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Coburg
Linda-Prozess

Nach dem Sex rastete Jerry J. aus

Der Angeklagte Jerry J. hat seine Aussagen über den Tathergang revidiert. Gewissensbisse, Erektionsprobleme und Beleidigungen brachten demnach das Fass zum Überlaufen.
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Auch am sechsten Verhandlungstag war das öffentliche Interesse am Linda-Prozess groß. Dieses Foto stammt vom ersten Verhandlungstag; rechts der wegen Totschlags angeklagte Jerry J. Foto: Oliver Schmidt
Anders als an den vorausgegangenen fünf Prozesstagen wurde am Montag Tacheles geredet, was das Sexualverhalten von Jerry J. betrifft. Der Angeklagte selbst gab zu, den Geschlechtsverkehr mit Linda H. beendet zu haben, da er seiner Freundin gegenüber ein schlechtes Gewissen bekommen habe und daraufhin seine Erektion nachließ. Es kam auch nicht zum Samenerguss. Statt dessen soll ihn die 16-jährige Linda H. als "Schlappschwanz" beschimpft haben.

Damit traf sie den damals 20-Jährigen an einer empfindlichen Stelle. Denn Jerry J. war wegen sexueller Probleme - unter anderem verzögerter Samenerguss - schon in urologischer Behandlung; auch das wurde gestern öffentlich. Für den Psychiater, Privatdozent Cornelis Stadtland, deutet alles darauf hin, dass das Erektionsproblem in der Tatnacht unter Berücksichtigung der Vorgeschichte einer therapeutischen Behandlung bedarf. Klipp und klar sagte der Gutachter: "Wenn Jerry J. keine therapeutische Hilfe bekommt - sowohl als Gewaltverbrecher als auch als Sexualstraftäter - besteht die Gefahr, dass so etwas immer wieder passieren kann."


Totschlag hing unmittelbar mit dem Sex zusammen



An seinem Gutachten änderte die Aussage gestern nichts. Stadtland hatte bereits vermutet, dass der Tathergang in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Geschlechtsverkehr stand. Dies bekräftigte jetzt die Erklärung des Verteidigers Karsten Schieseck im Namen seines Mandanten. So revidierte Jerry J. seine Angaben über den Tathergang. Er gab zu, dass er durch die Beleidigungen Lindas, den Streit in seiner Wohnung, die für ihn eine wichtige Ruheinsel war, sowie das schlechte Gewissen gegenüber seiner Freundin, durchgedreht sei. Schon vom Sofa aus schubste er Linda Richtung Haustür. Sie hatte keine Zeit mehr, ihre Hose und ihren Slip, die nur noch an einem Bein hingen, hochzuziehen.

Als das Mädchen zu dem Hammer griff, der auf der Küchenzeile lag, entriss Jerry J. ihr den und schlug sie damit zu Boden. Entgegen seiner bisherigen Aussage hob er sie auch nicht wieder auf, sondern kämpfte mit ihr am Boden weiter und schlug immer wieder zu. Wie er zu dem Messer kam, wusste er nicht mehr. Jedenfalls hatte nicht Linda zuerst danach gegriffen. Der Angeklagte vermutet, dass es ebenfalls auf dem Boden lag oder heruntergefallen war.


Erst von der toten Linda ließ Jerry J. ab



Als Jerry J. bemerkte, dass Linda leblos dalag und sich nicht mehr rührte, ließ er von ihr ab. Das viele Blut wollte und konnte er nicht sehen. Ihm wurde übel. Deshalb holte er alle möglichen Handtücher und Decken, die in seiner Wohnung wild verstreut herumlagen, und warf sie Linda über den Kopf. Anschließend trug er sie zum Auto, legte sie in der Garage kurz ab, um den zunächst vergessenen Autoschlüssel zu holen, und hob sie dann in den Kofferraum. Dort wickelte er sie in eine Regenjacke, die Handtücher trug er ins Haus zurück, um sie zu waschen. Den weiteren Verlauf schilderte er wie bisher.

In seiner Erklärung bat er abschließend um die notwendige pädagogische und therapeutische Hilfe. Ihm sei klar geworden, dass er die dringend brauche, um ein besseres Leben führen zu können. Ihm sei bewusst, dass seine Frustrationstoleranz sehr gering sei und er oft zu impulsiv handle. Seine Mutter habe schon immer gemeint, dass etwas mit ihm nicht stimme, aber er wollte davon nichts hören und wusste auch nicht, was mit ihm los war. Selbst bei den Psychologen, zu denen sie ihn geschickt habe, hätte er keine Einsicht gezeigt.


Mangelndes Selbstbewusstsein



Auf die Frage des Vorsitzenden Richters Gerhard Amend, wo er denn sein Problem sehe, sprach Jerry J. zunächst von mangelndem Selbstbewusstsein und hoher Sensibilität: "Ich rege mich über Sachen auf, über die man sich nicht aufregen muss!" Auch gab er zu, schnell die Kontrolle über sich zu verlieren. "Ich möchte mich ändern und den Menschen, die mir nahe stehen, nicht mehr so weh tun!" Kein Grund der Welt rechtfertige sein Ausrasten, sagte er mit hängendem Kopf und sichtlich bewegt.

Der Rechtsmediziner, Professor Seidl änderte seine Einschätzung hinsichtlich der Blutspuren nicht. Selbst, wenn Jerry J. die Handtücher nach der Tat über den Kopf der Leiche geworfen habe, bleibe die Frage nach den Schleuderspuren, die an den Wänden und der Decke fehlen. Auch sei der Blutverlust während der Hammerschläge und Messerstiche so groß gewesen, dass es sich nicht erklären lässt, weshalb der Fliesenboden so sauber war.

Nach Ansicht Seidls hätten auf dem Weg zur Garage mehr Blutspuren gesichert werden müssen. "Die Widersprüche bleiben", meinte er abschließend. Lediglich die geringe Blutmenge im Kofferraum sei jetzt durch die Regenjacke erklärbar.

Die Beweisaufnahme wurde damit abgeschlossen. Am Donnerstag, 8. März, werden ab 8.30 Uhr die Plädoyers gesprochen. Die Urteilsverkündung soll am 15. März um 16 Uhr erfolgen.
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