Ebersdorf
Historie

VEB-Laster an der Zonengrenze: Als die

Ohne irgendetwas tun zu können, mussten die Westdeutschen beim Niedergang der Bergmühle zusehen.
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Die alte Bergmühle - kurz vor ihrem Abriss Repro: Dieter Seyfarth, Quelle: diverse Zeitungsberichte (NP 23.6.1991, Tageblatt 22.6.1961)
Die alte Bergmühle - kurz vor ihrem Abriss Repro: Dieter Seyfarth, Quelle: diverse Zeitungsberichte (NP 23.6.1991, Tageblatt 22.6.1961)
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Vor 55 Jahren widerfuhr der Bergmühle bei Ebersdorf ein trauriges Schicksal: Durch einen Bautrupp des VEB "Bau" Suhl-Süd aus Sonneberg wurde in den frühen Morgenstunden des 23. August 1961 damit begonnen, die unmittelbar am Weg zum Gasthaus Zur Bergmühle stehende alte Schneid- und Mahlmühle abzutragen.

Jüngeren sei gesagt, dass die Bergmühle auf Heubischer Gebiet stand, dort, wo heute der Abzweig der Ebersdorfer Straße nach Heubisch ist. Ein Teil der alten Fundamente war noch vor einigen Jahren, vor allem außerhalb der Vegetationszeit, zu erkennen.

Die alte Schneid- und Mahlmühle wurde im Jahr 1863 durch G. A. Schmidt errichtet. Davon zeugte der Schlussstein über dem Eingang zum Mühlengebäude, der die Inschrift "G.A. Schmidt - 1863 No.
54" trug.
Nachdem bereits in den Monaten vorher das "Schallershaus" bei Wildenheid/Hönbach und das "Greinershaus" vor Hönbach bei der "Gebrannten Brücke" abgerissen worden waren, rückten im Morgengrauen gegen fünf Uhr zwei große Lastwagen des VEB aus Sonneberg mit einem Arbeitskommando von 35 bis 40 Mann an. Sie setzten ihren Auftrag sofort in die Tat um und begannen, den alten Mühlenbau abzubrechen. Unter ihnen waren etwa zehn Männer in Zivilkleidung, die aufpassten, dass niemand durch den Stacheldrahtzaun flüchtete.


Lastwagen rücken an

In diesen frühen Morgenstunden verfolgten nur die Wirtsleute der Gaststätte "Zur Bergmühle" die ersten Abbrucharbeiten. Die Dachziegel wurden abgenommen und über zwei Holzrutschen, die unten mit Stroh abgesichert waren, direkt auf einen Lastkraftwagen verladen und abgefahren.

Dass da was im Gange ist, sprach sich schnell bei allen zuständigen Behörden und in der Bevölkerung herum. In Windeseile kamen die Menschen herbei, manche zu Fuß, und wollten das traurige Schauspiel mit verfolgen. Obwohl Missfallen und Empörung über den Abbruch zum Ausdruck gebracht wurden, zeigten alle Beobachter auf westdeutscher Seite gute Disziplin. Ein Pressefotograf, der seine Kamera auf die unmittelbar am Weg vorbeiziehenden Streifenposten richtete, wurde von einem wüst beschimpft. Ein Vopo-Offizier erhob sogar einen Stein gegen ihn, während der ihn begleitende Volkspolizist die Maschinenpistole auf den Fotografen richtete. Erst als sich auf westdeutscher Seite Beamte der Grenzpolizei, des Zollgrenzdienstes und des Bundesgrenzschutzes zeigten, versteckte der Offizier den Stein unter seinem Überhang und der Volkspolizist ging seines Weges.

Nachdem bis in die Nachmittagsstunden hinein das Dach restlos abgebrochen war, wurden nun die Mauern eingerissen. Nur die notwendigsten Worte, die für den reibungslosen Ablauf erforderlich waren, wurden zwischen den Arbeitern auf der Mühlenruine und dem Verladekommando gewechselt.


Ost und West prallen aufeinander

Wie ein Augenzeuge berichtete, ließ sich in einem unbeobachteten Moment ein ostzonaler Bauhelfer durch den Stacheldrahtzaun einen Krug Bier reichen, um seinen Durst zu löschen. Einem anderen Betriebsgruppenmitglied fiel von westdeutscher Seite her eine Schachtel Zigaretten vor die Füße. Getreu dem Abzeichen, das er am Ärmel trug, zerstampfte er die Zigaretten mit dem Fuß. Anders verhielt sich ein älterer Arbeiter. Dieser ließ seine Mütze auf die am Boden liegende Zigarettenschachtel fallen, bückte sich und hob beides gemeinsam auf.

