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LH 612: Dreiecksflug war kein Fuel-Dumping!

Beim Flug LH612 über Nordwestoberfranken ist offensichtlich doch kein Kerosin abgelassen worden. Das hat jetzt die Deutsche Flugsicherung versichert.
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Auf der Homepage von "Flightradar24" kann man die außergewöhnliche Reise der Lufthansa-Maschine vom Sonntag nachvollziehen. Nach drei "Ehrenrunden" über dem Coburger Land kehrte LH 612 wieder nach Frankfurt zurück. Foto: Flightradar24.com
Auf der Homepage von "Flightradar24" kann man die außergewöhnliche Reise der Lufthansa-Maschine vom Sonntag nachvollziehen. Nach drei "Ehrenrunden" über dem Coburger Land kehrte LH 612 wieder nach Frankfurt zurück. Foto: Flightradar24.com
Anja Augustin hat sich am Sonntagnachmittag nicht schlecht gewundert, als sie dieses seltsame Schauspiel am Himmel sah. "Ich hörte laute Flugzeuggeräusche und schaute - aus Neugier - bei Flightradar nach", berichtete Augustin dem Tageblatt. "Flightradar24.com" - das ist eine Homepage, auf der die Routen und Daten von Flugzeugen am Himmel in Echtzeit verfolgt werden können. Und was sie da sah, war nicht alltäglich: "Die Maschine zog lautstark dreieinhalb Schleifen über unserem Gebiet." Dabei befand sich die Maschine auf einer Höhe von rund 11 000 Fuß - gerade mal einem Drittel der regulären Reiseflughöhe.

Eine dramatische Situation sei es nicht gewesen, die sich da am Himmel im Dreieck zwischen Selbitz (Landkreis Hof), Masserberg (Landkreis Hildburghausen) und Ebern (Landkreis Haßberge) abspielte - das bestätigte ein Sprecher der Lufthansa. Betroffen davon war der Linienflug mit der Nummer LH  612 zwischen Frankfurt und Baku, der Hauptstadt von Aserbaidschan. "Bei der Maschine gab es einen leichten technischen Defekt am Fahrwerk", berichtete der Lufthansa-Sprecher. Deshalb habe man sich dazu entschlossen, den Airbus A 321 nach Frankfurt zurückfliegen zu lassen und dort zu reparieren. "Insbesondere deshalb, weil dort auch die nötigen Ersatzteile verfügbar sind", hieß es aus der Lufthansa-Zentrale weiter. Von einer "Notlage" (Zitat) könne auf keinen Fall die Rede sein. Als die Entscheidung für eine Rückkehr fiel, befand sich die Maschine auf der Höhe von Pilsen in der tschechischen Republik.


Viel niedriger als normal

Weil das Flugzeug bis da hin aber gerade einmal ein bisschen mehr als ein Zehntel seiner geplanten Flugstrecke zurück gelegt hatte, musste es vor seiner Landung in Frankfurt ihr Gewicht reduzieren. "So eine Maschine kann mit ihrem Startgewicht nicht sicher landen", hieß es dazu von der Lufthansa. Deshalb drehte der Airbus - der in dieser Modellreihe eine Reichweite von weit über 5000 Kilometern hat - drei Schleifen über Thüringen und Franken, um seinen Treibstoffvorrat zu verbrauchen. Zuerst hießt es von Unternehmensseite, das Flugzeug habe Kraftstoff ablassen müssen. Jetzt hat die Deutsche Flugsicherung (DFS) auf Nachfrage Entwarnung gegeben: Es wurde definitiv kein Kraftstoff in die Umwelt abgelassen.
Die Deutsche Flugsicherung kann in diesem Fall sogar eine Garantie dafür geben, dass kein - so nennt man das Ablassen in der Fachsprache - "Fuel Dumping" stattgefunden hat. Dafür gibt es nämlich genau Vorschriften, die unter anderem besagen, dass solche Aktionen ausdrücklich von der DFS genehmigt und anschließend dem Bundesverkehrsministerium gemeldet werden müssen. Und einen ganz praktischen Grund gibt es zu dem noch: "Der Airbus A321 hat überhaupt keine Vorrichtung zum Ablassen", teilte die DFS-Sprecherin mit. Deshalb habe der Pilot hat im Dreiecksflug schlicht Kerosin verbraucht, um auf sein gewünschtes Startgewicht zu kommen.

Ein solches Vorgehen war aber in der Vergangenheit - sogar auf das Coburger Land bezogen - bei technisch bedingten Problemen von Flugzeugen gar keine Seltenheit. "So etwas wird immer wieder in verschiedenen Regionen gemacht, weil das Flugzeug immer ein niedrigeres Landegewicht als das Höchstabfluggewicht hat", erklärte Michael Eschenbacher (zweiter Vorsitzender beim Coburger Aero-Club) und verwies auf eine Drucksache aus dem Deutschen Bundestag. In dieser wurden auf eine Anfrage von "Bündnis 90/Die Grünen" hin für die Jahre 2010 bis 2016 die Ereignisse zusammengefasst, bei denen militärische und zivile Flugzeuge Kraftstoff ablassen mussten.

Alleine aus dem zivilen Bereich stehen demnach in diesem Sechs-Jahres-Zeitraum insgesamt 121 solcher Fälle in der Statistik, dazu kommen 26 aus dem militärischen Bereich. In vier Fällen, alle im Bereich der zivilen Luftfahrt, wurde Kerosin direkt über dem Coburger Land abgelassen - von welchen Maschinen und warum, steht nicht in der Statistik. Registriert wurden: Am 11. Juli 2010 ließ eine Maschine auf der Strecke zwischen Cheb und Frankfurt 70 Tonnen Kraftstoff ab. - Am 7. August 2010 waren es 55 Tonen zwischen Siegen, Coburg und Fulda. - Am 1. April 2011 13 Tonnen zwischen Hof, Coburg und Bamberg. - Am 2. August 2012 steht eine nicht näher definierte Treibstoff-Menge gut 20 Kilometer von Coburg in der Statistik. Danach gibt es keine weiteren derartigen Vorkommnisse mehr.


Am Boden kommt nicht viel an

Von einer gesundheitlichen Belastung für die Bevölkerung geht das Bundesumweltministerium in seiner Stellungnahme zur Anfrage der Grünen nicht aus. Demnach wird der Kraftstoff dank spezieller Ventile und der Turbulenzen sofort zu einem dünnen Nebel. "Der weitaus größte Teil des Nebels sinkt jedoch nicht zu Boden, sondern verdunstet noch in den höheren Luftschichten und verbleibt in der Atmosphäre, bis er durch die Strahlungsenergie der Sonne in Wasser und Kohlendioxid umgewandelt wird", schreibt die Bundesregierung. Der TÜV Rheinland habe dazu eine Untersuchung durchgeführt und eine theoretische Bodenbelastung von 0,02 Gramm Kerosin pro Quadratmeter ermittelt. Umweltschäden und gesundheitliche Schäden befürchtet die Bundesregierung, so heißt es im Schreiben auf die Anfrage, nicht: Diese "sind durch das Ablassen von Flugbenzin nicht zu erwarten, weil die dazu erforderlichen Konzentrationen bei weitem nicht erreicht werden".

Für die Passagiere von Flug LH 612 ging die Sache jedenfalls glimpflich aus. Die Maschine landete nach gut zweieinviertel Stunden "Irr-Flug" wieder "normal", wie von der Lufthansa versichert wurde, in Frankfurt. Dort stiegen die Fluggäste in eine andere Maschine um und machten sich erneut auf den Weg Richtung Aserbeidschan.
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