Laden...
Neustadt bei Coburg
Nächstenliebe

Vom Glück, glücklich zu machen

In den 18 Jahren ihres Bestehens hat die Tschernobyl-Kinderhilfe bei 16 Besuchen insgesamt 390 Kindern ein paar Wochen Auszeit aus der Not in ihrer Heimat gegeben - und in der Ukraine viel aufgebaut.
Artikel drucken Artikel einbetten
Fünf glückliche Wochen verbringen zurzeit 20 Kinder aus der Ukraine im Pfadfinderhaus Fornbach, wo sie vom Verein Tschernobyl-Kinderhilfe Neustadt betreut werden. Fotos: Rainer Lutz
Fünf glückliche Wochen verbringen zurzeit 20 Kinder aus der Ukraine im Pfadfinderhaus Fornbach, wo sie vom Verein Tschernobyl-Kinderhilfe Neustadt betreut werden. Fotos: Rainer Lutz
+1 Bild
Leicht ist die Arbeit des Vereins Tschernobyl-Kinderhilfe Neustadt nie. Doch heuer steht der Besuch von 20 Kindern aus der Katastrophenregion des Reaktorunglücks scheinbar nicht unter einem guten Stern. "Uns fehlen zwei wichtige Kräfte aus dem harten Kern", bedauert Vorsitzender Dieter Wolf. So muss die Arbeit bei diesem 16. Besuch von Kindern auf weniger Schultern verteilt werden als sonst.

Doch damit nicht genug. Da ist diese Geschichte mit dem kleinen Maxym. "Als die Kinder Montag der vergangenen Woche ankamen ist uns gleich aufgefallen, dass er nur eine Hand benutzt", erzählt Dieter Wolf. Ein einfacher kleiner Verband ließ zunächst nichts Schlimmes ahnen. "Als wir den Verband aufgemacht haben, war es ein regelrechter Schock. Der Finger sah aus wie ein geplatzter Silvesterkracher", sagt Wolf.
Sofort fuhren die Betreuer mit dem Neunjährigen ins Krankenhaus.

Angesichts der bereits infizierten Wunde des Jungen, machten die Ärzte Wolf wenig Hoffnung, dass der Finger gerettet werden kann. Er solle sich vielmehr darauf einstellen, dass eventuell die Hand, wenn nicht der Arm amputiert werden muss. Ein Schock für Wolf, doch andererseits ließen die Ärzte keinen Zweifel, dass Maxym diese Infektion ohne medizinische Betreuung in der Ukraine wohl kaum überlebt hätte.

Gestern dann konnte Dieter Wolf ein wenig Entwarnung geben. Nach zwei Operationen und Gewebetransplantation besteht sogar Hoffnung, dass der Finger gerettet werden kann. "Die Mutter hat sich telefonisch bedankt, dass wir ihren Sohn gerettet haben, und gefragt, was sie schuldig ist", erzählt DieterWolf. Dabei weiß er: "Die Frau kann das nie bezahlen. Sie bekommt neun Euro Kindergeld im Monat."

Da ist er froh, dass er - wie vorgeschrieben - für jedes Kinder eine ganze Reihe von Versicherungen abgeschlossen hat. Darunter auch eine Krankenversicherung.

Dieter Wolf und die 125 Mitglieder des Vereins würden all die Mühe nicht auf sich nehmen, wenn es nicht immer auch ganz andere Seiten dieser Kinderbesuche gäbe. Da sind diese Momente, wenn manche Kinder die Scheu vor Berührung verlieren. Wenn sie sich voller Dankbarkeit an ihre Betreuer klammern oder manchmal erst nach etlichen Tagen im Pfadfinderheim zum ersten Mal lächeln. "Wenn wir abends am Feuer sitzen und die Kinder singen, da bekommst du Gänsehaut", sagt Wolf.


Auswahl fällt schwer

Jedes Jahr fährt der Verein mit einer kleinen Gruppe in die besonders stark betroffene Region, aus der die Kinder stammen. Es müssen Kinder ausgesucht werden, die einen Erholungsaufenthalt besonders dringend brauchen. Auch das ist keine leichte Aufgabe. So viele wollen mit, haben von anderen gehört, was sie in Deutschland erlebt haben. Immerhin waren schon 370 Kinder inzwischen hier.

Irgendwann steht die Liste für die 20, die kommen können. Und immer wieder gibt es Rückschläge. "Diesmal mussten wir acht Kinder wieder von der Liste streichen", bedauert Wolf. Es müssen beide Eltern unterschreiben, dass sie einverstanden sind. Doch bei den acht Kindern war der Vater im Krieg, gefangen oder vermisst. Keine Unterschrift, keine Reise.

So konnten andere Kinder nachrücken und die Gruppe mit 20 Köpfen die Reise antreten. "Jede Gruppe ist besonders, aber ich glaube, wir hatten noch nie so liebe Kinder, eine so harmonische Stimmung", sagt Wolf. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass der Altersdurchschnitt diesmal ein wenig niedriger ist als sonst.

Jahr für Jahr muss der Verein einen hohen fünfstelligen Betrag zusammenbekommen, um den Kinderbesuch und vier Hilfstransporte in die Ukraine zu finanzieren. Da freut Wolf ein Besuch wie der von Markus Grünewald natürlich sehr, der ihm eine Spende von 2500 Euro der Sonderpreis-Baumärkte überwiesen hat. Als der Marketingmann in Fornbach vorfährt, hat er außerdem eine Unmenge an Dingen dabei, die Wolf für nur zu gut gebrauchen kann.

Vor allem Hygieneprodukte stecken in den Kartons, die Grünewald auslädt. Aber auch Sachen, die dafür gedacht sind, bei Tombolas verlost zu werden. "Die Leute, die uns etwas spenden, wissen genau, dass wir persönlich dafür sorgen, dass es genau dort hin kommt, wo es gebraucht wird", erklärt Wolf das Vertrauen, das er immer wieder erfährt.

Im November wird er mit Vereinsmitgliedern wieder in die Ukraine reisen. Dann werden die Kinder ausgesucht, die im kommenden Jahr ein paar Wochen in Fornbach verbringen dürfen.

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren