Beiersdorf bei Coburg
Gericht

Mordprozess in Coburg: Die Bestatterin packt aus

Überraschende Details zum Verhältnis zwischen dem getöteten Wolfgang R. und seiner Tochter gab es jetzt im neu aufgerollten "Beiersdorf-Prozess".
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So akribisch, wie damals die Ermittler im Haus von Wolfgang R. nach Spuren suchten, so akribisch wird jetzt auch im Prozess vorgegangen. Zahlreiche Gutachten werden erstellt und viele Sachverständige werden gehört - ein Urteil fällt vielleicht erst im Dezember. Foto: Oliver Schmidt/CT-Archiv
So akribisch, wie damals die Ermittler im Haus von Wolfgang R. nach Spuren suchten, so akribisch wird jetzt auch im Prozess vorgegangen. Zahlreiche Gutachten werden erstellt und viele Sachverständige werden gehört - ein Urteil fällt vielleicht erst im Dezember. Foto: Oliver Schmidt/CT-Archiv
War der gewaltsame Tod von Wolfgang R. ein Mord oder doch "nur" Totschlag? Bei der komplizierten Suche nach einer Antwort auf diese Frage ist das Verhältnis, das das Opfer zu seiner Tochter hatte, nicht von Bedeutung. Und doch rückte es am Donnerstag plötzlich in den Mittelpunkt des neu aufgerollten "Beiersdorf-Prozesses".

Die Tochter, die in dem Verfahren als Nebenklägerin auftritt, war im bisherigen Prozessverlauf schon mehrmals in Tränen ausgebrochen. Zum Beispiel, als Gutachter schilderten, wie brutal Paul K. und Peter G. auf Wolfgang R. einschlugen und eintraten, bis dieser starb. Eine 49-jährige Coburgerin hatte in den entsprechenden Zeitungsberichten von dieser so schmerzvoll trauernden Tochter gelesen - und daraufhin beschlossen, sich selbst als Zeugin zu melden. Denn ihrer Meinung nach war das Verhältnis zwischen Wolfgang R. und seiner Tochter kein besonders gutes.

Die heute 49-Jährige, die damals noch als Bestatterin arbeitete, berichtete, wie die Tochter am Tag nach der Tat ins Bestattungsinstitut kam. "Sie war sehr laut und sehr außer sich. Und sie wollte wissen, ob es ein Testament gibt und ob die Lebensgefährtin ihres Vaters nun das Haus erbe." Man habe der Tochter gesagt, das nicht zu wissen.


Anonym bestattet

Die Bestatterin schilderte, dass sich der Aufenthalt der Tochter im Institut fast zwei Stunden hinzog: "Wir sind sie nicht losgeworden." Sie sei "böse" gewesen und wäre "in übelster Form" über ihren Vater hergezogen.
Ebenfalls viel Zeit habe es gebraucht, um die Modalitäten für eine möglichst kostengünstige Beerdigung zu klären. Wolfgang R. sei dann ohne Trauerfeier anonym bestattet worden.

Die Tochter von Wolfgang R. verfolgte die Aussagen der Zeugin am Donnerstag regungslos. Ihre Rechtsanwältin stellte die Nachfrage, ob sich die Zeugin und einer der angeklagten Schläger wohl kennen würden - schließlich hätten sie vor Beginn der Verhandlung miteinander geredet. "Ich habe ihn heute zum ersten Mal gesehen", beteuerte die Zeugin. Man sei deshalb ins Gespräch bekommen, weil der Sohn der Zeugin vom selben Anwalt betreut werde wie Peter G. Thema des Gesprächs sei die Justizvollzugsanstalt gewesen, in der Peter G. einsitzt.
Während die Tochter nach Ende der Verhandlung gegenüber Medienvertretern betonte, die Bestatterin habe als Zeugin die Unwahrheit gesagt, soll am nächsten Verhandlungstag auch noch der Enkelsohn von Wolfgang R. zu den Verhältnissen in der Familie befragt werden.

Apropos nächste Verhandlungstage: Die Verteidiger von Paul K. und Peter G. monierten, dass sich der Prozess so lange hinziehe. Wie berichtet, könnte nach jetzigem Stand das Urteil sogar erst am 6. Dezember fallen. Die Verteidiger fragten, warum es nicht mehr ganztägige Verhandlungen gebe und nicht - wie derzeit geplant und auch bereits praktiziert - sehr viele nur halbtägige. Ebenso zeigten sich die Verteidiger verwundert, dass alle Zeugen vor einer Vernehmung im Gericht erst noch bei der Polizei aussagen müssen. Vorsitzende Richterin Ulrike Barausch hielt dieses Vorgehen aber für richtig: "Wir wollen uns auf die Zeugen einstellen können, um gezielte Fragen zu stellen." Dafür sei es erforderlich, sich vorher ein Bild von den Zeugen zu machen. Den Hinweis, Gerhard Amend habe dies nie so gehandhabt, wies Ulrike Barausch zurück: "Doch, der hat das auch so gemacht."

Gerhard Amend war Vorsitzender Richter im ersten "Beiersdorf-Prozess", dessen auf "Totschlag" lautendes Urteil dann vom Bundesgerichtshof aufgehoben worden ist. Deshalb kam es nun zur Revisionsverhandlung, die am Freitag, 17. Juni, ab 14 Uhr, in die 12. Runde geht.


Ein Opfer, vier Angeklagte: Wer ist wer im Prozess?

Wolfgang R. Der 66-Jährige, ehemals Orchestermusiker am Landestheater, wurde in der Nacht zum 12. Dezember 2013 in seinem Haus in Beiersdorf getötet. Für die Tat wurden Paul K. und Peter G. verurteilt.

Maria S. Die ehemalige Lebensgefährtin des Opfers ist noch immer mit Helmut S. verheiratet. Die 43-jährige Brasilianerin wurde im ersten Prozess zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt, weil sie Paul K. und Peter G. zur Tat angestiftet hat.

Helmut S. Der 59 Jahre alte Noch-Ehemann von Maria S. erhielt für die Anstiftung zur Tat ebenfalls sieben Jahre Haft.

Paul K. und Peter G. Der 25-jährige Thüringer und der 47-jährige Coburger sollen gemeinsam Wolfgang R. getötet haben. Das Landgericht Coburg hatte die beiden Männer, die zeitweise dem Rockermilieu angehörten, 2015 wegen Totschlags zu je dreizehneinhalb Jahren Haft verurteilt. Der BGH hob das Urteil auf. Im neuen Prozess soll geklärt werden, ob die Tat nicht doch als Mord geahndet werden muss.

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