Coburg
Ausstellung

Starke Farben der Leipziger Schule in Coburg

Der Coburger Kunstverein präsentiert wieder einmal einen prominenten Vertreter der Neuen Leipziger Schule: Sighard Gilles "Sequenz" dringt mit brachialer Farbsetzung sehr treffend durch.
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Sighard Gilles großformatige Bilder dringen mit kräftigem Strich und starken Farbkontrasten hinter die Fassaden.  Fotos: Carolin Herrmann
Sighard Gilles großformatige Bilder dringen mit kräftigem Strich und starken Farbkontrasten hinter die Fassaden. Fotos: Carolin Herrmann
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Wieder einmal Leipziger Schule, eine Verbundenheit, ja Tradition, auf die der Coburger Kunstverein stolz sein kann, weil gepflegt in und aus unwegsamen, schwierigen DDR-Zeiten. Jetzt sogenannte Neue Leipziger Schule beim Coburger Kunstverein, auch wenn derlei Begrifflichkeiten nichts wirklich Fassbares in der Kunst der Moderne bieten, aber doch immerhin eine Richtung weisen, in die wir blicken können.
Sighard Gille gilt die neue große Ausstellung im Pavillon am Hofgarten. Er studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst bei Bernhard Heisig und Wolfgang Mattheuer und wurde Meisterschüler von Heisig an der Deutschen Akademie der Künste in Ostberlin. Seit 1986 unterrichtet er selbst die nächste Generation der Neuen Leipziger Schule.
Mit Gille erwartet den Besucher des Kunstvereines Heftiges in der Farbgebung, in Strich und Komposition der großformatigen Gemälde, in der Wirkung der Porträts. Gerade vor denen fährt man bisweilen fast erschrocken zurück, um sich dann umso faszinierter hinter die kontrastierenden Farbbalken führen zu lassen, in die Persönlichkeit der Gemalten. So etwa bei dem hochformatigen, sehr lang gezogenen Porträt von Gilles Lehrer Bernhard Heisig.


Fast grob im Strich

Wie es Gille schafft, aus grellbunter, so gar nichts mit der von unseren Augen als Natur definierter Farbgebung in oftmals geradezu groben Strichen so komplexe, aussagestarke Charakterisierungen zu finden - man muss es vor Ort, von Angesicht zu Angesicht mit den Gemälden erleben. "Annika" in Sonnengelb, dieses brave Mädchen - ist gar nicht so brav.
Seine in ihrer Sinnlichkeit gierigen erotischen Darstellungen springen fast aus ihrer Fleischeslust. Oft aber kommt durch gezielte Missproportion von Armen oder Beinen, durch die erst im zweiten Blick zu erfassende, verschobene Zusammensetzung der Leiber etwas Irritierendes in die Bilder.
Doch wirkt in den jetzt nach Coburg geholten Gemälden auch viel Satire, Ironie und Witz. "Die Pampels", oje, die heißen nicht nur so. "Die Gilles", denen springt der Schalk selbstironisch bis zur Groteske aus den Gesichtern. Die Expressivität Sighard Gilles gewinnt ihre Kraft aus dem Gegeneinander von möchtemanmeinen unverträglichen Farben, von Flächigem neben kleinteilig Erfassten.


Ein rasender Roland

Auch in Gilles wilden Zeichnungen tobt eine Kraft, die erstaunlich schnell und präzise zur Charakterisierung kommt. Bestimmt hat sich der Stift verselbständigt, so rasch und souverän wirken die Darstellungen der Personen.
In der kolorierten Zeichenserie "Don" irren wahlweise der Rasende Roland des Ariosto oder Don Quijote herum. Der sieht sich einmal konfrontiert mit einem grünen Frankenstein. Die "Arbeiterin" genannte, kleine Ameise dazwischen blickt pikiert. Und ach, im Nebenraum finden Sie dann auch noch - in welchem Geiste, können Sie sich denken - die "Rosa Seide für Richard Wagner", Kaltnadelradierungen aus einer 2013 erstellten Kassette.
Übrigens liegt zur Ausstellung im Kunstverein Michael Hametners Porträt in 15 Ateliergesprächen über Sighard Gille vor (Mitteldeutscher Verlag, 192 Seiten, 24,95 Euro). Der Literaturredakteur des Mitteldeutschen Rundfunks ging Gilles Selbstverständnis als Maler im achten Lebensjahrzehnt, seiner Weltsicht, aber auch dessen Wahrnehmung seiner Kollegen Gerhard Richter, Joseph Beuys und Wolfgang Mattheuer nach.

Sighard Gille wurde 1941 in Eilenburg geboren. Er studierte von 1965 bis 1970 in Leipzig bei Bernhard Heisig und Wolfgang Mattheuer. Von 1973 bis 1976 war er Meisterschüler bei Bernhard Heisig an der Deutschen Akademie der Künste in Ost-Berlin. Von 1976 bis 1980 war er Assistent an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig im Fachbereich Malerei. Seit 1986 lehrte er dort als Professor. Zwischen 1980 und 1981 fertigte er für die Foyers des Gewandhauses Leipzig das 714 Quadratmeter 32 Meter hohe und 22 Meter breite Deckengemälde "Gesang vom Leben" an, das als größtes Deckengemälde in Europa gilt. 1982 erhielt Gille den Nationalpreis der DDR III. Klasse für Kunst und Literatur.

Die Ausstellung Kunstverein Coburg: Sighard Gille - Sequenz. Malerei und Zeichnungen. Eröffnung am Samstag, 16. Januar, um 16 Uhr; Einführung durch den Direktor des Leipziger Museums der Bildenden Künste, Hans-Werner Schmidt. Für die musikalische Umrahmung sorgt Gilles Tochter Mayjia Gille mit Band. Bis 21. Februar.



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