Coburg
Vorlesung

Wenig sagen über Max Brose

Ein ehemaliger Hochschulpräsident, der Karl Marx zitiert, Michael Stoschek wird das Wort abgeschnitten, und hinterher ist von Zensur die Rede*. Wer nun einen Skandal erwartet, sollte aufhören zu lesen - das ist alles nur Marketing.
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Prominente Gäste im Hörsaal: Neben dem Ehepaar Stoschek (zweite Reihe) waren mehrere Stadtratsmitglieder sowie Hochschulpräsident Michael Pötzl zur Vorlesung "Wissen und Zweifel- zur Komplexität der Biografie von Max Brose" gekommen. Foto: Simone Bastian
Prominente Gäste im Hörsaal: Neben dem Ehepaar Stoschek (zweite Reihe) waren mehrere Stadtratsmitglieder sowie Hochschulpräsident Michael Pötzl zur Vorlesung "Wissen und Zweifel- zur Komplexität der Biografie von Max Brose" gekommen. Foto: Simone Bastian
"Was hat das alles mit Max Brose zu tun?" Mira Mogalle stellte diese Frage, und sie sprach vielen aus der Seele. Denn bis dahin hatte das Publikum im vollbesetzten Hörsaal 5 am Donnerstagabend viel gehört - über die Organisation von Archiven, über Wissenschaftstheorie, über Methoden der Erkenntnisgewinnung, über den Wert des Zweifels, über die Frage, ob es so etwas wie Wahrheit überhaupt gibt, aber nichts über Max Brose.

Wahrscheinlich gab Hans-Herbert Hartan, der Zwischenrufer aus der obersten Reihe, die richtige Antwort: "Damit der Hörsaal voll wird." Denn sonst hätte die Vorlesung des Wissenschafts- und Kulturzentrums der Hochschule wohl kaum so ein zahlreiches und prominentes Publikum gefunden: Michael und Gabriele Stoschek saßen im Hörsaal, mehrere Stadträte, der Historiker Professor Andreas Dornheim aus Bamberg und zahlreiche heimat- und geschichtskundlich interessierte Coburger.

"Wissen und Zweifel- zur Komplexität der Biografie von Max Brose" hatte das Thema des Abends gelautet, Professor Christian Holtorf hatte das Beispiel Max Brose herangezogen, um aufzuzeigen, wie schwierig es ist, mit Hilfe von alten Dokumenten zu einer "Wahrheit" zu kommen. "Es gibt nur einen momentanen Stand des Irrtums." Ein Bonmot, genauso wie das leicht hingeworfene "Wahrheit ist das, worüber wir uns einig sind. Es muss aber nicht stimmen".

Aber, und so lassen sich die verschiedenen Äußerungen Holtorfs über die zwei Stunden hinweg auch zusammenfassen: Das, was in Gregor Schöllgens Buch über die Brose-Firmengeschichte über den Gründer Max Brose steht, ist nicht zwingend wahr. Es kann stimmen, muss aber nicht, und es lässt sich nicht nachprüfen, ob es stimmt, weil Schöllgen in seinem Buch auf Fußnoten und genaue Quellenangaben verzichtet. Er sagt zwar, welche Quellen er benutzt hat, aber er sagt nie, welche Beschreibung oder Behauptung er mit welcher Quelle belegt.

Das aber ist die Grundvoraussetzung für die wissenschaftliche Bearbeitung eines Themas. Das sagte nicht nur Holtorf, das sagten auch einige seiner Kollegen vom Lehrpersonal der Hochschule, das sagte auch Andreas Dornheim, Professor an der Uni Bamberg, der soeben nach mehrjähriger Recherche die Geschichte der Firma Sachs in Schweinfurt vorgelegt hat. Ein Wissenschaftler müsse auch die Quellen berücksichtigen, die nicht zu seinen Thesen passen, betonte er. "Meines Wissens wissen wir zu wenig über Max Brose, um zu sagen, dass er ein Vorbild ist. Es wird auch nicht damit getan sein, diese 700 Seiten durchzumachen."

