Coburg
Einsatzspektrum

Feuerwehr Coburg: Zwischen Tunnel und Theater

Stadtbrandrat Ingolf Stökl spricht über die Ansprüche an Ehrenamtliche, die Fahrzeugausrüstung der Zukunft und worfü die Feuerwehr Kameras braucht.
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Die Zukunft liegt auf dem Rollcontainer: Ein Mehrzweckfahrzeug ist auf diese Weise bereits mit zwei Kilometern Schlauchleitung und Material zum Ausleuchten von Einsatzstellen ausgestattet. Künftig soll es mehr solcher Container mit unterschiedlichen Ausrüstungen geben. Mitgenommen wird dann nur das, was im jeweiligen Einsatz wirklich gebraucht wird, sagt Stadtbrandrat Ingolf Stökl. Foto: Simone Bastian
Die Zukunft liegt auf dem Rollcontainer: Ein Mehrzweckfahrzeug ist auf diese Weise bereits mit zwei Kilometern Schlauchleitung und Material zum Ausleuchten von Einsatzstellen ausgestattet. Künftig soll es mehr solcher Container mit unterschiedlichen Ausrüstungen geben. Mitgenommen wird dann nur das, was im jeweiligen Einsatz wirklich gebraucht wird, sagt Stadtbrandrat Ingolf Stökl. Foto: Simone Bastian
Veränderungen sind Alltag bei der Feuerwehr. Ingolf Stökl, Stadtbrandrat in Coburg und damit zuständig für alle Wehren im Stadtgebiet, nimmt gern das Auto als Beispiel. Früher gab es Diesel- oder Benzinfahrzeuge, inzwischen sind auch Autos mit Gas- oder Stromantrieb unterwegs. Wo es früher nur Fahrer-Airbags gab, wirken nun Seitenaufprallschutz und andere Sicherheitssysteme. Hinzu kommt, dass die Autos viel schwerer geworden sind. "Eineinhalb Tonnen im Schnitt - früher waren das Staatskarossen", sagt Stökl. Auf all das muss sich die Feuerwehr einstellen, wenn sie Verletzte aus einem Fahrzeugwrack retten oder einen Brand löschen will.

Laufende Aus- und Weiterbildung ist also Pflicht. Hinzu kommen immer mal wieder neue Geräte: Wegen der Hochwasserkatastrophen der vergangenen Jahre wurden die Wehren mit Hochleistungspumpen ausgerüstet. Das Jahr 2017 werden die Feuerwehren in Stadt und Landkreis nutzen, um sich auf die ICE-Strecke vorzubereiten. Das Einsatztaktische Konzept steht. In erster Linie gehe es da um die Rettung von Fahrgästen aus den Tunneln, erläutert Stökl. "In einem der Landkreistunnel überwindet der Rettungsstollen 29 Höhenmeter. Wenn Sie da Leute rausholen sollen, ist das Schwerstarbeit." Kommt es zu einem Einsatz im Tunnel (siehe Text unten), muss der Brandschutz weiterhin gewährleist sein. Das, sagt Stökl, sei kein Problem. Aber die Stadtteilfeuerwehren seien gefordert: So sei vorgesehen, die Feuerwehren Löbelstein und Creidlitz als Tunnelbasiseinheiten heranzuziehen.

Für die Rettungsarbeiten in den Tunneln erhält die Feuerwehr neue Ausrüstung. Die entspricht schon dem Containerkonzept, das Stökl mittelfristig für die Feuerwehrausrüstung umsetzen möchte. Dabei geht es um die Fahrzeuge, die bei einem Einsatz als Verstärkung anrücken: Sie werden jeweils nur mit der aktuell nötigen Ausrüstung beladen - mit Schläuchen bei einem Großbrand, mit technischen Hilfsmitteln bei einem Verkehrsunfall. Die Geräte befinden sich auf Rollwagen, die näher an die Einsatzstelle herangebracht werden können als große Fahrzeuge. Ein solches Mehrzweckfahrzeug hat die Coburger Feuerwehr schon, weitere sollen in den nächsten Jahren folgen. Dafür werden die bislang üblichen Anhänger außer Dienst gestellt, erläutert Stökl.

Die Stadtteilwehren waren eins der dunkleren Kapitel in der Feuerwehrgeschichte des Jahres 2016: Im August erklärten die Feuerwehren Lützelbuch und Neu- und Neershof ihre Auflösung. Das Feuerwehrkonzept der Stadt sieht nur noch eine gemeinsame Feuerwehr für den Coburger Osten vor; aus Sparsamkeitsgründen wurde entschieden, dafür das Löbelsteiner Gerätehaus auszubauen, anstatt an anderer Stelle ein völlig neues zu errichten. Für die Feuerwehr Löbelstein sprach außerdem, dass sie auch tagsüber als einsatzbereit gemeldet ist, erläutert Stökl. Andere kleinere Löschzüge wie zum Beispiel der in Ketschendorf sind das nicht mehr.

Auch die - formell eigenständigen - Feuerwehren in Creidlitz und Bertelsdorf sind noch tagsüber einsatzbereit. Zur Feuerwehr Coburg mit dem zentralen Depot am Dammweg gehören die Löschzüge Wüstenahorn und Ketschendorf. Insgesamt, sagt Stökl, zählen die Coburger Feuerwehren rund 180 Aktive.


5000 Stunden im Theater

Das klingt viel und ist doch weitaus weniger, als die Gutachter vorsehen, die das Coburger Feuerwehrwesen unter die Lupe genommen haben. Denn die Coburger Feuerwehr hat unter anderem die Brandwachen im Landestheater zu stellen - jeweils drei Mann pro Vorstellungen, bei rund 200 Aufführungen im Jahr. Für diesen Dienst gibt es zwar eine Entschädigung in Höhe von 14,40 Euro je Stunde, "aber trotzdem sind das 5000 Stunden", die erst einmal geleistet werden müssen, rechnet Stökl vor. Hinzu kommen rund 300 Einsätze jedes Jahr - von der Türöffnung bis zum Brand.

Dass die Feuerwehr im Moment eine starke Jugendgruppe vorweisen kann, ist Stökl nur bedingt ein Trost: Bei den etwa 18-Jährigen kollidiert das Engagement für die Feuerwehr dann mit dem Beruf. "Diejenigen, die studieren, gehen zu 90 Prozent weg von Coburg." Diejenigen, die beruflich Karriere machen, würden auch in der Feuerwehr als Führungskräfte gebraucht, seufzt Stökl. Es lassen sich zwar immer wieder Studierende der Hochschule für den Dienst in Coburg gewinnen. "Aber wenn sie mit dem Studium fertig sind, sind sie meist auch wieder weg."

"Ich will noch viel bewegen in diesem Jahr", sagt der 39-Jährige, der 2012 zum Stadtbrandrat gewählt wurde. 2018 steht die nächste Wahl an - aber ob er sich da noch einmal um den Posten bewirbt, sei offen, betont Stökl. Gründe nennt er nicht. Seinen Führungsstil beschreibt er so: "Ich lasse den Leuten freie Hand, aber es muss abgesprochen sein. Das ist das Effektivste, was es gibt." Wer eine Idee hat, darf sie umsetzen. So entwickelten einige Kameraden einen Einsatzmonitor, der in der Gerätehalle am Dammweg hängt und den eintreffenden Helfern auf einen Blick anzeigt, wo der Einsatz ist, wer alarmiert wurde und worum es geht.


Üben im ICE-Tunnel

Auch die Coburger Feuerwehr ist für einen Tunnel an der ICE-Neubaustrecke zuständig. Das heißt: An jedem Tunnelausgang und am Rettungsstollen muss im Einsatzfall eine Tunnelbasiseinheit stehen. Eine Einheit entspricht einem Zug mit rund 20 Mann. Zusätzlich müssen die entsprechenden Reserven vorgehalten werden - also im Endeffekt sechs Tunnelbasiseinheiten gebildet werden. Außerdem müssen die Coburger im Einsatzfall den Nachbarwehren helfen, genauso wie die aus dem Landkreis Lichtenfels und die aus Thüringen.

"Die Bahn geht davon aus, dass es zu keiner Schadenslage im Tunnel kommen wird", sagt Stökl. Geübt werden müsse aber trotzdem. Die Ausbildung beginnt im Januar; bis zum Dezember 2017 ist Zeit, das Retten im Tunnel zu üben. Dann geht die Strecke in Betrieb, und von dann an bleiben immer nur wenige Stunden bei Nacht, in denen die Wehren gefahrlos in die Tunnel können. Sollte die Bahn von einer "Schadenslage" sprechen, dann würde das für die Rettungsdienste in Stadt und Landkreis "Katastrophenlage" bedeuten, meint Stökl.


Sparsam entwickeln

Im Juli 2016 hat der Stadtrat dem Feuerwehr-Entwicklungsplan zugestimmt, den die Feuerwehr zusammen mit dem Ordnungsamt erarbeitet hat. Basis dafür war eine Organisationsuntersuchung aus dem Jahr 2014. Einige Empfehlungen daraus waren aber schlicht zu teuer. So hatten die Gutachter die Anschaffung von Wechsellader-Fahrzeugen vorgeschlagen. Billiger sind aber unterschiedlich bestückte Rollcontainer, die auf normale Mehrzweckfahrzeuge passen.

An einigen Dingen führt freilich kein Weg vorbei: Die Feuerwehr Creidlitz soll ein neues Gerätehaus erhalten, weil in das alte kein modernes Fahrzeug passt. Geplant werden soll 2017, der Bau werde voraussichtlich 2018 beginnen, sagt Ehrenfried Kaiser, im Ordnungsamt der Stadt zuständig für die Feuerwehr. Bis das neue Gerätehaus fertig ist, bleibt das neue Löschfahrzeug für Creidlitz im zentralen Depot am Dammweg.

Ausgebaut werden soll auch das Gerätehaus in Löbelstein, um dort den Feuerschutz im Coburger Osten zu optimieren. Doch dafür gibt es noch keinen Termin.


Einsätze im Internet

Die Feuerwehr muss inzwischen damit rechnen, immer unter Beobachtung zu sein: Zuschauer fotografieren und filmen bei Einsätzen, Sekunden später stehen die Bilder im Netz.

Aber auch die Feuerwehr selbst dokumentiert ihre Einsätze stärker als früher, auch, wenn das bei Außenstehenden den Eindruck erwecken kann, es würden Selfies geschossen. Das Gegenteil sei der Fall, versichert Stadtbrandrat Ingolf Stökl: Die Führungskräfte seien angewiesen, Fotos zur Beweissicherung zu machen, wenn die Einsatzlage das zulasse. Auf diese Fotos stütze sich dann auch die Polizei, weil die Feuerwehr oft schneller am Einsatzort ist als die Beamten.

Für die Feuerwehr sind die Bilder auch eine gewisse Absicherung: Die Verantwortlichen können anhand der Bilder begründen, warum sie den Einsatz so angingen und nicht anders. Denn Außenstehende "sehen immer nur einen Ausschnitt", sagt Stökl. "Da hat man dann ganz schnell Falschmeldungen."

Und selbstverständlich dienen die Fotos auch der eigenen Öffentlichkeitsarbeit auf der Feuerwehr-Facebookseite.
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