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Coburg
Gericht

Linda-Prozess: Der Tag der Plädoyers

Soll Jerry J., der die 16-jährige Linda H. grausam ermordet hat und bei der Tat noch 20 Jahre alt war, nach dem Jugend- oder dem Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden?
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Die 16-jährige Linda H. wurde am Abend des 8. April 2011 getötet. Ihre Leiche wurde Tage später in einem Waldstück nahe des Scheuerfelder Strassbrunnens gefunden.
Es gebe nur wenige Verfahren, in denen so intensiv nach den Gründen und Motiven gesucht wird. "Warum war es zu der Tat gekommen?" Diese Frage sei sehr gründlich und sorgfältig betrachtet worden. Mit diesen Ausführungen begann Oberstaatsanwältin Ursula Haderlein ihr Plädoyer im Prozess gegen Jerry J.

Die Schilderung des Tatablaufs ließ sich - dank der Handy-ortung und -auswertung - minutiös nachvollziehen. Dabei wurde gestern noch einmal deutlich, dass die eigentliche Tat in Jerrys Wohnung in der Zeit von 21.28 bis 21.39 Uhr geschah.

Um 21.28 Uhr schrieb Linda H. noch eine SMS an ihre beste Freundin. In den darauffolgenden elf Minuten hatten die beiden Sex miteinander, Jerry J. brach den ab, weil er wegen seiner Freundin ein schlechtes Gewissen und keine Erektion mehr hatte. Es kam zu Provokationen, Streit und zu Beleidigungen. Jerry J. packte das Mädchen, das in ihrer Not zu einem Hammer griff. Er nahm ihn ihr weg, die beiden kämpften am Boden und Jerry J. schlug ihr mit mindestens 13 Hammerschlägen Schädel, Hinterkopf und Gesicht ein. Anschließend stach er neunmal mit dem Messer zu. Als Linda leblos und blutüberströmt am Boden lag, holte er Handtücher und Kleidungsstücke, die er über ihr Gesicht warf.

Um 21.39 Uhr schrieb er seiner Freundin eine SMS, dass er etwas später zu ihr komme. Das Verhalten nach der Tat mit vier SMS an die tote Linda, mit der Reinigung der Wohnung, der Anzeige bei der Polizei gegen Linda, die ihm angeblich einen Haustürschlüssel und 50 Euro gestohlen haben soll, nannte die Oberstaatsanwältin "geplante Vertuschungs- und Verschleierungsabsichten".

Bei der Einschätzung, ob Jerry J. nach dem Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden soll, gab es für die Oberstaatsanwältin keine Zweifel. Sie stützte sich dabei auf die beiden Gutachten des Psychiaters Cornelis Stadtland und der Jugendgerichtshilfe. Demnach liegen weder eine Reifeverzögerung noch Entwicklungsrückstände bei dem Angeklagten vor. Sie beantragte eine Freiheitsstrafe von 14 Jahren.


Plädoyer der Verteidigung


Zeit seines Lebens wird Jerry J. mit dieser Schuld leben müssen. Dies sei seinem Mandanten bewusst, sagte Verteidiger Karsten Schieseck. Die Frage nach dem Warum stelle sich auch für die Verteidigung. Warum gab es für Jerry J. kein Halten mehr? Schie seck forderte das Gericht auf, nicht nur oberflächlich die Umstände zu beurteilen, sondern tief zu blicken und vor allem Jerrys traumatische Jugenderlebnisse in der Urteilsfindung mit einzubeziehen.

Objektiv betrachtet, müsste man sagen, dass es keinen einzigen Punkt gab, in dem Jerrys Aussagen widerlegt worden wären. Auch die Zeugen hätten seine Angaben immer wieder bestätigt. Der Vorwurf der Nebenklägerin, sein Mandant hätte immer nur "scheibchenweise" seine Schuld zugegeben oder neue Hinweise zur Tat gegeben, nannte Schieseck "völligen Blödsinn". Der Angeklagte hätte sich sämtlichen Fragen gestellt. "Er hat sich in die Seele schauen lassen!", meinte er mit Blick auf seinen Mandanten.

Jerry J. habe ein vollumfassendes Geständnis abgelegt, die Polizei zur Leiche geführt und den Tathergang so genau geschildert, wie er sich erinnern konnte. Einzig die Minuten kurz vor der Tat hatte er im Laufe der Verhandlung noch einmal anders dargestellt - offensichtlich, weil der Sachverständige die Sexualproblematik als Hemmschwelle eingeordnet hatte. "Es ist eine absolute Notwendigkeit, die Persönlichkeit von Jerry mit einzubeziehen", forderte Schieseck. Er sei mit zwölf Jahren von seinem gewalttätigen, cholerischen, möglicherweise pädophilen Vater nach Amerika verschleppt worden. Dort habe er wie ein "verschrecktes Kaninchen, immer geduckt abgewartet, was wieder passiert". Und auch im Gerichtssaal habe Jerry oft wie ein "Häufchen Elend" dagesessen.

Die Verteidigung plädierte auf eine Verurteilung nach dem Jugendstrafrecht und mahnte den gesellschaftlichen Auftrag an, sich mit dem Täter auseinanderzusetzen, "damit es zu so einer Tat nicht mehr kommt". Der Verteidiger beantragte eine Freiheitsstrafe nicht unter neun Jahren. Sollte das Gericht in seinem Urteil nicht das Strafmaß nach dem Jugendstrafrecht ansetzen, reichte Schieseck bereits einen Hilfsbeweisantrag ein, in dem er einen neuen psychiatrischen Gutachter fordert. Seiner Meinung nach sei das Gutachten von Privatdozent Cornelis Stadtland widersprüchlich. Er bezeichnete den Psychiater als "nicht kompetent".

Die Urteilsverkündung ist für Donnerstag, 15. März, um 16 Uhr angesetzt.

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