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Coburg
Prozess-Chronologie

Jerry J.: Heute soll das Urteil gesprochen werden

Tränen, Trauer und der schmerzhaft lange Weg bis zum Urteil: Der gewaltsame Tod der 16-jährigen Linda H. hat vor einem knappen Jahr nicht nur in Coburg viele Menschen tief erschüttert. Wir nehmen die für heute angesetzte Urteilsverkündigung zum Anlass, um noch einmal zurückzublicken.
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Kriminaloberrat Bernd Rebhan, Leiter der Soko "Lämmermühle", zeigt Medienvertretern am 13. April 2011 den Fundort von Lindas Leiche.Foto: Archiv / dpa
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Die traurige Geschichte nahm am 8. April 2011 ihren Anfang, einem Freitag. Der damals 20-jährige Jerry und die 16-jährige Linda nehmen - ohne sich vorher gekannt zu haben - am Nachmittag über die Internetplattform Facebook Kontakt zueinander auf und vereinbaren sofort ein Treffen. Am frühen Abend kommt es noch zu einem zweiten Treffen. Linda sucht offenbar jemanden, der sie nach Hildburghausen zu ihrem Freund fährt. Zunächst fahren die beiden aber in die Wohnung des 20-Jährigen nach Scheuerfeld. Dort kommt es sehr schnell zum Geschlechtsverkehr - und zu einem heftigen Streit. Jerry tötet Linda mit mindestens 13 Hammerschlägen sowie neun Messerstichen. Er versteckt die Leiche zunächst im Kofferraum seines Autos.

Samstag, 9. April
Am Vormittag Die Familie von Linda gibt eine Vermisstenanzeige auf. Die Polizei befragt Freunde und Bekannte des Mädchens - Hinweise auf eine Straftat gibt es aber nicht. Jerry transportiert derweil die Leiche des Mädchens mit seinem Auto in ein Waldstück bei Scheuerfeld; er fährt dabei am Rande eines Feldes entlang. Einer Anwohnerin fällt das blaue Fahrzeug an dieser ungewöhnlichen Stelle auf - sie meldet diese Beobachtung aber zunächst nicht.

Sonntag, 10. April 2011
9.15 Uhr Freundinnen haben der Polizei berichtet, dass sich Linda am Freitag mit einem Jerry getroffen hat, den sie übers Internet kennengelernt hat. Eine Ortung von Lindas Handy hat ergeben, dass sich das Mobilfunktelefon noch immer im Raum Scheuerfeld befindet - und zwar in einem Umkreis, in dem die Wohnung von Jerry liegt. Der junge Mann wird daraufhin von der Polizei aufgesucht und befragt. Er räumt ein, sich am Freitagabend mit Linda getroffen zu haben, aber sie sei dann wieder gegangen. "Er schien uns glaubhaft", sagen die Polizisten später vor Gericht aus.

9.40 Uhr Jerry J. erscheint mit seiner Freundin auf der Polizeiwache in Coburg. Er bittet die Polizisten, ihm Bescheid zu sagen, wenn Linda wieder aufgetaucht ist.

Montag, 11. April
17 Uhr Eine Spaziergängerin findet in der Nähe des Waldstücks bei Scheuerfeld Lindas Handy.
Am Abend Die Polizei durchsucht das Gelände rund um den Handy-Fundort. Dies beobachtet die Anwohnerin, der Tage zuvor das blaue Auto am Waldrand aufgefallen ist. Nun teilt sie ihre ungewöhnliche Beobachtung der Polizei mit - und das Puzzleteil scheint zu passen, denn Jerry besitzt ein blaues Auto. Die Polizei durchsucht den Wagen und muss feststellen, dass im Kofferraum die Innenverkleidung fehlt. Sie nimmt Jerry mit aufs Revier.

Dienstag, 12. April
2 Uhr Der 20-Jährige wird festgenommen und in eine Zelle der Coburger Polizei gebracht.

Am Morgen Bei der Coburger Kripo wird die 30 Mann starke Soko "Lämmermühle" gegründet - Lämmermühle ist der Name einer Mühle unweit des Handy-Fundortes. Ein Polizeihubschrauber mit Wärmebildkamera kreist über Scheuerfeld, kann aber nichts entdecken.

