Coburg
Historie

Ein Fünkchen Anerkennung

Der Sonnefelder Georg Hansen war einer der Wenigen, die im Dritten Reich Widerstand leisteten. Er war unter den Hitlerattentätern vom 20. Juli 1944.
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Wilhelm Canaris (links) und Georg Hansen (rechts): offiziell Führungspositionen in der militärischen Abwehr, inoffiziell Widerstandskämpfer um Stauffenberg.  Foto: privat
Wilhelm Canaris (links) und Georg Hansen (rechts): offiziell Führungspositionen in der militärischen Abwehr, inoffiziell Widerstandskämpfer um Stauffenberg. Foto: privat
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Ein kleiner schmaler Weg verbindet die Kuhgasse mit der Casimirstraße, gelegen am Rande der Coburger Altstadt. Neu gepflastert führt er vorbei an gerade vollendeten Häusern der städtischen Wohnbau sowie einem kleinen Spielplatz. Das Straßennamensschild fehlt noch. Vergeblich sucht man einen Hinweis darauf, dass dies der Georg-Hansen-Weg ist. Aber wieso gerade Georg-Hansen-Weg? Wer war dieser Mann?
Die Entscheidung fiel einstimmig am 8. Februar 2012. Im Rahmen des neuen Bauprojekts zur Erweiterung der Ketschenvorstadt entstand die kleine Gasse zwischen Casimirstraße und Kuhgasse, direkt hinter der inzwischen neu gebauten Tiefgarage an der Goethestraße. Auf der Suche nach einem geeigneten Namen für den Weg stimmten die Stadtheimatpflege, der Bürgerverein und der Bau- und Umweltsenat dafür, das Gässchen nach Oberst Georg Alexander Hansen, der 1904 in Sonnefeld bei Coburg geboren wurde, zu benennen.

Die tragische Lebensgeschichte eines mutigen Coburgers liegt der Namensgebung zu Grunde. Ab 1914 besuchte der junge Georg Hansen das Gymnasium Casimirianum in Coburg, wo er schließlich auch 1923 als zweitbester Schüler das Abitur ablegte. Er war in der Schülerverbindung Casimiriana aktiv und kam wohl aus eher konservativem Hause, das noch von der Kaiserzeit geprägt war, weiß Franziska Bartl. Die Coburgerin beschäftigte sich 2004, exakt 60 Jahre nach dem Stauffenbergattentat, im Zuge ihrer Facharbeit am Albertinum Coburg das erste Mal mit der Geschichte Hansens.
Nach einer kurzen Zeit des Jura-Studiums wurde dieser schließlich Teil der Reichswehr, wo er einen rasanten Aufstieg zum Oberstleutnant verzeichnen konnte. Anfangs noch auf die Rückkehr zum Kaiserreich hoffend, so wurde er mit der Zeit immer regimekritischer und nahm mit seiner Frau Irene an offenen Diskussionsrunden teil.
Der Mord an seinem Schwager im Zuge des Röhm-Putsches, in dem Mitglieder der SA von der SS, der Gestapo und der Reichswehr ermordet wurden, stellte schließlich eine Zäsur in Hansens Denken und seiner Einstellung dar. 1944 wurde Hansen zum Chef der militärischen Abwehr ernannt. So kam er in Kontakt mit Wilhelm Canaris, der ihn mit dem Attentatlager um Stauffenberg bekannt machte.


Mut zum Widerstand

So gut wie jeder Deutsche kennt inzwischen den Namen Stauffenberg und weiß über das gleichnamige Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 Bescheid. Doch auch Georg Hansen, der oft ungenannt bleibt, spielte eine wichtige Rolle beim Hitlerattentat: Er war ein äußerst bedeutender Informant der Widerstandsgruppe um Generalmajor Henning von Tresckow und Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg. So besuchte er beispielsweise alle Besprechungen unmittelbar vor dem 20. Juli 1944.
Auch wenn die Familie zu diesem Zeitpunkt schon bei Rangsdorf in Berlin wohnte, so verbrachte Georg Hansen den Tag des Attentats vom 20.Juli 1944 in Michelau bei den Eltern seiner Frau. Dort feierten sie am 19. Juli noch die Taufe der kleinen Tochter Dagmar Hansen. Noch am Abend vernahm Hansen gefasst, dass das Attentat misslungen ist.
Er kehrte also zurück nach Berlin, wohl wissend, dass dies sein Todesurteil bedeuten könnte. Am 22. Juli 1944 wurde er schließlich verhört und verhaftet. Nur wenige Wochen später wurde er zum Tode verurteilt, zusammen mit bis zu 200 weiteren am Attentat Beteiligten. In der Richtstätte Plötzensee wurde der Widerstandskämpfer am 8. September hingerichtet.


Diskussionen um mehr Würdigung

Nun wurde vor vier Jahren der kleine, versteckte Weg hinter der inzwischen neu gebauten Tiefgarage an der Goethestraße nach ihm benannt. Aber noch nicht einmal ein Straßenschild informiert über den Namen des Weges. "Ich müsste mich eigentlich dafür stark machen, dass ich im Hansen-Weg eine kleine Gedenktafel anbringen darf. Wer weiß sonst in 20 oder 30 Jahren noch, wer Hansen war", überlegt sein Sohn Karsten Hansen, der inzwischen in Itzhoe lebt, traurig. Helmut Fischer vom Stadtbauamt Coburg beteuert allerdings: "Das Straßenschild mit einer kurzen Erklärung zu Georg Hansen wird in naher Zukunft vom Ordnungsamt angebracht. Schließlich ist dort alles gerade erst fertig geworden."
Immerhin ein Stolperstein und eine Inschrift auf dem Coburger Friedhof wurden dem Sonnefelder bisher gewidmet.


Jahrelange Beleidigungen

Auch die Nachfahren des Widerstandskämpfers erhielten bisher nicht allzu viel Würdigung. Sie hatten nicht nur jahrelang mit dem Verlust des Vaters zu kämpfen, sondern auch mit der schwierigen Aufarbeitung des Themas. Doch das Schlimmste waren wohl die Anfeindungen, die selbst lange Zeit nach Ende des Dritten Reichs noch die Kinder schockierten. "Erst vor einigen Jahren verabschiedete sich einer meiner Patienten mit den Worten ,Frau Hansen, ihr Vater war für mich trotzdem ein Verräter‘", erzählt Tochter und Psychologin Frauke Hansen. Zusammen mit den Kindern der anderen Widerstandskämpfer wurden sie damals zur "Umerziehung" in ein Kinderheim in Bad Sachsa gebracht. Viel Erinnerung ist der damals Zweijährigen nicht geblieben. "Aber wir alle haben unsere Väter wahnsinnig vermisst". Der schmerzliche Gedanke an den Verlust ist das Einzige, was noch immer fortlebt. Gerade deshalb wäre eine Widmung für die Kinder eine bedeutende und auch tröstliche Anerkennung.
"Erst hat man im Stadtrat diskutiert, ob man die jetzige Hindenburgstraße oder die Obere Anlage in Hansen-Straße umbenennt, jetzt ist es das Weglein in der Ketschenvorstadt geworden", sagt Sohn Karsten Hansen. Die Umbenennung der Hindenburgstraße gestaltet sich als schwierig, wäre aber dennoch angebracht, findet Karsten Hansen. "Schließlich war Paul von Hindenburg der wichtigste Wegbereiter Adolf Hitlers."
Irgendwann werden Widerstandskämpfer wie Georg Alexander Hansen die Anerkennung erhalten, die sie verdienen, auch in Coburg. Die Frage ist nur, wann.

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