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Lautertal
Geschichte

Fund in Lautertal gibt Rätsel auf: Wer war Soldat Nummer 5014?

Bei der Gartenarbeit findet ein Ehepaar in einem Lautertaler Gemeindeteil eine halbe Erkennungsmarke. Die Identität des Trägers bleibt vorerst ungewiss.
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Kerstin D. hat die Hälfte einer Erkennungsmarke bei der Gartenarbeit gefunden. Foto: Rainer Lutz
Kerstin D. hat die Hälfte einer Erkennungsmarke bei der Gartenarbeit gefunden. Foto: Rainer Lutz
Es könnte der 26. August 1939 gewesen sein, als ein junger Mann in einer Kaserne in Würzburg sein Soldbuch und eine Marke aus Blech in Empfang nahm. An diesem Tag wurde im Rahmen der Mobilmachung im Deutschen Reich das Infanterie Ersatz Bataillon 55 aufgestellt. "2. Inf.Ers.Btl. 55", das wurde auf der Erkennungsmarke des neuen Soldaten eingeprägt. Seine Blutgruppe: 0. Ganz oben seine Personenkennziffer: 5014. Das Stück Blech sollte ihn begleiten, solange er Soldat sein würde. Sollte er fallen, würden es seine Kameraden an der Sollbruchstelle trennen und eine Hälfte als Beleg für sein Schicksal mit in die Heimat bringen.


Das auffällige Stückchen Blech fiel Kerstin D. sofort auf. Es war bei der Gartenarbeit plötzlich zwischen den Erdbrocken aufgetaucht. Nachdem sie ein paar Erdreste entfernt hatte, wurden eingeprägte Buchstaben sichtbar. Ihr Ehemann Armin wusste, womit sie es zu tun hatten. Es war eine Erkennungsmarke für einen Soldaten. Genauer gesagt, die Hälfte davon. Ganz oben steht die Nummer 5014.


Welches Schicksal mochte hinter dieser Marke stecken? Wie kam sie in den Garten des Ehepaars in einem Lautertaler Gemeindeteil? Sie wandten sich an unsere Zeitung. "Wir dachten, vielleicht könnte man ja die Angehörigen des Gefallenen ausfindig machen und ihnen die Marke übergeben", sagt Kerstin D.. Doch so einfach ist das nicht. Leicht finden sich Informationen über die Einheit, die im Zweiten Weltkrieg auf den Erkennungsmarken der Wehrmacht eingeprägt wurde. 2.Inf.Ers.Btl.55 steht auf der Marke. Die zweite Kompanie des Infanterie Ersatz-Bataillons 55 also. Die Einheit mit der Feldpostnummer 57248 C. Dieser Verband wurde bei der Mobilmachung am 26. August 1939 in Würzburg, im Wehrkreis XIII, aufgestellt. Der Wehrkreis XIII (Nürnberg) umfasste auch den Landkreis Coburg.


Ausbildung in Würzburg

Das "Lexikon der Wehrmacht" gibt Aufschluss über die Entwicklung der Einheit.Das Bataillon selbst unterstand demnach der Division 173 und stellte den Ersatz für die 17. Infanterie-Division. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurde der Soldat Nummer 5014 also in Würzburg ausgebildet. Ein Ersatz-Truppenteil (-Bataillon, -Abteilung, -Eskadron, -Kompanie) wurde im Kriegsfall in der Heimat aufgestellt. Seine Aufgabe bestand darin, den Ersatz an Truppen für die Front-Einheiten sicherzustellen. Hierzu wurden Reservisten und Ungediente eingezogen und einer militärischen Ausbildung unterzogen. Das kann im Fall von Soldat 5014 auch nach 1939 geschehen sein. Zuletzt hieß die Einheit 1942 Inf.Ers.Btl.55. Wann er dann einer Fronteinheit zugeteilt wurde, welche das war und wo sie im Kampf stand, das lässt sich nicht einfach sagen.


