Die Einwanderung von Flüchtlingen und Asylsuchenden stellt Städte und Kommunen vor neue Aufgaben. Vor allem pädagogische Fachkräfte, die in ihrer täglichen Arbeit mit den jungen Neuankömmlingen aus verschiedensten Ländern konfrontiert werden, fühlen sich oft mit der Situation überfordert. Um ihnen Strategien aufzuzeigen, wie Konflikte gelöst werden können, und sie in ihrer Selbstbehauptung zu stärken, hat der Diplompädagoge Olaf Jantz am Montag und Dienstag ganztägige Seminare im Jugendzentrum "Domino" abgehalten.
Durchführbar war das Projekt aufgrund der großzügigen Förderung aus den Mitteln des Bundesprogramms "Demokratie leben!" des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und der Partnerschaft für Demokratie in der Stadt Coburg.

Der Experte für interkulturelle Pädagogik aus Hannover hat schon vor 30 Jahren mit Jugendlichen zusammengearbeitet und ist Geschäftsführer des Vereins "MANNigfaltig", der Jungen und Männer berät und unterstützt - egal, aus welchem Land sie kommen. Seine Workshops im "Domino" waren an beiden Tagen ausgebucht. "Das zeigt, wie groß der Bedarf bei den Fachkräften ist und dass sie spüren, dass sie sich weiterbilden müssen", sagte die Leiterin des Jugendzentrums Johanna Schilling. Das "Domino" hat zusammen mit der Integrationsstelle für interkulturelles Zusammenleben und der Coburger Stadtjugendpflege die Seminare organisiert.


Jantz wirbt für Verständnis

Olaf Jantz wirbt für Verständnis gegenüber jungen Männern, die nach Deutschland kommen und die Sprache nicht beherrschen. Die Problematik sei nicht kulturell, sondern geschlechtsspezifisch. "Unter ihnen herrscht große Verunsicherung", erklärt er. "Darum berufen sie sich auf das Wenige, das sie unter Kontrolle haben und das ihnen vertraut ist: ihre Männlichkeit."

Nach Ansicht des Experten sei das der Grund, warum sie Frauen oft "anbaggern", während sie mit Männern eher den Konkurrenzkampf suchten. Umso wichtiger sei es, so Olaf Jantz, dass männliche und weibliche Pädagogen in Jugendzentren und ähnlichen Einrichtungen zusammenarbeiten und die Frau nicht wie ein "Anhängsel" des Mannes wirkt.


Rollenspiele

In Rollenspielen stellt er mit den Teilnehmern Situationen nach, wie sie oft auftreten, und zeigt, wie es sich zu verhalten gilt, auch wenn die gemeinsame Sprache fehlt.

In das Jugendzentrum "Domino" kommen fast täglich junge Männer, die derzeit in Coburger Asylunterkünften untergebracht sind - allein oder als Gruppe. "Wichtig ist, sich auf dieses Publikum einzustellen und auch sie bei uns zu integrieren", weiß Mitarbeiter Nils Anders. "Auch wenn sie unsere Sprache noch nicht sprechen, ist es wichtig, sich mit ihnen zu unterhalten und herauszufinden, wie wir ihnen helfen können", sagt Johanna Schilling. Dass mit dem Personal vieles steht und fällt, bestätigt auch Olaf Jantz. "Mir ist ein Fall bekannt, wo ein Pädagoge 80 junge Asylsuchende betreuen sollte", berichtet er. "Es ist nur Glück, wenn an solchen Tagen nichts passiert."
Für Olaf Jantz ist es aber nicht nur wichtig, Pädagogen und andere Fachkräfte auf die neue Situation bestmöglich vorzubereiten. Am Dienstagabend hat er deshalb noch einen Vortrag unter dem Titel "Männlich, muslimisch - fremd und gefährlich?" gehalten, der ebenfalls mehrere Dutzend Zuhörer fand. Vor allem bei den Bürgern müsse eine Änderung des Blickwinkels stattfinden, sagt der Experte.


Stimmung ist aufgeheizt

Spätestens seit den Ereignissen in Köln an Silvester ist die Stimmung gegen Asylsuchende extrem aufgeheizt. "Das waren keine Überfälle von Nordafrikanern, sondern von kriminellen Männern", erklärt Olaf Jantz seine These. Die Kölner Silvesternacht passe perfekt ins Bild, um eine kulturelle Diskussion anzuheizen und politische Dinge durchzusetzen. "Dabei vergessen wir, worum es eigentlich geht: Frauen zu schützen", sagt der 50-Jährige.

Gewalt gegen Frauen ist kein importiertes Problem, das von Flüchtlingen "eingeschleppt" wurde. Sexismus gebe es schon immer in Deutschland. Als Beispiele nennt Olaf Jantz die noch immer bestehenden Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen. Für den Diplompädagogen haben Rassismus und Sexismus eine ähnliche Struktur.

Nicht alle Aussagen von Olaf Jantz sind für jeden nachvollziehbar. So fragt er sich zum Beispiel, ob es bei der Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land wirklich nötig war, mit Fahnen und Wimpeln in den Farben der deutschen Flagge am Auto durch die Gegend zu fahren.

Das Publikum gab Olaf Jantz an diesem Abend Recht. Nach dem eineinhalbstündigen Vortrag konnten noch Fragen gestellt werden. Die Zuhörer wollten wissen, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie auf der Arbeit oder im Privaten mit Rassismus konfrontiert werden. Jantzs Antwort: "Es gibt Menschen, die nie von ihrer Meinung abweichen werden. Da bringt jede Diskussion nichts." Anders sei es bei Jugendlichen. Da sei es noch nicht zu spät.