Bis zum Abend waren der Giebel und das erste Stockwerk entfernt. Der Bauschutt wurde restlos abgefahren. Am darauffolgenden Donnerstag und Freitag wurden die Abbrucharbeiten, bei zahlreichen Schaulustigen auf westdeutscher Seite, fortgesetzt. Unter dem Abbruchkommando waren teilweise neue Leute zu finden. Vermutlich durch einen herabstürzenden Balken wurde der zweite Stacheldrahtpfosten vor der "Bergmühle" umgeknickt. Dadurch entstand bereits am Mittwoch eine etwa fünf Meter breite Lücke, die durch zwei Rollen Stacheldraht wieder geschlossen wurde. Am Tag vorher berichtete das Bayerische Fernsehen in der Abendschau von dem Abbruch der "Bergmühle" und prangerte in eindringlichen Bildern das Vernichtungswerk an der Zonengrenze an.


Ein Ostdeutscher entkommt

Trotz aller Bewachung nutzte im letzten möglichen Augenblick ein Lkw-Fahrer am Samstagvormittag die Flucht in die Freiheit. Nachdem er seine Fuhre Mutterboden an der Abbruchstelle abgekippt hatte, sprang er vor den Augen der Vopos über die Grenze. Dies hatte zur Folge, dass keine Arbeiter mehr ohne strenge Bewachung in die Nähe der Grenze fahren durfte.


Familie Schmidt muss gehen

Die Vertreibung der Familie Schmidt aus der Bergmühle erfolgte in den ersten Junitagen des Jahres 1952 unter dramatischen Umständen. Wie früheren Zeitungsberichten zu entnehmen ist, wurde dem Mühlenbesitzer eines Morgens früh um 4 Uhr eröffnet, dass er sein Anwesen räumen solle.

Da alles recht unklar und der Telefonverkehr unterbrochen war, machte sich Wilhelm Schmidt auf dem Weg nach Sonneberg. Bereits in Heubisch wurde er jedoch festgehalten und wieder zur Mühle zurückgebracht.
Dort wurde während des ganzen Tages von sowjetzonaler Seite das Inventar registriert. Abends erklärte man ihm, dass er sich bereit halten sollte, am nächsten Morgen das Anwesen zu verlassen. Noch am gleichen Abend, nachdem dem Bergmüller klar war, "dass es höchste Zeit ist", verließ er mit seiner Frau den angestammten Familiensitz.

Unterkunft fanden sie zunächst in Bersdorf. Das Vieh wurde zu befreundeten Bauern und Nachbarn gebracht. Man rettete, was nur möglich war. Mit dem Neuaufbau versuchte sich Wilhelm Schmidt in Unterwasungen, der Heimat seiner Frau Emilie.
Doch dem Bergmüller hatte die Vertreibung so viel Kummer und Gram bereitet, dass er noch im Jahr 1952 starb. Sein Sohn, der ebenfalls mit dem Vornamen Wilhelm hieß, hatte sich seit Ende der 50er Jahre am Ortsausgang von Ebersdorf in Richtung Neustadt ein landwirtschaftliches Anwesen aufgebaut.


"Eine Schande"

Am 23. August 1961 machte die alte Bergmüllerin Emilie Schmidt ihren letzten Gang zu dem Anwesen, das ihr ein Leben voller Arbeit und Mühe bedeutet hatte, ein Besitztum, an dem nicht nur Erinnerungen, sondern die ganze Liebe zur Heimat und zur Scholle hingen. "Es ist furchtbar, es ist ein starkes Zeug und eine wahre Schande", sagte sie, wobei ihre Augen feucht wurden. Mit ihren 73 Jahren zitierte sie feierlich den Spruch, den ihre Schwiegermutter dereinst an der Bergmühle über den Eingang anbringen ließ:

Einen gesunden Leib
Ein getreues Weib
Freud an jedem Kinde
Ehrliches Gesinde

Unser täglich Brod
Alle Jahr ein bisschen Not
Dereinst einen seligen Todt
Dazu helfe der liebe Gott!
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