12.30 Uhr Nach weiteren Verhören erklärt sich Jerry bereit, die Polizisten zu der Stelle zu führen, an der er Lindas Leiche verscharrt hat.

Mittwoch, 13. April
13.30 Uhr Jerry wird dem Haftrichter in Kronach vorgeführt. Es ergeht Haftbefehl. Parallel dazu wird mit Nachdruck nach den beiden Tatwerkzeugen gesucht. Jerry will sie - aus dem fahrenden Auto heraus - im Bereich des Goldbergsees bei Coburg weggeworfen haben. Doch sie bleiben - bis heute - spurlos verschwunden.

Oktober 2011
Die Staatsanwaltschaft Coburg erhebt Anklage gegen den inzwischen 21-jährigen Jerry. Sie lautet auf Totschlag. "Es liegen uns keine Mordmerkmale, wie Heimtücke oder Habgier, vor", sagt der Leitende Oberstaatsanwalt Anton Lohneis.

Dezember 2011
Die Anklage gegen Jerry wegen Totschlags wird zugelassen, das Hauptverfahren ist eröffnet.

18. Januar 2012
Andrang im Coburger Justizgebäude: Die Verhandlung vor der Großen Jugendkammer am Landgericht Coburg unter Vorsitz von Richter Gerhard Amend beginnt. Insgesamt sind 53 Zeugen geladen. Gleich zu Beginn der Sitzung zeigt Jerry Reue: Er gesteht die Tat und bittet die Familie von Linda H. um Entschuldigung.

19. Januar 2012
Der zweite Prozesstag ist geprägt von einer Kette von Zeugenaussagen, die ein Bild über die Persönlichkeit von Jerry geben sollen. Der 21-Jährige wird als ruhig, nett und zuvorkommend beschrieben. Andererseits erinnert ein Polizist daran, wie selbstbewusst, unbeteiligt und nüchtern der junge Mann aufgetreten sei, als man ihn mit der Tat konfrontierte.

20. Januar 2012
Mitten in der Aussage der Hauptzeugin wird die Verhandlung am dritten Tag abgebrochen. Die Ex-Freundin des Angeklagten wirkt auf das Gericht unglaubwürdig.

2. Februar 2012
Licht ins Dunkel soll am vierten Prozesstag eine Tatortbegehung bringen. Jerry erläutert in seiner Wohnung das Tatgeschehen. Dennoch bleiben am Ende Zweifel an seinen Aussagen. Die Gerichtsmediziner können sich vor allem eines nicht erklären: Warum war der vermeintliche Tatort in der Wohnung so sauber, obwohl Linda bis zu vier Liter Blut verloren hat?

16. Februar
Gutachter empfehlen, Jerry nach dem Erwachsenenstrafrecht zu verurteilen. Bei Angeklagten, die zur Tatzeit noch nicht das 21. Lebensjahr vollendet haben, kann ein Gericht auch das Jugendstrafrecht anwenden.

5. März 2012
Am sechsten Verhandlungstag korrigiert Jerry in einem Punkt seine bisherigen Aussagen: Zum Streit mit Linda sei es nicht wegen einer möglichen Fahrt nach Hildburghausen gekommen, sondern weil er den Geschlechtsverkehr mit Linda plötzlich abgebrochen habe. Er habe, so erklärt Jerry, ein schlechtes Gewissen seiner Freundin gegenüber bekommen. Linda habe ihn daraufhin beleidigt, woraufhin er durchgedreht sei.

8. März 2012
Oberstaatsanwältin Ursula Haderlein fordert eine Haftstrafe von 14 Jahren für Jerry. Sein Verteidiger Karsten Schieseck hingegen plädiert für Jugendstrafrecht. Als Mindeststrafe hält Schieseck neun Jahre für angemessen. Sollte Jerry nicht nach dem Jugendstrafrecht verurteilt werden, beantragt der Verteidiger einen weiteren Gutachter.

15. März 2012
Um 16 Uhr soll das Urteil verkündet werden.
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