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Coburg liest

Wie ein Pubertier-Halter überlebt

Der Satiriker und Kolumnist Jan Weiler füllte das Contakt bis auf sämtliche zusätzliche Plätze. Ganz viele Leute hatten auf mentale Stärkung bei der schwierigen Aufzucht von Töchtern gehofft. Söhne sind später dran. Doch Weiler kann auch nicht helfen. Das war alles sehr zum Lachen.
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Jan Weiler muss auch während seiner Coburger Lesung mit seinem Pubertier telefonieren.  Foto: Carolin Herrmann
Jan Weiler muss auch während seiner Coburger Lesung mit seinem Pubertier telefonieren. Foto: Carolin Herrmann
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Jan Weiler bewältigt das Leben satirisch. Er hat es im Schreiben von Kolumnen, kleinen Texten, die weit ausgreifen, so weit gebracht, dass er die ganze Woche nur noch durchs Land zieht und alle, denen er begegnet, mit auf seine satirische Bahn holt. 2008 nahmen die Coburger Teil an seiner "Drachensaat" und den Verwunderungen seines italienischen Schwiegervaters Antonio im deutschen Wunderland. Mittlerweile ist Jan Weiler geprüfter "Pubertier-Halter", was sein zuspitzendes Talent, den Alltag am Kragen zu packen, bevor der uns packt, aufs äußerste fordert.

Weil Weiler unendlich viele Leidensgenossen hat, war das Contakt bei diesem zweiten Abend der 12. Coburger Literaturtage proppenvoll. Die meisten Zuhörer liefen in der Pause durch die Gegend, rissen die Arme hoch und riefen zwischen Verzweiflung und Erleichterung: "Wie bei uns zuhause, genau wie bei uns zuhause." Jan Weiler hat mittlerweile einen zwölfjährigen Sohn; der geht noch. Noch. Der größte Teil von Weilers jüngstem Bestseller aber ist Carla gewidmet, dem 16-jährigen Pubertier, das Weiler umfassend fordert, ob in seinem pädagogischen Engagement oder, noch schlimmer, unter der krassen Forderung, sich doch in all seiner Peinlichkeit aus dem dramatischen Leben Carlas herauszuhalten.

Höchste Verachtung

Einmal an diesem Abend klingelt sogar Weilers Handy; zu absolut jeder Zeit verfügbar zu sein für seine hin-reißende Tochter, ist wohl das Mindeste, was von ihm als Vater zu erwarten ist.

Jan Weiler hat auch das Talent, andere Menschen nachzumachen. Wie er diesen Ton höchster Verachtung einer 16-Jährigen trifft, seinen esoterisch-freakigen Schwager präsent werden lässt - da ist das Publikum nahe daran, sich kollektiv von den Stühlen zu schmeißen. Nää, oder?

Die anhaltende Pubertier-Diktatur hält Weiler nur aus, weil er den Blick in philosophische Weiten weitet. Er untersucht etwa, welche Zukunftsaussicht auf Diebstahl gegründete Diktaturen haben und kommt dabei auf äußerst skurrile Verknüpfungen: Der koreanische Allmächtige Kim Jong-un habe letztes Jahr, als er fünf oder sechs Wochen von der Bildfläche verschwunden war, einen Mähdrescher aus Spanien nach Fernost überführt. Verkaufen tut ihm ja keiner was.

Was Weiler besonders sympathisch macht, ist, dass er erstens zu seiner einziger pädagogischen Methode steht: Drohungen, Drohungen, Drohungen. Und zweitens rächt er sich mit Genuss, indem er das Pubertier ganz gezielt zum Explodieren bringt. Fakt ist, er hat Erfolg damit: "Die Diskussionen werden allmählich wieder leiser." Wenn er sich umdreht, muss er allerdings die Anzeichen erkennen: Der Zwölfjährige setzt zum Sprung an...

Statt eines sicherlich sinnlosen Gespräches am Ende der kurzweiligen, langen Lesung lädt Weiler dann an den Signiertisch ein, wo man doch auch plaudern, ihm diktieren oder was auch immer tun könne. Er signiert leidenschaftlich, auch fremde Bücher, und schreibt alles rein, was die Leute wollen.

Alles in allem: Weilers Vorgehen ist nicht die schlechteste Methode, die bedrängende Erkenntnis von sich fern zu halten, dass "das Universum eine Arschgeige ist".

Jan Weiler: Das Pubertier. Illustriert von Till Hafenbrak. Kindler bei Rowohlt Hamburg, 128 Seiten, 12 Euro.

Jan Weiler, 1967 in Düsseldorf geboren, arbeitete zunächst als Texter in der Werbung, später als Journalist, zuletzt als Chefredakteur des SZ-Magazins. Seit 2005 ist er frei er Schriftsteller. Mittlerweile hat er 420 Kolumnen unter dem Titel "Mein Leben als Mensch" verfasst; zu lesen in der "Welt am Sonntag" und zu hören in der Sonntagsbeilage von Bayern 2, jeweils fünf Minuten vor 11 Uhr.

Coburg liest: Weiter gehen die 12. Coburger Literaturtage heute mit dem Theater-Extra "Literatur in den Häusern der Stadt". Die meisten der zwölf Lesungen von Schauspielern und Schauspielerinnen des Landestheaters sind ausverkauft, Kurzentschlossene haben noch die Wahl zwischen dem "Guantanamo-Tagebuch" (gelesen von Thomas Straus), Sedaris' "Naked" (gelesen von Ingo Paulick) oder Schnitzlers' "Sterben" (gelesen von Benjamin Hübner). Karten (5 Euro) an der Theaterkasse.
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