Coburg

Landestheater: Ein genialer Stratege geht unter

Das Landestheater Coburg wagt sich zum Reformationsjubiläum an Schillers Trilogie "Wallenstein". Es inszeniert Torsten Schilling.
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Kriegstreiber, genialer Feldherr, Machtmensch: Wallenstein wird in der neuen Coburger Inszenierung von Frederik Leberle dargestellt. Foto: Sebastian Buff
Kriegstreiber, genialer Feldherr, Machtmensch: Wallenstein wird in der neuen Coburger Inszenierung von Frederik Leberle dargestellt. Foto: Sebastian Buff
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Es ist schlicht und unmittelbar gesagt ein "gigantisches Werk", wie Regisseur Torsten Schilling sagt. Man könnte erstarren vor Schillers "Wallenstein"-Trilogie, vor Länge und Größe, vor der Sprache, besonders an einem eher kleinen Theater. Tut das Landestheater Coburg aber nicht, nimmt im Reformations-Jubiläumsjahr stattdessen die Herausforderung an. Am Samstag nächster Woche kommt der gesamte "Wallenstein" auf die Bühne, sinnvoll und anständig gekürzt, nehmen wir mal an. - Auf etwa drei Stunden, tritt Torsten Schilling vorauseilendem Ächzen entgegen. In denen will er die innere Entwicklung dieser herausfordernden Gestalt, den Kampf des Machtmenschen auch mit sich selbst sinnfällig werden lassen.
Friedrich Schiller hatte sich sehr ausführlich mit dem 30-jährigen Krieg auseinandergesetzt. In seiner 1799 vollendeten Trilogie stellte er dann nicht den schwedischen König Gustav Adolf (1594 bis 1632), der durch sein Eingreifen die Existenz des deutschen Protestantismus sicherte, in den Mittelpunkt. Schiller schilderte stattdessen den Absturz des berühmten Feldherrn Wallenstein, dem mit seinem überragenden strategischen Vermögen erfolgreichen Oberbefehlshaber der kaiserlichen Armee.
Doch auf der Höhe seiner Macht und in zunehmender Machtgier wendete er sich gegen den Kaiser, Ferdinand II..Wallenstein wurde 1634 in Eger ermordet. Schiller orientierte sich frei an den historischen Ereignissen. Das Drama spielt 1633/34 in Pilsen, zuletzt dann in Eger.
"Das Geschichtliche ist uns relativ weit weg", ordnet Torsten Schilling das Werk ein. "Es muss für uns heute bedeutsam gemacht werden." Was aber angesichts der inneren Wucht und der grandiosen Sprache Schillers kein Problem darstellen dürfte. "Schillers Sprache ist von großer Kunstfertigkeit," ist sich Schilling bewusst. Es braucht darstellerisches Vermögen, um sie dem Zuschauer zugänglich zu machen. Frederik Leberle hat die Rolle des seiner eigenen Hybris verfallenden Feldherrn übernommen. Schilling hat größtes Vertrauen in ihn. "Leberle ist ein Suchender."
Unter dem Einfluss der napoleonischen Kriege verfasst, sei Schillers "Wallenstein" vor allem ein Stück darüber, was der Krieg aus den Menschen macht, beschreibt Schilling seinen Fokus. Tatsächlich werden ja alle zentralen Figuren einschließlich Wallenstein zu Verrätern.
Schiller zeige Wallenstein als eine machtbesessene Führungsfigur mit genialen Zügen. "Der historische Wallenstein war ja ein grandioser Unternehmer, der eine riesige Firma aufgezogen hat", erkennt Schilling. Er hat ein für damalige Verhältnisse gigantisches stehendes Heer von 100 000 Mann aufgebaut, bestehend aus Söldnern, die er mit eigener Landwirtschaft, durch eigene Manufakturen und Handelsstrategien versorgte. Im angeblichen Glaubenskrieg spielte deren religiöse Überzeugung keine Rolle. "Wallenstein hat sich in all dem selbstverständlich bereichert. Dabei wurde er zu einem eigenständigen Machtfaktor, begehrter Partner, aber auch Konkurrent, sogar für den Kaiser."