"Diese 700 Seiten" sind die Blätter in der Entnazifizierungsakte von Max Brose. Er war einer von über 4900 Coburgern, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg einem solchen Verfahren unterziehen mussten, einer von über 2,5 Millionen Deutschen. Die Akten der Coburger Verfahren lagern seit 1996 im hiesigen Staatsarchiv, inzwischen sind sie auch alle "foliiert", wie die Archivare sagen. Das heißt, die Blätter sind mit Seitenzahlen versehen, so dass man sich eindeutig auf bestimmte Seiten beziehen kann. Als Schöllgen sein Buch schrieb, gab es diese Paginierung noch nicht. Außerdem hatte er vor kurzem behaupte, ihm beziehungsweise seinen Mitarbeitern sei seinerzeit weitaus weniger Material vorgelegt worden als sich nun in der Akte befinde. Johannes Haslauer, Leiter des Staatsarchivs, betonte deshalb nochmals, dass sich alle Akten so im Archiv befinden, wie sie 1996 vom Amtsgericht Coburg überführt wurden.

Doch die Spruchkammerakte genügt nicht, um die Frage zu klären, was Max Brose während des Nationalsozialismus tat oder unterließ. Johannes Haslauer wies auf die grundsätzliche Problematik der Spruchkammerakten hin: Die Zeugenaussagen für oder gegen einen Beschuldigten beruhen auf Erinnerungen, "und Erinnerung kann sich entwickeln". Damit erntete er leises Gelächter. Inzwischen sei auch bekannt, so Haslauer, dass katholische und evangelische Kirche großzügig "Persilscheine" vergeben hätten, um Beschuldigte zu entlasten. Auch habe sich die Handhabung der Verfahren im Laufe der Jahre verändert. Veranlasst hatten sie die Besatzungsmächte in Deutschland. 1948 stellten die US-Amerikaner die Überwachung der Verfahren in Bayern ein. Das endgültige Urteil gegen Max Brose fiel im Revisionsverfahren 1949.

Es sei nicht gerechtfertigt, die Spruchkammerakten pauschal in Frage zu stellen, hielt Michael Stoschek dem entgegen. Der Enkel von Max Brose und Vorsitzende der Gesellschafterversammlung der Brose-Gruppe hatte einige Mühe, seinen Redebeitrag zu Ende zu bringen, denn Diskussionsleiterin Elke Schwinger bremste und mahnte jeden sofort, der sich vom Thema "Wissen und Zweifel" entfernen wollte.

Max Brose sei der einzige in Coburg, dessen Leben von "einer anerkannten deutschen Universität" über Jahre hinweg aufgearbeitet worden sei. Damit habe die Firma Brose Schöllgen seinerzeit beauftragt, "um irgendwelche Zweifel auszuräumen". Denn schon 2004 sollte der Stadtrat eine Max-Brose-Straße beschließen, aber das scheiterte. Gregor Schöllgen ist Professor an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen und leitet das Institut für angewandte Geschichte. Wegen seiner Unternehmensgeschichten ist er allerdings auch umstritten - Fachkollegen werfen ihm vor, dass es ihm dabei immer um die Entlastung der Firmenchefs gehe, gerade, was den Nationalsozialismus anbelangt.
Schöllgens Buch über Brose sei nicht widerlegt, beharrte Stoschek. Und aus heutiger Sicht solle sich niemand ein Urteil über das Verhalten der Damaligen anmaßen. "Eine Interpretation ist im Lichte heutiger Erkenntnisse schwierig, wenn nicht gar unmöglich."
Das Sammeln und Überprüfen von Fakten ist das eine, die Interpretation das andere. Das führte Hans-Herbert Hartan zu der Frage, ob Geschichtswissenschaft nicht immer auch subjektiv sei - bei Otto von Bismarck seien ja verschiedene Historiker auch zu unterschiedlichen Schlüssen gekommen. Aber sie könnten das auf einer gemeinsamen Grundlage tun, nämlich der wissenschaftlichen Arbeit über Bismarcks Biografie, sagte dazu Christian Holtorf.
Man müsste auch die Rolle von Franz Schwede und der Stadt Coburg betrachten", mahnte Christian Trumpp, Rektor der IB Hochscule Berlin, die auch in Coburg ein Hochschulzentrum betreibt (Schloss Hohenfels). Er erinnerte an Hanns-Martin Schleyer, der ebenfalls wegen seiner NS-Vergangenheit umstritten war. "Es gibt eine Hanns-Martin-Schleyer-Halle, es gibt eine Oetker-Straße - und die waren wesentlich belasteter."

