Coburg
Neonazi-Szene

Journalist präsentiert in Coburg Lesestoff, der Angst macht

Der Journalist und Autor Björn Menzel zeigte in Coburg anhand seines Buches "OhneMacht" die gefährlichen Machenschaften der Rechtsextremen in Deutschland auf.
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Ein Abend, der nachdenklich macht: Der Journalist Björn Menzel liest in VHS-Saal Coburg aus dem Buch "OhneMacht". Foto: Gabi Arnold
Ein Abend, der nachdenklich macht: Der Journalist Björn Menzel liest in VHS-Saal Coburg aus dem Buch "OhneMacht". Foto: Gabi Arnold
Was macht die Neonazi-Szene so gefährlich? Warum gehen den Typen immer wieder Menschen ins Netz? "In der rechten Szene hat ein Strategiewechsel stattgefunden", weiß Björn Menzel. Der Journalist und Buchautor erklärt im Saal der VHS seinen Zuhörern, was deutschlandweit in jüngerer Zeit passiert ist: "Die Leute treten nicht mehr brutal mit kahlgeschorenen Köpfen und Springerstiefeln in Erscheinung, das Image wandelt sich. In den ländlichen Gegenden versuchen die Rechten demnach, die Gesellschaft zu untergraben, indem sie Vereinen wie der Feuerwehr beitreten oder als freundliche und hilfsbereite Nachbarn von nebenan auftreten."

Die Begegnung mit einem Bundestagsabgeordneten war der Auslöser für das Buch "OhneMacht", das Menzel zusammen mit dem Journalisten Jens Kiffmeier geschrieben hat. Die beiden beobachten und berichten aus dem Deutschen Bundestag und erleben, wie die Politik dem rechtsextremen Treiben ohnmächtig und sprachlos gegenübersteht. In verschiedenen Reportagen nähern sich die Autoren dem Thema aus Sicht der Politik, der Gesellschaft und der Medien.

Woche gegen Rassismus

Björn Menzel kam auf Einladung des Coburger Netzwerkes für Menschenrechte und Demokratie in die Vestestadt, im Rahmen der internationalen Woche gegen Rassismus. Es ist still im Saal der VHS, die Stühle sind fast alle besetzt. Eine Lesung, die nachdenklich macht, ist angekündigt, und genau das ist sie: Die vorgetragenen Geschichten sind erschütternd und beängstigend.

Die Journalisten haben versucht, herauszufinden, was Bürger dazu bewegt, rechts zu wählen. Beispielsweise wählen in Koblentz in Mecklenburg-Vorpommern 33 Prozent der Bürger NPD. Menzel und Kiffmeier haben das Dorf Jamel in Mecklenburg-Vorpommern besucht. In dem 60 Einwohner zählenden Dörfchen haben die Rechten die Oberhand, der Ort ist zur "National befreiten Zone" erklärt worden. Ein Plakat mit den Worten "Dorfgemeinschaft Jamel frei-sozial-national" empfängt die Besucher. "Mehr als 60 Prozent der Bürger sind dort rechtsextrem, der Rest sind Sympathisanten, oder sie haben Angst", erzählt Menzel.

Alle? Nein, ein Ehepaar ist die Ausnahme

Eine Ausnahme gebe es: das Ehepaar Birgit und Horst Lohmeyer, das beispielsweise mit dem Rockfestival "Jamel rockt den Förster" dem braunen Mob trotzt. Ihr Leben ist extrem: Die Neonazis werfen tote Ratten in den Briefkasten oder Mist auf das Grundstück, während die Politiker die Lohmeyers mit Lob überschütten oder Schirmherrschaften für das Festival übernehmen. "Hier ist ein Fehler im System", sagt Menzel. In Deutschland laufe doch was schief, wenn der Widerstand erst von einer privaten Gruppe ausgehen müsse, bevor die Politik reagiere.

Menzel und Kiffmeier haben auch den evangelischen Jugendpfarrer Lothar König aus Jena getroffen, aus der Stadt, in der auch die Terrorzelle NSU keimte. Der evangelische Pfarrer ist bekennender Nazi-Gegner. Er soll bei einer Demonstration gegen einen Nazi-Aufmarsch angeblich zu Gewalt gegen Polizisten aufgerufen haben und wurde wegen schweren Landfriedensbruchs vor Gericht gestellt. So kam er in die Schlagzeilen. Mittlerweile, so Menzel, seien Videos aufgetaucht, die genau dies widerlegten und zeigten, wie König beschwichtigend auf die Demonstranten einredet.

Wenig Zeit für dieses heikle Thema

Wie gehen die Medien mit dem Thema um? Zeit für ausgiebige Recherchen bleibe dem Redakteur nicht mehr. Menzel: "Die Qualität bleibt auf der Strecke." In der Kleinstadt sei außerdem der Schutz durch Anonymität nicht gegeben wie in der Großstadt. "Wie also sollen sich die Medien dem Erstarken der rechten Szene nähern? Sind die Medien wirklich noch die vierte Macht im Land oder entwickeln sie sich hin zum Hofberichterstatter?", fragte er.

Begonnen hatte Menzel die Lesung mit den Erfahrungen eines Neonazi-Aussteigers und damit endete sein Vortrag, bevor er mit den Besuchern ausführlich diskutierte.



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