Coburg
Hilfsprojekt

Ein Coburger gibt Waisenkindern in Ruanda Hoffnung

Der von Heinrich Bedford-Strohm gegründete Verein Wikwiheba unterstützt Waisenkinder in Ruanda. Jad Lehmann-Abi-Haidar engagierte sich sechs Monate vor Ort. Jonas und Lennart Bedford-Strohm drehten einen Film über das Projekt.
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Lennart Bedford-Strohm, umringt von Kindern des Wikwiheba-Projekts. Foto: Jonas Bedford-Strohm
Lennart Bedford-Strohm, umringt von Kindern des Wikwiheba-Projekts. Foto: Jonas Bedford-Strohm
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"Anfangs hat mir ein Huhn das Leben in Ruanda sehr erschwert", sagt Jad Lehmann-Abi-Haidar aus Coburg lachend. "In Ruanda schenken sich enge Freunde ein Huhn", erklärt er. Im Haus des Vizepräsidenten der presbyterianischen Kirche, Pascal Bataringaya, in dem der junge Coburger anfangs lebte, gab es so ein geschenktes Huhn. "Das hat schon frühmorgens höllischen Lärm veranstaltet und ist ständig vor meinem Zimmer auf und ab gelaufen."

In Ruanda kommt nicht jeden Tag Fleisch auf den Tisch. "Das hängt auch von den finanziellen Verhältnissen ab", erläutert der junge Mann. Gewöhnlich werden Reis, Kartoffeln, Bohnen, Nudeln und regionales Gemüse serviert. Als Jad Lehmann Abi-Haidar eines Abends wieder nach Hause kam, duftete es verführerisch. Seine Gastfamilie hatte Erbarmen mit ihm: "Wir haben das Huhn geschlachtet", teilte sie ihm mit.

Jad Lehmann-Abi-Haidar ist 20 Jahre alt. 2012 bestand er das Abitur am Gymnasium Ernestinum mit einem Notendurchschnitt von 1,6 und hatte nur einen Wunsch: Er will Arzt werden. Der junge Mann mit libanesischen Wurzeln begann im Oktober 2012 ein freiwilliges soziales Jahr beim Bayerischen Roten Kreuz, wurde Rettungssanitäter und arbeitete drei Monate lang auf der Palliativstation des Coburger Klinikums. Zusätzlich engagierte er sich für den gemeinnützigen Verein Wikiwiheba, der 2003 von Mitarbeitern der presbyterianischen Kirche in Byumba und Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm gegründet und von dessen Frau Deborah als Vorsitzende geführt wird.

Warme Mahlzeit für 65 Kinder

Wikwiheba heißt übersetzt: "Verliere nicht die Hoffnung". Der Verein unterstützt Waisenkinder in Byumba mit einer Schulspeisung. 65 Kinder erhalten im Moment eine warme Mahlzeit am Tag. "Denn nur wer satt ist, kann auch lernen", sagt Lehmann-Abi-Haidar.

"Beim ersten Wikwiheba-Treffen im September 2013 in München saß ich nur dabei", erzählt er. Dann ging alles ganz schnell: Die Idee wurde geboren, nach Ruanda zu gehen. Mit Hilfe eines Förderkreises aus Freunden und Familie finanzierte sich der angehende Arzt die Reise. Allein für die Impfungen müssen 550 Euro aufgebracht werden. Am 20. Januar ging es los: Über München und Brüssel landete er in Kigali, der Hauptstadt Ruandas. Von dort ging es mit dem Auto noch 1,5 Stunden bergauf in einen der höchsten Orte. In Byumba betreut die ansässige presbyterianische Kirche unter der Leitung von Pfarrer Claude Mutabazi das Projekt vor Ort.

