Coburg
Kultur

Schräge Dichtkunst: "Nur siebzehn Huren mordet Serienmörder"

Ingo Cesaro, in der Region sehr aktiver Kronacher Poet, macht Krimi-Fans mit Haikus fertig.
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Ingo Cesaro
Ingo Cesaro
Fünf, Sieben, Fünf. Zumindest der Zahl Sieben wird in esoterisch-kabbalistischen Kreisen eine besondere Bedeutung zugeschrieben und nicht nur dort: Denken wir an die Sieben-Tages-Adventisten oder schlicht den Grimm'schen Wolf und die sieben Geißlein ... Für den Kronacher Dichter Ingo Cesaro, dessen Poetenhaupt umkränzt ist von einer weißen Mähne, bedeutet die Zahlenfolge jedoch mehr: fünf Silben in der ersten Zeile, sieben in der zweiten, fünf in der dritten. Fertig ist das Haiku. Das klingt schlicht und ist es in gewissem Sinne auch.

Doch in der Beschränktheit der Form liegt auch die Herausforderung. In Japan vor Jahrhunderten entstanden, hat der lyrische Schnappschuss viele Nachahmer gerade auch in Deutschland gefunden. Wobei sich die Dichter der Dreizeiler streiten, inwieweit ihre Erzeugnisse den klassischen Vorgaben genügen (sollen) oder nicht, ob es statthaft ist, über anderes zu schreiben als den Wechsel der Jahreszeiten. Auf jeden Fall wird die Konzentration geschult, äußerste Verdichtung in die drei Zeilen gepresst.

Lakonische Spielereien

Ingo Cesaro, 73 Jahre alt mittlerweilen, seit Jahren geübter Verfasser von Haikus, der auch Schüler in der Kunst der lakonischen Formulierung unterweist und mit einer mobilen Handpresse unterwegs ist, folgt in "Eine schöne Leich' " formal ganz dem klassischen dreizeiligen Muster Fünf - Sieben - Fünf, insgesamt 17 Silben also (im Japanischen ist das übrigens komplizierter). Seine Kriminal-Haiku(s) - beide Pluralformen sind möglich - sind lakonische Spielereien mit der Deutschen liebste Lektüre und Filme. Hard boiled, eher soft wie bei Donna Leon, und jeder Studienrat nutzt die großen Ferien, um auch noch seinen Senf beizusteuern bzw. der Menge überflüssiger Regionalkrimis einen hinzuzufügen. Cesaro ironisiert den Hype durch Verkürzung, parodiert auch manche blutrünstige Boulevard-Schlagzeile.

Ertrunken im Fass

In 17 Silben werden ganze Romane zusammengefasst: "In Falle gelockt. / Ermittlergruppe frohlockt. / Täter erschossen." Grob gegliedert in Kapitel, die überschrieben sind "Mit Blaulicht", "Ertrunken im Fass" oder "Siebzehn Huren", damit auf die siebzehnsilbige Form seiner Gedichte anspielend: "Im Haiku-Prozess. / Staatsanwalt plädiert erbost - gegen freie Form." Entsetzen oder Grauen nistet niemals in den drei Zeilen. Es ist eine Form, die jeder kennt, und die der Autor fröhlich benutzt - nicht unbedingt mit der Sprache spielend, jedoch mit den Erwartungen des Lesers. Man kann ja mittlerweile das Genre nur noch als eines der Unterhaltung rezipieren, als eines unter vielen. "Beim Pokal-Endspiel. / Ehemann schaut Fernsehen. / Die Frau erstochen."

Ganz anders dann, wenn man so will seriöser, das in äußerst limitierter Auflage (44 nummerierte und signierte Exemplare) hergestellte "Manchmal ein Wunder" desselben Autors in der österreichischen Freipresse Ludenz. Das ist zwar auch ein Spiel, ein Spiel mit nahezu unendlichen sprachlichen Kombinationsmöglichkeiten. Auf der ersten Seite gleich steht die Gebrauchsanweisung für dieses in Wellpappe gebundene ungewöhnliche Buch: "Verrückter Zufall. / Haiku-Zeilen in Streifen. / Bewusst zerschnitten. Suche den Zufall. / Neue Zusammenhänge - / lesen und staunen. Zusammenstellung / dem Zufall überlassen." Genau so ist es.

Was bedeutet, dass die Seite zerschnitten ist in drei mal drei Streifen. Jeweils ein Trio ergibt ein Haiku. Durch beliebiges Aufblättern der Streifen ergeben sich jeweils neue Kurz-Gedichte. Myriaden von Kombinationen sind möglich - ein Statistiker kann die Zahl vermutlich ausrechnen, ein Rezensent nicht! Einfach mal ausprobiert: "Alte Narbe schmerzt. / Nur drei werden benötigt - / Kann noch verweilen." Oder: "Tat beobachtet. Wind bewegt Kinderschaukel. Alter Steppenwolf." Überraschende semantische Konsequenzen ergeben sich oder auch nicht.

Methode à la Burroughs

Das erinnert an Cut-up-Experimente von William S. Burroughs und seinen Epigonen, an alte Avantgarde-Methoden, die vielleicht computerbasiert eine Renaissance erfahren. Das haptische Erlebnis der Papierstreifen, ein auch buchgestalterisch beeindruckendes Vorhaben, macht jedoch zumal für analogue natives erheblich mehr Spaß. Reich wird der Autor mit derlei nicht werden. Aber es ist schön, dass es solche Dickköpfe noch gibt.

Ingo Cesaro: Eine schöne Leich'. Kriminal-Haiku. Trier: éditions trèves 2015. 108 Seiten, 12,80 Euro. - ders.: Manchmal ein Wunder. Freipresse Bludenz 2014. Zu beziehen über den Autor, Tel. 09261/63373.
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