Klares Bekenntnis zur Klassik

Schilling und seine Ausstatterin Gabriele Wasmuth werden das Drama aber nicht im Heutigen darstellen, selbstverständlich auch nicht historisierend. "Ich gebe ein klares Bekenntnis zur Klassik", sagt Schilling. "Wir wollen in eine gewisse Zeitlosigkeit kommen, die den Kriegszustand beschreibt." Von "Wallensteins Lager" als eine Art Vorspiel, über "Die Piccolomini" bis zu "Wallensteins Tod" wird Schilling ganz auf die Figur des Feldherrn zentrieren. "Er ist besessen von seiner inneren Berufung, seinem eigenen Aufstieg, aber auch von der Idee, die Welt neu zu ordnen. Damit setzt er sich dem Kaiser gleich. In seinem Größenwahn verkennt er, dass er trotz seiner überragenden Fähigkeiten und seiner Machtfülle angreifbar ist." Er, der alles überprüft und regelt, stellt seine nächste Umgebung nicht infrage, überprüft seine Vertrauten nicht, was ihm zum Verhängnis wird.
Doch erst die innere Zerrissenheit dieser Persönlichkeit macht Wallenstein interessant für die Bühne. Er reflektiert sehr wohl auch die Bedenken gegen sein Handeln, habe aber das Vertrauen und die Fähigkeit verloren, sich seinen Untergebenen zu vermitteln. "In der Schwere der Entscheidungen ist er auch ein furchtbar einsamer Mensch. Greif ich zum Schwert oder lasse ich die Gefühle walten, zwischen diesen Positionen sieht sich Wallenstein", so Schilling.
Für die Coburger Inszenierung hat Schilling das Personal extrem reduziert, Nebenstränge beiseite gelassen, um Klarheit zu schaffen. "Ich wollte nicht, dass man ständig fragen muss, wer war das jetzt wieder." Es geht um die innere Geschichte Wallensteins.

Landestheater Coburg "Wallenstein". Dramentrilogie von Friedrich Schiller. Inszenierung Torsten Schilling, Bühnenbild und Kostüme Gabriele Wasmuth, Dramaturgie Carola von Gradulewski

Darsteller Wallenstein: Frederik Leberle, Herzogin von Friedland: Eva Marianne Berger, Thekla: Alexandra Weis, Octavio Piccolomini: Niklaus Scheibli, Max Piccolomini: Benjamin Hübner, Gräfin Terzky: Kerstin Hänel, Graf Terzky: Nils Liebscher, Illo: Ingo Paulick, Buttler: Stephan Mertl, Isolani: Oliver Baesler, Questenberg/Wrangel Thomas Straus

Premiere Samstag, 24. Juni, 19.30 Uhr im Großen Haus

Der Regisseur Thorsten Schilling inszenierte erstmals Ende 2014 in Coburg, "Fabian" nach Erich Kästners Roman. Geboren 1962 in Meißen, absolvierte er zunächst eine Lehre als Elektriker, arbeitete als Beleuchter, kam dabei zum Berliner Ensemble, wo er überall half, wo es nötig war. Es zog ihn auf die Bühne. Er studierte Kulturwissenschaften in Dresden und Theaterwissenschaften in Leipzig, arbeitete als Dramaturg am Theater Greifswald, nach der Wende als Regisseur am Landestheater Innsbruck, war Intendant des Jungen Theaters Göttingen, übernahm als freier Regisseur Produktionen an zahlreichen deutschsprachigen Bühnen und arbeitet heute gerne auch in genreübergreifenden Kunstprojekten oder mit gemischten Ensembles aus Laien und Profis. Schilling lebt in Berlin und Meran.

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