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Ahorn
Urlaub

Erholung auf dem "Drahtesel"

Auf dem Fahrrad das eigene Land zu erkunden kann zum Beispiel auch Erholung und Spaß für die ganze Familie bieten.
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AhornEndlich Urlaub. Man freut sich auf Sommer, Sonne, vielleicht sogar Strand. Schon schaltet der Kopf in den Stand-By-Modus und kann die kommenden Tage voller Entspannung und Ruhe kaum noch erwarten. Doch dann kommt alles ganz anders: Beim Kofferpacken entstehen die ersten Spannungen, spätestens auf der Autobahn oder am Flughafen liegen die Nerven blank und die Vorfreude weicht Stress und Strapazen für die ganze Familie. "Wann sind wir denn endlich da?" quengelt es alle halbe Stunde von der Rückbank und kilometerlange Staus werden zur Geduldsprobe für Eltern und Kinder.
Stefan und Sabine Schmidt aus Schafhof hatten keine Lust mehr auf ständiges Tanken und viel Verkehr. "Die Entscheidung fiel letztes Jahr zu Pfingsten, als wir eine Fahrradtour nach Kloster Weltenburg unternahmen.
Wir wussten: Wenn wir diese 600 Kilometer schaffen, schaffen wir es auch bis an die Ostsee!" Und so stand der Plan fest: Aus eigener Kraft mit dem Fahrrad nach Warnemünde - 21 Tage, 758 Kilometer. Mit dabei war natürlich auch der elfjährige Sohn Jonathan, von Anfang an voll motiviert.
"Wir mussten ihn meist eher bremsen", erinnert sich Sabine Schmidt schmunzelnd. Dabei hatte die Familie keinen festen Tagessatz, der geschafft werden musste. "Im Schnitt sind wir 50 oder 60 Kilometer gefahren, aber wir haben uns nie sonderlich beeilt", versichert Stefan Schmidt. "Man hat so viel Zeit, und mit dem Zelt als Unterkunft waren wir flexibel, was den Schlafplatz betraf."


Zeit füreinander und für sich

So entstand schnell eine tägliche Routine, in der das abendliche Einkehren oftmals zum Highlight des Tages wurde. "Man spürt seine Grundbedürfnisse wieder: Hunger und Durst, dazu Hitze und Kälte", bestätigt Stefan Schmidt. Und auch wenn es ein Familienurlaub war, trug doch jeder die Verantwortung für sein Gepäck und seine Aufgaben selbst. "Durch die Zusammenarbeit und die Zeit füreinander, aber auch für sich selbst, lernt man sich als Familie nochmal ganz anders kennen", pflichtet auch seine Frau bei.
Entschleunigung und der Verzicht auf Fernseher, Playstation und sogar Bücher können daher maßgebend für einen erfolgreichen Familienurlaub sein. "Gemeinsame Aktivitäten sind natürlich immer gut, um die Familienbindung zu stärken. Zeit miteinander und füreinander zu haben, ist im Familienalltag nicht selbstverständlich", weiß Psychologin Antje Schäfer von der Familienberatungsstelle der Diakonie Coburg. Entschleunigung sei nur ohne Reizüberflutung möglich. "Da geht es um Face-to-Face-Kommunikation", erklärt die Familienberaterin.


Inspiration und Erholung für alle

"Ihr seid doch verrückt" und "Das geht doch nicht" waren übliche Reaktionen auf das Vorhaben der Familie. "In all der Hektik und Schnelllebigkeit heutzutage können sich die Meisten einen Fahrradurlaub mit Kind, in dem nicht immer viel passiert, gar nicht vorstellen", bedauert Stefan Schmidt. "Dabei war der Urlaub keineswegs langweilig. Wir sind immer nur vorwärts gefahren, wussten also nie, was uns erwartet. Auf diese Weise haben wir unser Land noch nie erkundet", blickt Sabine Schmidt auf die drei Wochen zurück.
Um all die Eindrücke und Begegnungen mit anderen Reisenden zu verarbeiten, war es ihre Aufgabe, Tagebuch zu führen. "Das wurde dann oft auch mal als Bettlektüre genutzt", verrät sie lachend. Auf dem Weg erfuhr besonders Stefan Schmidt viel Inspiration durch Bekanntschaften mit anderen Radlern. "Tatsächlich trafen wir auch Radfahrer, die schon eine 16 000-Kilometer-Tour nach Indien hinter sich hatten", erzählt er begeistert. Und auch der elfjährige Jonathan kam auf seine Kosten, er habe immer Spielkameraden gefunden. An was er sich am liebsten erinnert? "In einem Freizeitbad gab es eine riesige Rutsche mit Wellen, das war cool!", sagt er und grinst, ganz Kind.
Nach 14 Tagen, vielen Begegnungen mit der Natur, Tieren und Menschen, nach mehrmaligem Fahrradschieben an Bergen und auf kopfsteingepflasterten Wegen und nach 758 getrampelten Kilometern war es schließlich vollbracht: "Die Ankunft war das Highlight. Dass wir es wirklich geschafft hatten, uns nicht von Wind, Wetter oder dem Weg haben bremsen lassen. Wir hatten alle Tränen in den Augen", berichtet Sabine Schmidt wehmütig.
So hatten die Drei noch fünf Tage an der Ostsee, in denen das Fahrrad natürlich kaum stehen blieb, bevor es mit dem Zug zurück nach Coburg ging. Den großen Traum haben sie sich nun erfüllt, doch was bleibt schlussendlich?


Weniger Stress auch im Alltag?

"Wir versuchen natürlich, so viel Erholung wie möglich in den Alltag mitzunehmen." Die entschleunigte Lebensweise beibehalten und gegen die Schnelllebigkeit unserer Gesellschaft angehen, weniger Reizüberflutung, das sei das Vorhaben für die Zukunft. "Natürlich haben wir aber inzwischen auch schon wieder mal den Fernseher eingeschaltet", gibt Sabine Schmidt lachend zu.
"Es war auf jeden Fall entscheidend für den Erfolg des Projekts, dass die Familie dem Verzicht von Unterhaltungsgeräten eine gute Alternative, nämlich den spannenden Fahrradurlaub, gegenüberstellte", argumentiert Antje Schäfer. Für jedes Verbot müsse man auch ein sinnvolles Gegenmodell erarbeiten können.
Die Drei haben sicherlich viel gelernt auf ihrer Reise. Aber besonders die Freiheit, Freude und Herzlichkeit, die sie erleben durften, werden ihnen noch lange im Gedächtnis bleiben. Sabine Schmidt: "Dass wir so etwas noch einmal machen, ist sicher. Wohin, das bleibt noch offen."

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