwe oder Zarenvilla genannt - im April 1969 wurde sie abgerissen.
Letzteren Namen erhielt das 1874 erbaute herrschaftliche Anwesen mit der Anschrift Park 5, weil es dem bulgarischen Zaren Ferdinand I. zwischen 1918 und 1948 als Exil-Wohnsitz diente. Ursprünglich war die Villa von Baumeister Georg Rothbart für Herzog Ernst II. gebaut worden. Später zog Ernsts Gemahlin, Herzogin Alexandrine, in das Haus und lebte dort bis zu ihrem Tod.
Vor und nach dem Zaren-Intermezzo war die Villa Kriegs-Lazarett, Kindergarten, Seminarschule der Lehrerbildungsanstalt, Quartier für eine Luftwaffen-Einheit und auch Wohnung. Der Coburger Max Mehr verlebte in der Zarenvilla einen Teil seiner Kindheit. Von 1962 bis 1967 bewohnte er mit seiner Familie die einstige Dienstbotenwohnung im Dachgeschoss. Selbst ein halbes Jahrhundert später kann sich Max Mehr noch gut an die Zeit und an viele Einzelheiten erinnern.
Daran zum Beispiel, dass das alte Linoleum in den Wohnräumen seiner Familie mit Löchern übersäht war. Diese stammten von der Vormieterin, einer Gräfin zu Castell-Rüdenhausen, wie Max Mehr erzählt. Die Löcher stammen wohl vom Cello-Stab ihrer Tochter.
1948, nach dem Tode Ferdinands, hatte die Stadt Coburg die Villa gekauft, wie Max Mehrs Bekannter, Rolf Metzner, berichtet. Metzner, der sich leidenschaftlich mit der Coburger Geschichte befasst, hat einiges an Dokumenten und Fotos über die Zarenvilla zusammengetragen. Max Mehr zeigt auf einer alten Ansicht der Villa, wo er einst gewohnt hat. "Hier führte die Treppe hinauf in unsere Wohnung", sagt er und deutet auf den markanten Turm, der das Dach überragt. "Der Turm war bis zum zweiten Stock Treppe, darüber lag ein Turmzimmer. Mein Vater hat es mit hellblauer Farbe gestrichen - das war dann unser ,blauer Salon‘", erzählt Max Mehr lachend.
Auch an die Wohnung des Zaren kann sich der 66-Jährige gut erinnern: "Das waren tolle Räume, Stuckdecken, große Marmorkamine, Eichenparkett und goldgerahmte Spiegel." Im Souterrain gab es eine Küche. "Die war ganz und gar gefliest und es gab einen riesigen Herd, der von vier Seiten zu befeuern war", berichtet Mehr. Die adeligen Bewohner mochten es offenbar mollig-warm, denn im Keller habe es drei große Heizungsanlagen gegeben, die mit Koks befeuert wurden.
Max Mehrs Vater arbeitete Anfang der 60er Jahre bei der Stadt Coburg. "Er hat Bürgermeister Christian Reichenbecher gefahren. Über diese Verbindung wurde uns die Wohnung vermittelt." Sein Vater habe dann auch den "Hausmeister gespielt", als Mitte der 60er Jahre die Bundeswehr im Park 5 Quartier bezog.
Dass die Luftwaffe mit rund 30 Mann in Coburg anrückte, um den Flugplatz Brandensteinsebene auszubauen, sei wohl den besonderen "Connections" der Stadt Coburg zu Franz-Josef Strauß zu verdanken, der bis 1962 Bundesverteidigungsminister war, so Mehr.
Für den damals elfjährigen Max war dieser Besuch in jeder Hinsicht spannend. "Die Lastwagen waren rund um die Villa geparkt, die Verpflegung kam vom BGS - ich habe oft mitgefuttert!" Auch seine erste Fahrstunde gaben ihm die Soldaten - dreimal kurvte Max Mehr im DKW um die Villa - "ich war vielleicht zwölf oder 13". Gut erinnern kann er sich auch noch daran, dass einer der Männer mit dem Luftwaffen-Borgward den Marstall rammte und später die Garage der Zarenvilla. "Die haben sie dann gleich abgerissen", erzählt er und schüttelt lachend den Kopf. Als die Soldaten abgezogen wurden, war es jedoch schnell vorbei mit dem Abenteuer.
Einige ganz besondere Erinnerungsstücke an seine Kindheit in der Zarenvilla hat Max Mehr übrigens von einem engen Bediensteten des Zaren bekommen: Dessen langjähriger Kammerdiener, Iwan Wraikow, lebte nach dem Tode Ferdinands noch bis 1966 im Park 5. Er schenkte Max Mehr einen alten Hebammen-Koffer, der den Zaren (und später auch Max Mehr) viele Jahre auf seinen Reisen begleitet hatte, eine Zeichnung des Zaren-Sohnes, Boris III. und zwei Stühle. Max Mehr lacht: "Auf dem einen sitze ich heute noch jeden Tag im Esszimmer."

Wer war Zar Ferdinand?

Exil Zar Ferdinands Vater war August von Sachsen-Coburg und Gotha, Ferdinand selbst ein Großneffe von Herzog Ernst I. und Großcousin von Prinz Albert. Am 3. Oktober 1918 dankte Ferdinand zugunsten seines Sohnes, Boris III., ab. Ferdinand suchte daraufhin Asyl in Österreich - dort nahm man ihn jedoch nicht auf. Sein Weg führte daher 1918 im Sonderzug nach Coburg. Hier wohnte er wahlweise im Bürglaß-Schlösschen (daher die Bezeichnung Bulgaren-Schlösschen) und in der Zarenvilla am Hofgarten. Einen weiteren Wohnsitz hatte Ferdinand in der Slowakei.

Interessen Ferdinand, der in Fachkreisen hohes Ansehen als Ornithologe und Botaniker genoss, brachte von seinen zahlreichen Reisen, etwa nach Ostafrika, Ägypten und in den Sudan, exotische Vögel mit nach Coburg. Er hielt sie in seinen Volièren (heute Kunstverein) unweit der Villa.

Ehrenbürger Am 26. Februar 1941, anlässlich seines 80. Geburtstages, ernannte Coburg den Zaren in Abwesenheit zum Ehrenbürger - eine Anerkennung für sein Engagement um das kulturelle Leben in Coburg, insbesondere um das Naturkundemuseum.

Tod Zar Ferdinand I. starb am 10. September 1948 im Coburger Bürglaß-Schlösschen. Drei Tage später wurde er in der Koháry-Gruft in der katholischen Kirche St. Augustin beigesetzt. uso
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