Coburg
Konflikte

Radfahren in Coburg: Wirrwarr und Wildwest-Manieren

Das Radwegenetz durch die Coburger Innenstadt gleicht einem Dschungel. Für Touristen ist die Herausforderung noch größer, die richtige Strecke zu finden. Und dann gibt es Fußgänger wie die ältere Coburgerin, die Haarsträubendes zu erzählen hat.
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Fußgängerzonen wie die Spitalgasse sind für Radfahrer tabu. Hier gilt absteigen und schieben. Foto: Christoph Winter
Fußgängerzonen wie die Spitalgasse sind für Radfahrer tabu. Hier gilt absteigen und schieben. Foto: Christoph Winter
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Angesichts des knappen Verkehrsraumes in Straßen und Gassen sind Konflikte programmiert. "Plötzlich saß ich fast auf dem Lenker eines Fahrrades, und das auf dem Gehweg", regte sich kürzlich eine Coburgerin in der Tageblatt-Redaktion auf. Am Thüringer Kreuz, an der Ecke Kasernenstraße/Kanonenweg, direkt vor der dortigen Bankfiliale, kam es dieser Tage zum Zusammenstoß. Der Gehweg ist rund 1,50 Meter breit, die Sicht wegen der Kurve und einer mannshohen Hecke eingeschränkt. "Die Frau, etwa 40 bis 45 Jahre alt, kam mit dem Fahrrad auf dem Gehweg daher und fuhr mich an", entrüstete sich die ältere Dame, als sie vor Ort das Geschehnis erzählte. Verärgert ist sie darüber, dass sie sich auch noch beschimpfen lassen musste. "Und die Radlerin ist dann weitergefahren und hat mir noch 'nen Vogel gezeigt."

Vor vier Jahren war es just an selber Stelle immer wieder zu konfliktträchtigen Situationen zwischen Radfahrern auf dem Gehweg und Schulkindern gekommen. Die Verkehrshelferin hatte damals Ordnungsamt und Polizei eingeschaltet. Nach einigen Kontrollen beruhigte sich die Lage, offenbar nur für kurze Zeit.

Das Thüringer Kreuz ist in der Hauptverkehrszeit ein Albtraum
Gleichwohl ist es mitunter nachvollziehbar, wenn Fahrradfahrer entlang viel befahrener Straßen auf den Gehweg ausweichen. Besonders das Thüringer Kreuz mit seinen Verkehrsinseln und Abbiegespuren ist für die Masse der Radfahrer in der Hauptverkehrszeit ein Albtraum.

Auch vor der eigenen Haustür muss sich die ältere Coburgerin oft über die Gedankenlosigkeit von Radfahrern ärgern. Vor ihrer Wohnanlage in der Callenberger Straße führt ein Fußweg vorbei, Privatgrund noch dazu, "aber an das Verkehrsschild hält sich keiner, weder Schulkinder noch Erwachsene", weiß die Frau zu berichten. Ähnlich die Lage in der Brückenstraße. Die Brücke über die Lauter ist als Geh-und Radweg ausgeschildert, direkt vor der Wohnanlage ist der Weg Fußgängern vorbehalten, der rechte Weg für Radler ist wenige Schritte daneben. "Aber auch so ein kleiner Umweg wird gescheut", so die Anwohnerin. Wenn in der Callenberger Straße das neue Einkaufszentrum eröffnet hat, befürchtet sie noch mehr Konflikte mit Rambos auf Rädern. Denn "vom Gehweg weggeklingelt" werde sie mehrmals in der Woche, klagt sie.

Holland tut viel mehr
Der holländische Staat gibt jedes Jahr 25 Euro pro Einwohner für Fahrradwege und - parkplätze aus - in Deutschland sind es fünf Euro. Das hat der Europäische Radfahrer-Verband errechnet. In der sechs Jahre währenden Förderperiode bis zum Jahr 2020 will die EU bis zu zwei Milliarden Euro für neue Radwege bereitstellen. Brüssel setzt auf den ökologischen Aspekt. Je mehr das Fahrrad als tägliches Verkehrsmittel eingesetzt wird, desto weniger Lärm, weniger Verschmutzung und Staus entstehen.

