Neustadt bei Coburg

Schneereiche Erinnerungen aus Neustadt

Früher gab es intensivere Winter in der Region - was mit Spaß, aber auch viel Arbeit verbunden war.
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Rodelfest der Glockenberger-Vereinigung 1963 am Grüntalhügel: Links und rechts der Bahn verfolgen über 300 Zuschauer das lustige Treiben. Fotos: Archiv/Repro: Dieter Seyfahrt
Rodelfest der Glockenberger-Vereinigung 1963 am Grüntalhügel: Links und rechts der Bahn verfolgen über 300 Zuschauer das lustige Treiben. Fotos: Archiv/Repro: Dieter Seyfahrt
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Ist es nicht zum Jammern? Auf schneereiche Winter mit wochenlangen frostigen Temperaturen ist einfach kein Verlass mehr. Das war vor Jahrzehnten anders. Da zeigte sich der Winter mit seiner ganzen Härte. Über Weihnachten hinweg herrschten wochenlang schneereiche Winter mit eisigen Temperaturen. Wiesen, Felder und Wälder verwandelten sich in eine prächtige Winterlandschaft. Es gab ganz wunderbare Motive für die Fotografen. In der kalten und reinen Schneeluft war es ein Genuss, spazieren zu gehen oder zu wandern. In der Stadt sorgte der Schnee allerdings für allerhand Probleme. Es gab eingefrorene Wasserleitungen, zugefrorene Fenster, an denen sich reizvolle Eisblumen bildeten, und natürlich auch Glatteis. Kohlenhändler hatten Hochkonjunktur. Wer hatte schon eine Zentralheizung? Meist wurden nur einzelne Zimmer mit einem Schürofen beheizt.


Autos ließ man einfach stehen

An den Straßenrändern türmten sich mächtige Schneehaufen auf. Die Autofahrer - noch nicht so viele wie heute - nahmen so manche "Engstelle" geduldig und gelassen hin. Man verfiel nicht in Hektik. Es wurde halt langsamer und vorsichtiger gefahren. Schneefräsen gab es nicht. Die Schneehaufen wurden an schmalen Straßen noch mit Muskelkraft von Bauhofarbeitern auf Lkws geschaufelt und dann weggefahren. Wer konnte, ließ sein Auto in der Garage stehen oder es einfach einschneien. Viele Dächer mussten von der drückenden Schneelast befreit und die Gehsteige von den Anliegern mitunter mehrmals am Tag geräumt und gestreut werden.
Als pure Freude hingegen empfanden Kinder und Jugendliche die winterliche Pracht. Nun endlich konnten sie Schneeballschlachten austragen, Schneemänner und Schneeburgen bauen, auf den zugefrorenen Teichen Schlittschuhlaufen oder Eishockey spielen, aber auch ihre Schlitten am Neustadter Hausberg austesten. Früher gab es ja mehrere Naturrodelbahnen am Muppberg. Besonders beliebt, aber auch sehr gefährlich, war die steile Abfahrt von der Schutzhütte den "Reitweg" hinab. So mancher wurde dabei aus der Bahn getragen und musste Prellungen, Verstauchungen und sogar Arm- und Beinbrüche hinnehmen. Es gab auch mutige Skifahrer, die mit "Karacho" die Steilabfahrt hinunter sausten.


Aktiv und abgehärtet

Die "Hauptabfahrtsstrecken" für die Rodler - da nicht so steil - waren jedoch die langgezogene Forststraße an der "Ebersdorfer Wand", vor allem für die Jugend aus der Sonneberger Siedlung, und für die aus der Kernstadt die Strecke vom Steinpavillon zum Grüntal.
Was tummelten sich da jeden Tag die Kinder und Jugendlichen. Bommelmützen und Schildkappen, Strickpullover und Fäustlinge, einfache Anoraks waren die Ausrüstung. Nur wenige Jugendliche von etwas besser gestellten Eltern waren mit Keilhosen, warmen Jacken und gefütterten Winterschuhen ausgerüstet. Viele Jungs und Mädels hatten bloß Halbschuhe, von älteren Geschwistern "vererbte" Strickjacken und einfache Baumwoll-Trainingshosen mit Gummibändern an. Sie wurden, da sich Schnee- und Eisklümpchen an den Beinenden bildeten, immer schwerer. Da musste ständig die Hose hochgezogen werden. "Kalte Füße" waren ganz normal. Doch die jungen Leute damals waren noch abgehärtet. Durchgefroren mit geröteten Nasen und rotblauen Beinen kamen sie bei Einbruch der Dunkelheit mit einem Mordshunger nach Hause. Bäder wie heute gab es kaum. Heiße Fußbäder mussten genügen.