Doch es gibt Stellen, die für solche Fragen da sind. In Berlin sitzt die "Deutsche Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen der Deutschen Wehrmacht" (WASt). Auf Anfrage teilt Heinz Saborowski von dieser Dienststelle mit: "... dass sich anhand einer Erkennungsmarke zwar in vielen Fällen der ehemalige Träger ermitteln lässt, die Marke allein (ohne sterbliche Überreste) jedoch für eine Schicksalsklärung nicht ausreicht."
Die Klärung von Meldungen über Kriegssterbefälle sowie die Ermittlung und Benachrichtigung der nächsten Angehörigen gehöre zwar zu den Aufgaben der Deutschen Dienststelle.

Sie werde aber nur tätig, wenn die Erkennungsmarke in unmittelbarem Zusammenhang mit menschlichen Gebeinen aufgefunden wurde. Dann, erklärt Heinz Saborowski, wird eine Kriegssterbefallanzeige erstattet und dem zuständigen Standesamt zur Beurkundung angezeigt. Er bittet aber um Verständnis: "Da diese Aufgaben sehr arbeits- und zeitintensiv sind, führt die Deutsche Dienststelle entsprechende Ermittlungen nur dann, wenn dadurch Schicksale geklärt werden können."


Doch nutzlos bleibt der Fund im Garten von Kerstin D. trotzdem nicht. In den Fällen wo eine Erkennungsmarke ohne sterbliche Überreste aufgefunden wurde (unerheblich ob Zufallsfund oder käuflich erworben), werden diese von der WASt per EDV erfasst. "Wir können dadurch ausschließen, dass zu einem späteren Zeitpunkt versucht wird, uns eine dieser Erkennungsmarken als im Zusammenhang mit Gebeinen aufgefunden zu verkaufen, was in der Vergangenheit leider schon mehrfach vorgekommen ist", erklärt er. Letzteres treffe aber zumeist auf die käuflich erworbenen Marken zu.


Das so restriktiv mit Informationen umgegangen wird, hat gute Gründe, wie sich bei der Recherche in Internet-Foren herausstellt. Auf Ebay werden unzählige Erkennungsmarken zum Kauf angeboten. Um die 40 oder 50 Euro werden verlangt. Verrostet, weil sie im Boden lagen, oder gar mit einem Einschussloch, steigt ihr Wert. Ebenso, wenn sie zu besonderen Einheiten gehörten. Allein die Zugehörigkeit des früheren Trägers der Marke zur Waffen-SS lässt den Preis schon auf um die 150 Euro steigen.


Handel mit Erkennungsmarken

Gerade in Osteuropa werden offenbar seit dem Fall der Grenzen unzählige Marken auf den Schlachtfeldern ausgebuddelt. Wo die Finder oder Käufer die Angehörigen ausfindig machen konnten, wurden diese oft um hohe Summen angegangen, um den letzten Hinweis auf das Schicksal eines Verwandten in ihre Hand zu bekommen. Daher werden solche Informationen jetzt nur noch schwer zugänglich gemacht.


Für die WASt und Organisationen wie Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge oder das Rote Kreuz, die sich mit der Klärung von Soldatenschicksalen beschäftigen, ist der makabere Handel mit Erkennungsmarken eine Katastrophe. Mit der Marke verschwindet in der Regel die letzte Chance, etwas über den Verbleib eines Menschen zu erfahren, dessen Angehörige vielleicht noch immer auf eine Aufklärung hoffen. Bis heute gelten noch mehr als eine Million Soldaten der Wehrmacht als vermisst.


Da nur eine Hälfte der Erkennungsmarke des Soldaten 5014 gefunden wurde, ist davon auszugehen, dass er gefallen ist. Suchanfragen bei Volksbund und DRK stehen noch aus. Möglicherweise findet sich sein Name auf einer Liste von Gefallenen. Doch ist dann auch die Kennziffer registriert? Am Ende wird es wohl ein Geheimnis bleiben, wie dieses kleine Stückchen Blech in den Garten im Lautertal kam.

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