Coburg
Vor Gericht

Hat der Professor die Studentin sexuell missbraucht?

Im Prozess gegen den 52-jährigen Professor, der eine seiner Studentinnen sexuell missbraucht haben soll, sagte gestern die Geschädigte aus. Die junge Frau berichtet davon, noch heute immer wieder aus der Bahn geworfen zu werden.
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Sechseinhalb Stunden lang wurde gestern die Hauptbelastungszeugin und Geschädigte in dem Prozess gegen einen 52 Jahre alten Professor, der wegen sexuellen Missbrauchs unter Ausnutzung eines Abhängigkeitsverhältnisses angeklagt ist, verhört.

Der Angeklagte, der Professor an der Hochschule Coburg war und auch Psychotherapeut ist, soll sich im Jahr 2006 eine seiner Studentinnen, die sich wegen einer psychischen Störung an ihn gewandt haben soll, eingelassen haben. Zuletzt hatte sich eine heftige sexuelle Beziehung entwickelt. Der Angeklagte behauptet, von den Störungen der Frau nichts gewusst zu haben, er sei nie ihr Therapeut gewesen. Der Sex sei einvernehmlich geschehen. Alle Beschuldigungen wies er zurück.

Der Prozesstag begann damit, dass die Verteidigung zwei neue Gutachter in den Prozess einführte: zum einen Professor Hans-Ludwig Körber, Direktor des Forensischen Institutes der Charité Berlin und zum anderen Monika Aymans aus München, die ein neues Glaubhaftigkeitsgutachten der Zeugin erstellen soll.

Emotionale Schwankungen

Die junge Frau, mittlerweile verheiratet und Mutter, erzählte vor der Kammer mit großen emotionalen Schwankungen ihre Sicht auf die Dinge. Immer wieder musste eine kurze Pause eingelegt werden, damit sich die Zeugin wieder beruhigen konnte. Sie habe dem Mann damals von Anfang an gesagt, dass sie psychische Störungen, sogar Suizidversuche hinter sich habe. Er habe zunächst gesagt, dass er keine Studentinnen behandle, dann sei es aber doch zu Gesprächen über ihre seelische Situation gekommen.

Nicht lange danach habe es erste Annäherungsversuche seinerseits gegeben. "Es hat mir geschmeichelt, dass er sich Zeit für mich nahm", sagte die Frau. "Die ersten körperlichen Kontakte konnte ich nicht einordnen", erklärte sie. "Ich war irritiert, aber eben auch geschmeichelt und fühlte mich gut."

A ls eine Schwärmerei, wie bei einem Teenager, bezeichnete sie ihr Verhalten. Das Selbstwertgefühl der psychisch labilen Frau sei gestiegen, der Umgang mit ihm habe ihr gutgetan. Fast täglich habe er mit ihr geschlafen, manchmal mehrmals. Sie sei ihm auch zu Kongressen nachgereist.

Heftige Sexualpraktiken

Und ja, es habe auch heftige Sexualpraktiken gegeben, aber sie habe es eigentlich immer nur ihm zuliebe gemacht: "Meistens ging von ihm die Initiative aus." Der Mann habe seinerseits aber auch therapeutische Ratschläge gegeben, sie über ein Handy kontrolliert, sogar Diagnosen gestellt und ihr einmal ein Medikament verabreicht, nachdem sie in einer depressiven Stimmung Selbstmordgedanken gehabt habe.

Im Herbst 2006 ging die Beziehung zu Ende. "Er hat gesagt, wenn ich jemandem davon erzähle, würde er mir das Leben zur Hölle machen", sagte die Zeugin. "Ich hatte Angst, weil ich weiß, dass er das kann."

Auf Nachfragen von Staatsanwalt Christoph Gillot erklärte sie, dass es ihr auch heute noch schlecht ginge, sie versuche zu verdrängen: "Aber ich werde immer wieder aus der Bahn geworfen." Derzeit nehme sie auch noch Medikamente gegen ihre Depression und anderen psychischen Krankheitsbilder ein.

Nach immerhin schon sechsstündiger Vernehmung befragte dann der Verteidiger des Angeklagten, Ulrich Ziegert aus der Kanzlei Bossi/ Ziegert in München, die junge Frau. Er wunderte sich, dass sie trotz großer Angst vor dem Angeklagten auch nach Beendigung der Beziehung immer wieder Kontakt gesucht habe. Zudem zweifelte er an der Aussage bezüglich der zeitlichen Einordnung der ersten Kontakte mit seinem Angeklagten und deren Inhalte.

In die Mangel genommen

Auch dass die Geschädigte nicht mehr so genau sagen konnte, wann es zum ersten sexuellen Kontakt mit seinem Mandanten kam, mutetet ihm seltsam an. Die junge Frau musste sich vielen Detailfragen, Vorhaltungen aus früheren Aussageprotokollen und Forderungen nach weiteren Erklärungen stellen.

Nebenklagevertreterin Kristina von Imhoff ließ das so nicht stehen: "Sie versuchen da immer irgendwelche Widersprüche hineinzubringen", sagte sie erzürnt und forderte: "Wenn schon Vorhaltungen aus alten Protokollen, dann auch vollständige." Die Gutachter bestätigten für den aktuellen Prozesstag eine 100-prozentige Aussagefähigkeit der Zeugin. Die Verhandlung wird am 8. Juli fortgesetzt.


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