Coburg wird demnächst eine Max-Brose-Straße haben. Dass bei dieser Entscheidung des Stadtrats nicht allein die Vita des Unternehmensgründers den Ausschlag gegeben hatte, machte Stadtratsmitglied Max Beyersdorf deutlich. "Grundlage war auch die momentane Situation. Es geht auch darum, wie man gemeinsam Zukunft gestaltet" - damit umschrieb er, dass die Entscheidung auch ein Signal an Michael Stoschek war, der die Straßenumbenennung gewünscht hatte. Beyersdorf, selbst Stadtratsmitglied (CSU), hatte an der fraglichen Sitzung im Mai allerdings gar nicht teilgenommen.

Weichen muss für das Schild "Max-Brose-Straße" (vorerst) das der Von-Schultes-Straße. Nach dem Archivrat und Historiker soll eine Straße im neu zu erschließenden Güterbahnhofsgelände benannt werden. Außerdem hat der Stadtrat, ebenfalls im Mai, beschlossen, dass die Geschichte Coburgs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgearbeitet werden müsse. Die Vorlesung am Donnerstag hatte denn auch das Ziel, den Stadtratsmitgliedern klar zu machen, nach welchen Kriterien das geschehen müsse. Einfach wird das freilich nicht. "Das ist eine schöne Aufgabe, an die man einen Doktoranden vier Jahre setzen könnte", sagte Johannes Haslauer. Und da ging es ihm nur um die Rolle der Coburger Unternehmer während des Nationalsozialismus.

Am Tag danach zeigte sich Michael Stoschek im Gespräch mit dem Tageblatt enttäuscht über die Veranstaltung. "Ich habe dem Präsidenten Michael Pötzl noch am Abend geschrieben, dass ich hoffe, dass das Niveau in anderen Fachbereichen höher ist." Auch habe er dem Präsidenten der Uni Erlangen mitgeteilt, dass Professor Schöllgen mangelnde Wissenschaftlichkeit vorgeworfen wurde. Stoschek: "Ich fand die Veranstaltung peinlich."


* Ergänzungen


Professor Heinrich Schafmeister, ehemaliger Präsident der Hochschule berief sich auf Karl Marx, der wiederum auf Hegel verwies: "Der Mensch erschafft sich durch Arbeit."

Michael Stoschek hatte sich laut Hochschule für die Veranstaltung angemeldet, nachdem er in der Zeitung davon gelesen hatte. Deshalb waren für ihn und seine Frau Plätze reserviert worden, wie für die Pressevertreter. Für die Studierenden wurden die ersten drei Hörsaalreihen freigehalten, damit sie noch Platz finden. Eine vorausschauende Maßnahme - denn die Reihen waren schon kurz vor Beginn der Veranstaltung voll besetzt; wer nach studentischer Tradition "ct" kam ("cum tempore"), also einer Viertelstunde nach 18 Uhr, musste stehen oder mit Treppenstufen vorlieb nehmen.

Die Veranstaltung war als Vorlesung gedacht und sollte auch als solche ablaufen: Mit zwei Eingangsreferaten von Professor Holtorf und Staatsarchivleiter Haslauer. Danach konnten Fragen gestellt werden - und Diskussionsleiterin Elke Schwinger wies ausdrücklich darauf hin, dass nur beschreibende Aussagen erlaubt seien, wertende nicht. "Es geht uns um eine Qualitätsverbesserung der Debatte zur Vergangenheitsbewältigung." Denn keine Generation kann "alles" über die vorige wissen, und über das Verhalten der jetzt Handelnden werden die künftigen Generationen genauso diskutieren wie die heutige über die davor. Auch Michael Stoschek wurde Opfer von Schwingers rigider Gesprächsleitung. Zwischenrufer blieben in der Regel aber ungerügt.

Hinterher machte in sozialen Netzwerken das Wort "Zensur" die Runde. Es wurde gar gemutmaßt, dass es zuvor Asprachen mit Brose-Vertretern gegeben habe. Doch davon kann laut Hochschule keine Rede sein. Die Debatte sei so strikt geleitet worden, "weil wir wussten, wie emotional das Thema in Coburg bislang diskutiert wird", sagte Hochschulsprecherin Margareta Bögelein. Und Hochschulpräsident Michael Pötzl erklärt: "Es gab im Vorfeld keine Einflussnahme der Firma Brose auf die Gestaltung der Veranstaltung, und das würden wir uns auch verbitten."

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