Das weiß Marita Nehring, Beauftragte der Stadt und des Landkreises Coburg für den Öffentlichen Personennahverkehr und Radlobbyistin aus erster Hand. "Die Infrastruktur in Sachen Radverkehr ist in Coburg etwas veraltet", sagt sie allerdings und meint damit die teils überkommenen Markierungen und Beschilderungen. Daran werde gearbeitet, aber weil das Fahrrad so unterschiedlich eingesetzt wird, sind Lösungen nicht einfach.
Der Freizeit- und Genussradler auf seinen relativ kurzen Strecken findet wohl am ehesten sein Auskommen. Anders sieht es bei den Pendlern aus, die den Arbeitsplatz mit dem Fahrrad ansteuern. "Wer täglich Kilometer um Kilometer zur Arbeit radelt, der möchte ebenso unproblematisch und direkt vorankommen wie der Autofahrer, und nicht im Zickzack-Kurs auf idyllischen Wiesen- und Feldwegen fahren", stellt sie fest. Wege entlang von Bundes- und Staatsstraßen seien deshalb nötig, besonders dort, wo der Rad fahrende Berufspendler nicht auf verkehrsarme Seitenstraßen ausweichen könne.

Kritisch ist's auf dem Marktplatz
Ein Negativbeispiel ist für Nehring die Radroutenführung am Coburger Marktplatz. Das letzte Schild ist in der Ketschengasse montiert. "Der Radtourist soll ja in die Innenstadt und zum Marktplatz geleitet werden. Aber ob er nach einem Aufenthalt oder einer Bratwurst dann den weiteren Radweg durch die Nägleinsgasse findet, glaube ich eher nicht." Auch die Hauptroute für den Radtouristen über den Schlossplatz verliere sich in den innerörtlichen Fuß-/Radwegen. Dabei habe sich schon einiges gebessert. "Bayern hatte in der Vergangenheit den steilen Heckenweg als Teil des überörtlichen Radwegenetzes ausgewiesen", erinnert sie sich.
Nach Nehrings Ansicht ist die Beschilderung der Radwege sehr zu verbessern. Der Radtourist etwa könne mit der Angabe "Coburg Ost" wenig anfangen. Zwar ist diese Klientel in der Regel heutzutage mit einem Navi ausgerüstet, trotzdem müssten die Nah- und Fernziele ersichtlich sein, wenn Fremde etwa mit Ziel Bamberg durch die Vestestadt radelten.

Oft nur Schutzstreifen
Südlich von Ebersdorf bei Coburg und südlich von Ahorn sollen 200 und 1200 Meter Radweg an die Bundesstraße 303 angebaut werden, hat Bayerns Innenminister vor Monatsfrist mitgeteilt. Neben diesen beiden rund 365 000 Euro teuren Vorhaben soll entlang der Staatsstraße 2204 von Bodelstadt zur Bundesstraße 4 bei Kaltenbrunn ein 700 Meter langer Radweg entstehen. In der Stadt Coburg selbst gibt es 250 Kilometer ausgewiesene Radwege, erklärt Marita Nehring. Ein Drittel davon sind "echte Radwege", weiter die Schutzstreifen wie in der Ketschendorfer und der Rosenauer Straße sowie die Tempo-30-Zonen, "die nicht extra als Radwege ausgewiesen werden". Wobei Nehring die Radfahrer-Schutzstreifen an den Straßenrändern als beste Lösung empfindet. "Forschungen haben gezeigt, dass Radfahren auf der Straße sicherer ist als auf auf eigenen Wegen."

Trotzdem ist Rücksicht gefordert. Nehring: "Wenn der Radfahrer-Schutzstreifen von parkenden Autos blockiert ist, wie täglich etwa vor dem Klinikum, hat er seine Funktion verloren." Auch Kreuzungen seien kritische Punkte. Besonders das Linksabbiegen aus der Uferstraße unter der Frankenbrücke hindurch auf den ausgewiesenen Radweg Mühldamm sei baulich überhaupt nicht befriedigend gelöst.

Nicht nur zügig vorwärtskommen sollte der Radfahrer. Damit die täglichen Wege vermehrt auf zwei Reifen zurückgelegt werden, bedarf es nach Ansicht der ÖPNV-Beauftragten auch Unterstellmöglichkeiten. "Wer möchte sich schon auf einen nassen und durchweichten Fahrradsattel setzen?", so Nehring. Darüber hinaus überschreite der Kaufpreis vieler E-Bikes und Pedelecs ohne Weiteres die 2000-Euro-Grenze. Nehring: "So ein Gefährt möchte man auch sicher geparkt wissen."





 
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