Für Rechtsanwalt Thomas Bittorf ist die Sache klar: Die 27 fraglichen Autografen gehören dem Freistaat. 1992 hatte er die Handschriften übernommen und bezahlt. Und selbst wenn der Kauf nicht rechtswirksam wäre - nach zehn Jahren hätte der Freistaat Bayern die Handschriften ersessen.

"Ersitzen" kann man Dinge, die man im Besitz hat, wenn sie kein anderer als Eigentümer beansprucht. Zehn Jahre dauert diese First. Und deshalb, so argumentiert Bittorf, kann Ulrich Andryk diese Handschriften auch nicht bekommen.


27 Autografen gekauft



Ulrich Andryk ist der geschäftsführende Gesellschafter des Musikverlags Fr. Kistner & C.W .F. Siegel. Dieser Verlag, 1948 in Lippstadt gegründet, sei legitimer Nachfolger des gleichnamigen Verlags, der vorher in Leipzig bestand, argumentiert Andryk. In Leipzig verkaufte im Jahr 1991 Christel Linnemann die 27 Autografen - und womöglich noch mehr - an Udo Rainer Follert. Laut Klageschrift handelte es sich um Notenblätter des in Coburg geborenen Komponisten Felix Draeseke und Samuel Jadassohns, einem Zeitgenossen Draesekes.

Diese Blätter will Andryk haben. Christel Linnemann habe sie nie verkaufen können, da sie dem Verlag Kistner & Siegel gehört hätten, sagt er. Dieser Verlag war in Westdeutschland tätig, die fraglichen Noten lagen aber in Leipzig, in der DDR - so lange es zwei deutsche Staaten gab, kam der Lippstädter Verlag also nicht an diese Dinge heran.


Ist der Verkauf nichtig?



Doch 1991, nach der deutschen Wiedervereinigung, lagen die Dinge anders. Follert, Vorsitzender und Geschäftsführer der Internationalen Draeseke-Gesellschaft (offizieller Sitz: Coburg) kaufte die Autografen in Leipzig für 10 000 Mark. Ein Jahr später kaufte sie die Landesbibliothek in Coburg für den Freistaat Bayern für 220 000 Mark - "eine relativ große Summe", wie Richter Christian Pfab anmerkte. Das Geschäft, argumentiert Andryk, sei nichtig. Deshalb reichte er beim Landgericht Coburg sowohl gegen den Freistaat Klage ein als auch gegen Follert, der die Blätter seinerzeit als Privatmann erworben haben will. Als Privatmann hat er sie zumindest der Landesbibliothek verkauft.


Kein Kaufvertrag



Wie das Geschäft zustande kam, konnte am Mittwoch vor Gericht allerdings niemand erzählen. Silvia Pfister, die Leiterin der Landesbibliothek, ist erst seit 2008 in diesem Amt. Die Bibliothekarin und die Dokumentatorin, die seinerzeit die gekauften Blätter in Empfang nahmen, registrierten und die Bezahlung anwiesen, hatten nie einen Kaufvertrag gesehen. Das, so sagten sie es beide als Zeuginnen gestern im Gericht, sei aber auch so üblich gewesen. "Warum gibt es keine Expertise, keinen Kaufvertrag, keinen Eigentumsnachweis bei der Landesbibliothek?", bohrte Andryk. Eine Antwort erhielt er nicht.


Als "Dieb und Hehler" hingestellt



Dafür reagierte Michael Langner, der Anwalt von Udo Rainer Follert, hörbar ungehalten: Sein Mandant werde von Andryk "als Dieb und Hehler hingestellt", schimpfte er. An dryk hielt dagegen: Seinen Informationen nach habe Christel Linnemann nie etwas verkauft. Nun befänden sich die Handschriften in Coburg. "Erklären Sie mir bitte, auf welche Gedanken man da kommen soll", sagte er süffisant. Die Zeugin, die hätte bestätigen sollen, dass der Verkauf des Linnemann'schen Konvoluts nie hätte stattfinden dürfen, konnte gestern jedoch wegen einer Autopanne nicht zur Verhandlung erscheinen. Sie, die Enkelin der Verlagswiedergründer in Westdeutschland, führte den Musikverlag Kistner & Siegel bis 2008.


Eigentumsfrage bald geklärt?



Richter Christian Pfab ließ die Tendenz erkennen, dass er ebenfalls der Auffassung ist, die Bibliothek habe die Manuskripte inzwischen ersessen. Auch Bibliothekschefin Silvia Pfister hofft, dass die Eigentumsfrage bald geklärt ist.