Neustadt bei Coburg

Neustadter Schule gegen Radikalisierung

Das Junge Theater Augsburg spielt an Schulen, um Jugendliche auf Gefahren der Radikalisierung aufmerksam zu machen.
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Ramadan Ali, Birgit Werner und Fabian Feder sind die Schauspieler der mobilen Theaterproduktion "Krass!" Foto: Rainer Lutz
Ramadan Ali, Birgit Werner und Fabian Feder sind die Schauspieler der mobilen Theaterproduktion "Krass!" Foto: Rainer Lutz
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In der Welt der Erwachsenen scheinen die Gründe, die Jugendliche in die Radikalisierung treiben, auf der Hand zu liegen. Aber erkennen Jugendliche die Mechanismen, die sie zu radikalen Islamisten des IS oder Brandsatz werfenden Neonazis, zu Fußballhooligans oder Steinewerfern im Schwarzen Block werden lassen? Jungen Leuten aufzuzeigen, wie Menschenfänger versuchen, sie auf ihre Seite, in ihre Falle zu locken, ist die Intention des Jungen Theaters Augsburg, dass jetzt mit dem Stück "Krass" als mobile Bühne in Bayern unterwegs ist. Am Mittwoch gastierte die Truppe in der Moosschule.
"Wir sind die ersten in Bayern", sagt Kanat Akin (SPD). Er ist Jugendbeauftragter des Coburger Kreistags. Im Internet wurde er auf das Junge Theater Augsburg und sein Stück aufmerksam und fragte an, ob die Augsburger Künstler nicht auch im Coburger Land auftreten könnten. So wurde die Moosschule zur ersten außerhalb Augsburgs, an der das Stück gezeigt wird. "Ich denke, es wird nicht genügen, lediglich mit Strafverfolgung auf die extremen Gefahren zu reagieren, Prävention ist mindestens ebenso wichtig. Das entspricht auch der Position der Bundesregierung im so genannten 10-Punkte-Plan, der nach dem Anschlag in Berlin erstellt wurde und solche Präventionsmaßnahmen erfasst", erklärt Akin.


Vertiefung in Workshops

"Ich finde, das ist eine ganz tolle Sache", sagt Schulleiterin Heike Stegner-Kleinknecht. Sie betont, dass die Schüler nicht einfach mit dem allein gelassen werden, was sie bei der Aufführung erleben. Gleich nach der Vorstellung wird das Thema in Workshops gemeinsam mit Theaterpädagogen weiter behandelt und vertieft. Für die Lehrer gibt es später noch eine Fortbildungsveranstaltung. Sie findet statt, wenn auch die Schüler und Lehrer der Mittelschulen in Ebersdorf und Bad Rodach das Stück gesehen haben. Dabei sollen Lehrkräfte sensibilisiert werden, um Tendenzen zur Radikalisierung bei Schülern früher erkennen zu können. Die Mechanismen, die Jugendlichen zum Verhängnis werden, sind dabei nicht kompliziert und eigentlich leicht zu durchschauen. Empfänglich werden Jugendliche, die keine Perspektive in ihrem Leben sehen, die sich nirgends respektiert und angenommen fühlen. Die Theatertruppe stützt sich bei ihrem Auftritt auf reale Biografien, zeigt Sequenzen aus dem Leben echter Jugendlicher, die besonders gut verdeutlichen, welchen falschen Behauptungen sie zum Opfer fallen.
Wer sich alleingelassen fühlt, sucht nach Gemeinschaft. Die bieten ihm radikale Muslime. Fühlt er sich erst als Teil ihrer Wertegemeinschaft, wird damit begonnen, in ihm die Bereitschaft zum bewaffneten Kampf gegen die Feinde dieser Gemeinschaft zu stärken - im Extremfall bis zur Bereitschaft, ein Selbstmordattentat zu begehen. "Wenn du etwas für Allah tust, dann tut Allah vielleicht auch etwas für dich". Am Ende macht sich der Jugendliche im Stück auf den Weg zum IS.


Begegnung zwischen den Welten

Dabei begegnet er einem jungen Syrer, der gerade nach Westeuropa flüchtet. Seine Heimatstadt ist zerbombt. Schule, Läden, Disco, Häuser liegen in Schutt und Asche. Der IS hat die Herrschaft übernommen. Der Westen bombardiert die Stadt deswegen weiter. Er will nicht kämpfen, weil er unter Rebellen, Kurden oder Assad-Truppen praktisch überall Verwandte oder Freunde hat. Er will auch nicht weg. Aber bleiben, hieße, sich dem IS anschließen oder hingerichtet werden - also flieht er.
So kommt das Stück zu einem anderen Feld des Radikalismus. Hier aufgezeigt am Töchterchen aus reichem Hause, dem es an nichts mangelt - abgesehen von auch nur der geringsten Aufmerksamkeit und dem Verständnis ihrer Eltern. Sie findet Anschluss an eine Szene, in der ähnliche Charaktere landen, wie bei den radikalen Dschihadisten. Ohne Perspektive, ohne Anerkennung, ohne Respekt überall abgewiesen, finden junge Leute eine Heimat in einer Gruppe von gewalttätigen Fußballfans. Von Gewaltexzessen gegen andere Fangruppen ist der Weg hier nicht weit zum Ruf "Wir sind das Volk" und Brandsätzen gegen Asylbewerberheime.
Alle Schicksale eint die Suche nach etwas, das sie "krass" sein lässt, das ihnen das Gefühl der Bedeutungslosigkeit nimmt. Die Theatertrupp selbst spricht von einer neuen "Lust am krass sein" in den Szenen von Dschiad-Girls, IS-Kriegern, Hooligans, Gangstas oder Neonazis, die sie in den Mittelpunkt des Theaterstücks stellt.
Es wird Aufgabe der Workshops und der weiteren Arbeit der Lehrer sein, mit den Jugendlichen zu vertiefen, was das Impuls-Theaterstück ihnen mitgegeben hat. Dazu gehört auch, einen Blick auf unsere Gesellschaft zu werfen, um zu ergründen, wie verhindert werden kann, dass Jugendliche für radikale Thesen anfällig werden.
Wie sich gefährdete Jugendliche fühlen, verdeutlich ein Rap-Text aus dem Stück: "Die Welt ist gegen mich und lacht, zeigt mir jeden Tag ihren Hass, was ich hab, pack ich ein und hau ab. Das ist krass - (Pause) was ich gesehen hab."
Der Auftritt wurde gemeinsam vom Freistaat und der Partnerschaft für Demokratie im Landkreis Coburg.

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