Zwei Wochen dauerte es, bis die notwendigen Papiere für die Arbeitserlaubnis zusammengestellt waren. "Das war für afrikanische Verhältnisse sehr schnell", berichtetJad Lehmann-Abi-Haidar. Er nutzte die Zeit, sich einzugewöhnen und half Pascal Bataringayas Frau bei einem sozialen Kindergartenprojekt. Anschließend arbeitete er im Krankenhaus von Byumba: Er maß Vitalwerte wie Blutdruck, bereitete Infusionen und Medikamente vor und half bei der Pflege mit. "Das war für mich wie ein erweitertes Praktikum", erzählt der angehende Arzt. Außerdem engagierte er sich bei Wikwiheba und sorgte dafür, dass drei Kühe gekauft wurden. "Der Beschluss, uns Kühe anzuschaffen, wurde zwar bereits im August letzten Jahres getroffen", sagt er, "aber man kann und darf Ruanda nicht mit Deutschland vergleichen. Prozesse laufen dort einfach langsamer ab."

Kühe für die Versorgung mit Milch

Mittlerweile ist auch ein weibliches Kälbchen zur Welt gekommen, die beiden anderen Kühe sind trächtig. "Das ist für uns wie Weihnachten." Schließlich sind die Kinder in Byumba dringend auf diese Milch angewiesen.
Das Projekt der Schulspeisung ist auf Nachhaltigkeit aufgebaut und bringt auch die Menschen dort in Lohn und Brot: "Wir haben ein Haus für den Kuhhirten gebaut, riesengroße Flächen Land beackert und Weideland geschaffen. Auf anderen Teilen bauen wir unser Gemüse selbst an." Ein Vorteil sei auch die Zusammenlegung von ursprünglich 17 Kirchenbezirken auf sieben Bezirke gewesen, sagt Lehmann-Abi-Haidar. "Das war eine große Chance für uns, die mit viel Arbeit und Aufwand verbunden war."

Doch nun gibt es eine klare Rollenverteilung und die Aufgabengebiete der einzelnen Mitarbeiter sind genau festgeschrieben. Außerdem wurde die Kommunikation verbessert: "Wer ein Mobiltelefon hat, greift auf die kostenlosen Kommunikationsdienste zurück", freut sich der junge Mann, der - mittlerweile wieder zu Hause - mit Ruanda in stetigem Austausch steht und auch in einem Blog über seine Arbeit vor Ort berichtete. Zudem gelang es, ein weiteres Projekt auf die Beine zu stellen: Ab 2015 wird Wikwiheba 37 Jugendlichen eine handwerkliche Berufsausbildung ermöglichen. "Das ist in Ruanda eine sicherere Einnahmequelle als ein Studium", erzählt Jad Lehmann-Abi-Haidar, "viele Akademiker sind arbeitslos, weil der Arbeitsmarkt für sie nichts hergibt." Zusätzlich läuft ein weiteres landwirtschaftliches Projekt: eine Schweinezucht. "Wir terrassieren gerade den Boden."

Im Dezember soll gebaut, im Februar 2015 mit sechs Schweinen begonnen werden. "Mit dem Erlös werden die Projekte von Wikwiheba mit finanziert." Auch persönlich engagiert sich der junge Mann: "Ich hatte 900 Euro von meinem Förderkreis übrig", erzählt er. Mit dem Einverständnis seiner Förderer lässt er in der Nachbargemeinde einen Hühnerstall mit 24 Quadratmetern Fläche für 70 Hühner bauen. Er stellt eine Frau an, der sich um die Tiere kümmert, und übergibt das Geschäft, das sich durch den Eierverkauf finanziert, in die Hände der Gemeinde. Die freut sich - verständlicherweise - über das Engagement des Coburgers. Zwischendurch machte er Abstecher in die Nationalparks und zum Kivu-See. Auf einer Tour zum Vulkan Bisoke hatte er Gelegenheit, einen der seltenen Berggorillas zu beobachten. "Ruanda ist ein faszinierendes Land", schwärmt Jad Lehmann-Abi-Haidar.

Zurück in Coburg arbeitet er erneut in der Fachklinik für Geriatrie und Rehabilitation in Coburg und bewirbt sich bei mehreren Universitäten. "Noch ist die Zukunft ungewiss", sagt er, "Ende September werde ich wissen, ob ich mein Studium wie geplant beginnen kann." Eines ist allerdings sicher: "Ich war nicht das letzte Mal in Ruanda."


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