Coburg
Urteil

Hohe Strafen für die jungen Tankstellenräuber von Coburg

Das Landgericht verurteilt den 20-jährigen Seßlacher, der der "Drahtzieher" beim Überfall auf eine Tankstelle in Coburg war, zu vier Jahren und sechs Monaten Jugendstrafe. Der 26-jährige Mitläufer aus Lichtenfels erhält vier Jahre Freiheitsstrafe.
Artikel drucken Artikel einbetten
Bewaffnet mit einer Schreckschusspistole überfielen die beiden Männer im Oktober 2013 eine Tankstelle in Coburg. Dieses Foto stammt aus der Überwachungskamera. Foto: Polizei
Bewaffnet mit einer Schreckschusspistole überfielen die beiden Männer im Oktober 2013 eine Tankstelle in Coburg. Dieses Foto stammt aus der Überwachungskamera. Foto: Polizei
Gerhard Amend war zum Schluss richtig sauer. "Ein solches Verfahren ist in meiner Laufbahn noch nicht geführt worden", rügte der Vorsitzende Richter am Landgericht das widersprüchliche Aussageverhaltens des angeklagten 20-Jährigen aus Seßlach. Auch Oberstaatsanwältin Ursula Haderlein kritisierte in ihrem Plädoyer den jungen Mann, der als Rechtfertigung für seine Tat auf eine Drogenabhängigkeit verwiesen hatte und auf diese Weise auf Strafmilderung hoffte.

Letztlich wurde der 20-Jährige als "Drahtzieher" des im Oktober 2013 begangenen Überfalls auf eine Tankstelle in Coburg zu vier Jahren und sechs Monaten Jugendstrafe verurteilt; eine Unterbringung in einem Entziehungsheim erfolgt nicht. Der 26 Jahre alte "Mitläufer" aus Lichtenfels erhielt eine Freiheitsstrafe von vier Jahren. Die Freunde und Angehörige des Lichtenfelsers zeigten sich bestürzt über das Strafmaß und nahmen noch im Gerichtssaal tränenreich Abschied.

Drogen-Version im Mittelpunkt

Im Mittelpunkt des vierten und letzten Verhandlungstages stand die Frage: Hat der 20-Jährige Drogen genommen oder nicht? Es wurden noch einmal zahlreiche Zeugen und eine Gutachterin gehört, von denen sich das Gericht ein genaueres Bild von dem Angeklagten machen wollte. Denn Amend und Haderlein hatten von Anfang an erhebliche Zweifel an der Drogen-Version des Seßlachers. "Das Bedauerliche ist, dass da rüber die Tat komplett aus den Augen verloren wurde", monierte Ursula Haderlein.

Während die ehemalige Freundin des Seßlachers von einem Drogenkonsum bei dem heute 20-Jährigen nichts mitbekommen haben will, so will doch die Mutter zumindest einmal etwas "Widerliches" im Zimmer ihres Sohnes gerochen haben. Sie habe aber seinen Beteuerungen geglaubt, dass er mit Drogen "nichts am Hut" habe. Der Lebensgefährte der Mutter, bei dem der Angeklagte eine Lehre absolvierte und der zu ihm ein schwieriges Verhältnis hatte, will zumindest massive Veränderungen im Verhalten des Angeklagten bemerkt haben. In den Monaten vor der Tat habe sich der Angeklagte extrem in seiner Persönlichkeit verändert. Er sei regelrecht "abgestürzt".

Ein Freund, der wegen Diebstahls zuletzt gleichzeitig mit dem 20-Jährigen in der JVA Bamberg gesessen hat, sagte gestern zu Gunsten des Angeklagten aus: Er habe den Seßlacher in Coburgs Partyszene Drogen konsumieren sehen. "Mit einem Taschenspiegel konsumierte er die Lines", sagte er. "Es wird wohl Meth gewesen sein."

Ursula Haderlein ließ durchblicken, dass sie dem 20-Jährigen kein Wort glaubt: Als "Lügen" bezeichnete sie seine widersprüchlichen Angaben über die Menge, Dauer und Regelmäßigkeit seines Drogenkonsums, die ihm in der jeweiligen Situation beispielsweise bei der Jugendgerichtshilfe und dem polizeilichen Verhör zum Vorteil und Rechtfertigung für die Tat gereichen sollten. Von einer Drogenabhängigkeit sei lange nicht die Rede gewesen, sagte sie, auch wenn diese für die Strafe von erheblicher Bedeutung sei. "Bei der Festnahme gab es keinerlei Auffälligkeiten", fuhr sie fort, "und keinerlei Anzeichen, dass es sich um einen größeren und regelmäßigen Drogenkonsum gehandelt hat."

Prekäre finanzielle Situation als Grund für Überfall

Auch die Ärztin der JVA, die am Montag vernommen wurde, fand in ihrer Eingangsuntersuchung keinerlei Hinweise auf Drogenmissbrauch. "Bei beiden Angeklagten war vielmehr die prekäre finanzielle Situation der Grund für den Überfall", schlussfolgerte Haderlein. Schließlich sei in der Wohnung des 26-Jährigen Lichtenfelser sogar der Strom abgestellt worden. Außerdem sei die Tat gezielt geplant gewesen. Erst die dritte Tankstelle sei von den Angeklagten als geeignet eingestuft worden. Den Argumenten der Gutachterin, die dem 20-jährigen Seßlacher durchaus Drogenmissbrauch und -abhängigkeit sowie als Folge davon Veränderungen seines psychischen Zustands attestierte, vermochte die Staatsanwaltschaft nicht zu folgen. Sie plädierte auf eine Jugendstrafe von fünf Jahren und drei Monaten, abzuleisten in einer Justizvollzugsanstalt, und eben nicht - wie es per Gesetz möglich ist - in einer Entziehungsanstalt. Für den 26-jährigen aus Lichtenfels forderte sie ebenfalls fünf Jahre und drei Monate. Für ihn gilt sowieso das Erwachsenenstrafrecht.

Der Verteidiger des 20-Jährigen bat um die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt. Bei den Ausführungen der Staatsanwaltschaft "vermisse er den Erziehungsgedanken". Da der Lichtenfelser bisher strafrechtlich noch nicht in Erscheinung trat, beantragte dessen Verteidiger drei Jahre und sechs Monate. "Ich habe selten jemanden gesehen, der so ergeben auf seine Strafe wartet", sagte er, "weil er einsieht, dass er den Fehler seines Lebens begangen hat."

Bei dem Überfall hatten die beiden jungen Männer 800 Euro sowie zwei Schokoriegel erbeutet.

Kommentare (4)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren