Coburg
Zeitgeschichte

Lesung in Coburg: Dem Schicksal ein Schnäppchen geschlagen

Vera Lengsfeld erzählt aus ihrem Leben: mit Augenzwinkern und doch bitterer Ernst.
Artikel drucken Artikel einbetten
Zieht ihre Zuhörer in ihren Bann: Vera Lengsfeld liest aus ihrem Buch "Ich wollte frei sein".  Foto: Isabel Firsching
Zieht ihre Zuhörer in ihren Bann: Vera Lengsfeld liest aus ihrem Buch "Ich wollte frei sein". Foto: Isabel Firsching
Gelebte Geschichte live erzählt. So könnte man den Vortrag von Vera Lengsfeld überschreiben. Am Dienstagsabend war sie Gast im Haus Contakt Der Verein Mentor Lesespaß hatte die Publizistin eingeladen, weil zeitgeschichtliche Themen immer auf Interesse stoßen, sagt die Vorsitzende Helga Brachmann. Unterstützt wurde der Verein dabei vom Rotary Club Coburg und den Soroptimisten Coburg.
Im gut besuchten Saal erzählte Vera Lengsfeld frei von der Berliner Leber weg. Und berichtet gleich wie viel Spaß ihr das doch immer wieder bereiten würde "so einfach" über die ehemalige Grenze fahren zu können. Nichts merkt man ihr an von dem Schicksal, das sie hinter sich hat, und das sie in den kommenden knapp 60 Minuten vor den Ohren der gespannten Zuhörer ausbreitet.
Vera Lengsfeld erzählt davon, wie groß der Verfolgungsdruck auf die Menschen war, die in der DDR eine Opposition bildeten: Sie selbst verlor ihre Anstellung als Lektorin. Aber sie ließ sich nicht beugen. Flugblätter wurden verteilt, Treffen und Ausstellungen organisiert. Der Stasi gelang es nicht die Freiheitsbewegung aufzuhalten. "Warum?", fragt Lengsfeld. "Weil die gar nicht begriffen haben, wie wir gearbeitet haben! Bei uns gab es keine hierarchischen Strukturen und die haben immer nach den Anführern gesucht, um einen ,Enthauptungsschlag' zu führen." Dennoch widerfuhr Lengsfeld ein schlimmes Schicksal. Sie wurde während einer Demo im Januar 1988 festgenommen und im Stasi- Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen festgehalten.

Ins Ausland abgeschoben

Lengsfeld wurde abgeschoben. "Zu einem Studienaufenthalt ins Ausland." Doch sie wollte nicht ohne ihre Kinder das Land verlassen. Nach Wochen erst, war sie bereit zu gehen, ihren ältesten Sohn ließ sie zurück, dem daraufhin sämtliche Bildungsmöglichkeiten abgeschnitten wurden. Den Ehemann und die beiden kleinen Kinder nahm sie mit. Ein Stasi-Anwalt versprach ihr rhetorisch gewandt, alles mögliche. Sein Name: Gregor Gysi. "Ich hab ihm damals kein Wort geglaubt!"- und sie tut es auch heute nicht. Gysi ist ihr Sinnbild für das, was der Staatsschutz den Menschen angetan hat und was damals passiert ist.
Lengsfeld und Gysi begegneten sich im Plenarsaal der ersten freigewählten Volkskammer und im Bundestag wieder. Gemeinsamen Talkrunden mag Gysi sich nicht stellen. Lengsfeld würde auch hier ihren Spaß haben, aber: "Leider werde dann meistens ich ausgeladen, weil er der publikumswirksamere Rhetoriker ist."
Alles, was sie da so mit einem Augenzwinkern erzählte, war und ist aber bitterer Ernst.
Sich dessen bewusst, dass man eine solche Zeitzeugin nicht so schnell wieder zu hören bekommt, fragte das Publikum noch rege nach.
"Welche Rolle spielten Joachim Gauck und Angela Merkel in der Bürgerrechtsbewegung?", lautete eine Frage. "Der Jochen hat immer sein eigenes Ding in einem Plattenbau in Rostock gemacht und ist dann relativ schnell Chef vom Neuen Forum geworden", sagt Lengsfels, " Und Frau Merkel war keine Bürgerrechtlerin, die CDU hat das nur immer gedacht." Man merkt, dass diese Frau keine Hemmschwellen oder überzogenen Respekt vor "großen Tieren" kennt, dafür hat sie ein zu heftiges Schicksal hinter sich.




Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren