Oettingshausen
Lebensräume

Fast vergessene, gesunde Schätze

Streuobstwiesen prägen die Landschaft und bieten vor allem Obst, das nicht um die halbe Welt gefahren wird, um schließlich an den Verbraucher zu kommen. Oettingshausen ist ein Paradebeispiel dafür.
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Sie sind Kulturland und doch so naturnah, wie wenige Flächen, auf denen der Mensch seine Hand im Spiel hat. Streuobstwiesen bilden einen ganz besonderen Lebensraum. Während sie vielfach verschwunden sind, haben sie sich rund um den Bad Rodacher Stadtteil Oettingshausen in schöner Vielfalt erhalten.

Das Landschaftsbild prägen sie hier immer noch. Ihre wirtschaftliche Bedeutung haben die Obstbäume allerdings weitgehend verloren. "Früher gab es den so genannten Obstverstrich", erklärt Michael Fischer von der Stadtverwaltung in Bad Rodach. Bürger konnten gegen geringes Entgelt das Recht erwerben, Obst von den stadteigenen Bäumen zu ernten. "Inzwischen gibt es kaum noch Nachfrage", bedauert Fischer. Schade sei es um das Obst, das unter den Bäumen verfault, während die Leute Äpfel und Birnen im Supermarkt einkaufen.

Sorten wie Jonathan oder Golden Delicious kennt inzwischen jeder, sie sind die Regel im Einkaufswagen - kläglicher Rest einer ungeahnten Vielfalt. "Weltweit sind etwa 10   000 Apfelsorten bekannt", so der Biologe Frank Reißenweber vom Landratsamt Coburg. Rund 3000 dieser Sorten gab es in Deutschland, und um die 1000 sind heute noch bekannt. Im Handel befinden sich kaum mehr als zehn Apfelsorten.

Kein Wunder, dass kaum noch jemand weiß, dass es zur recht bekannten Sorte Gravensteiner einen speziellen Oettingshäuser Schlag gibt, der unter Pomologen, den Apfelkundlern, wohl bekannt ist. Früher wussten Hausfrauen vor allem auf dem Land um die Sortenvielfalt unter den Äpfeln. Galt es doch, die jeweils richtigen Früchte in die Einweckgläser zu stopfen, zu vermosten oder wegen ihrer geringen Lagerfähigkeit gleich zu essen. Die eine Sorte war ideal auf den Kuchen, die andere, wie der Boskop, wurde im Keller gelagert und an dunklen Winterabenden als duftender Bratapfel zubereitet.

Vom Coburger Land wurden einst Äpfel bis nach Thüringen und Sachsen verkauft. Ein weiter Weg, aber kein Vergleich zur halben Erdumrundung, die Früchte aus Neuseeland hinter sich haben, wenn wir sie in schöner Selbstverständlichkeit im Großmarkt einkaufen. Wer denkt schon über den unglaublichen Aufwand nach, der hinter diesem Einkauf steckt?

Gerade jetzt, da man die Biodiversität, die Vielfalt der Pflanzen und Tiere, auf der Erde, international zu einem der herausragenden Ziele erklärt hat, tritt eine andere Bedeutung der Streuobstwiesen in den Vordergrund. Als halb offener Lebensraum zwischen Wald und freier Landschaft wurden sie zur Heimat unzähliger Tierarten. Allein die Liste, der Vögel, die am liebsten hier leben und brüten ist beachtlich. "Gartenrotschwanz, Nachtigall und verschiedene Grasmückenarten" zählt Frank Reißenweber auf. Neuntöter, Pirol, Turteltauben und der Wendehals stehen auf seiner Liste ebenso wie der Grünspecht und der Kleinspecht.

An die 5000 Tierarten und Hunderte von Pflanzen finden sich auf Streuobstwiesen. Nicht alle natürlich auf der beachtlich großen Fläche bei Oettingshausen, die der Stadt gehört, für deren Verwaltung Michael Fischer Frank Reißenweber zusichert, dass einige der älteren Bäume, die inzwischen umgestürzt sind, nicht aufgearbeitet und beseitigt werden. Sie dürfen liegenbleiben. Von Moosen und Flechten überzogen, immer noch an einigen Ästen grün, bilden die geneigten Riesen einen idealen Lebensraum für zahllose Kleinlebewesen, die dann wieder Futter für Vögel und kleine Säugetiere werden.

IG Streuobst


Weil Nutzen die beste Garantie für den Erhalt ist, startete das Landwirtschaftsamt Coburg 2002 eine Streuobstinitiative. Aus ihr ging die Interessengemeinschaft Streuobst Coburger Land hervor, ein Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Streuobstanbau in de Region zu erhalten und zu fördern.

Die IG sammelt und erntet Äpfel von extensiven Beständen, die nicht gedüngt oder mit Pestiziden behandelt werden. Sie hat sich der EU-Ökoverordnung unterzogen und lässt die gesammelten Früchte von der Kelterei Möbus in Adelhausen verarbeiten. Den ersten Zugriff auf den garantiert ökologischen Apfelsaft haben die Vereinsmitglieder. Es kommt aber auch ein Teil in den Handel - natürlich regional.
In Zeiten, in denen bewusster Einkauf von lokal erzeugten Produkten für immer mehr Menschen an Bedeutung gewinnt, könnten Streuobstwiesen und ihre Produkte wieder eine Chance haben.

"Die Wiese der Stadt bei Oettingshausen soll jedenfalls weiter Obstbäume tragen", versichert Michael Fischer. Man sehe sich gerade nach alten, selten gewordenen Sorten für die Nachpflanzung um.


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