Straßen wurden nicht gestreut

In früheren Zeiten wurden regelrechte Rodelfeste am Glockenberg veranstaltet. Auf der Höhe der Grüntalgaststätte ging die Schlittenfahrt los und nach dem Ziel landeten manche Schlitten oder schlittenartigen Gestelle sogar unten am Marktplatz. Es gab aber auch viele im Eigenbau hergestellte sogenannte "Rollerfessel" mit Schlittschuhen an der Unterseite. Ganz geschickte Fahrer, so ist von älteren Neustadtern immer wieder erzählt worden, erreichten außerdem die Ernststraße über die Wilhelmstraße oder die Volksschule "Heubischer Straße" über die Tal- und Schützenstraße. Es war eine Zeit, als die Straßen noch nicht gestreut wurden.


Stimmungsvolle Rodelfeste

Ausrichter vieler Rodelfeste war die Glockenberger-Vereinigung. Die Tradition der Glockenberger Rodelfeste reicht bis in die 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts zurück. Als den Grüntalhügel hinunter gerodelt wurde, säumten Hunderte von Menschen die Straße.
Über die Rodelbahn waren Seile gespannt, an denen kleine Spielsachen, Süßigkeiten und Würste befestigt waren. Jeder Rodler hatte es in der Hand, während der tollkühnen Fahrt etwas davon zu erhaschen. Mit Masken und Kostümen versehen sorgte so mancher Rodler für Stimmung und Heiterkeit. Mitunter spielten bei den Rodelfesten Musikkapellen lustige und muntere Weisen. So wurde die gute Stimmung zusätzlich angeheizt. Rodelfeste dieser Art wurden bis ins Jahr 1954 durchgeführt. Wegen schneearmer Winter in den folgenden Jahren konnten sie nicht durchgeführt werden. Als der Grüntalhügel geteert und gestreut, das Verkehrsaufkommen außerdem größer wurde, konnten keine Rodelfeste mehr durchgeführt werden. 1963 fand das letzte Rodelfest auf der "alten Bahn" statt.
Die neu geschaffene Rodelbahn am Hermann-Löns-Weg bot später eine Ausweichmöglichkeit an. So ließ die Glockenberger-Vereinigung nach 17jähriger Pause im Januar 1981 die alte Tradition wieder aufleben. Viele Helfer präparierten am Sonntagvormittag die Bahn und schmückten sie mit bunten Girlanden. Kurz vor dem Auslauf war ein Seil über die Bahn gespannt, von dem die Rodler mit etwas Geschick eine Brezel oder eine Süßigkeit abreißen konnten. Eröffnet wurde das Rodelfest nachmittags mit einem "Kanonenschuss". Dann folgten die Abfahrten von Kindern und Erwachsenen, teilweise in Kostümen und Masken. Viele Schlitten waren originell ausgestaltet und bunt geschmückt. So war unter anderem ein "Piratenschlitten" dabei. Die schönsten Masken und Schlitten wurden prämiert.
Zwei Jahre später, im Februar 1983, kamen zum Glockenberger-Rodelfest über 300 Besucher. Höhepunkt war die Eröffnungsfahrt des damaligen Oberbürgermeisters Ernst Bergmann mit "Steuerfrau" Ursula Kiesewetter von der Glockenberger-Vereinigung. Man darf gespannt sein, ob beim nächsten Wintereinbruch wieder ein Rodelfest veranstaltet wird. Dieter Seyfarth

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