Neustadt bei Coburg
Gedenken

Die letzten Tage des Buchenwald-Außenlagers in Neustadt

Vor 70 Jahren wurden die Insassinnen des Neustadter Außenlagers des Konzentrationslagers Buchenwald wegen der anrückenden Amerikaner weggeschickt. Nun wurde der Zeit der letzten Kriegsmonate und -wochen gedacht.
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Auf dem Gelände des Kabel- und Leitungswerkes Siemens war in den Baracken von September 1944 bis April 1945 ein Außenlager des KZ Buchenwald untergebracht. Quelle: Isolde Kalter
Auf dem Gelände des Kabel- und Leitungswerkes Siemens war in den Baracken von September 1944 bis April 1945 ein Außenlager des KZ Buchenwald untergebracht. Quelle: Isolde Kalter
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Man schreibt das Jahr 1944. Das Siemens-Kabelwerk benötigt dringend Arbeitskräfte. Dem Ansinnen folgte das Nazi-Regime, indem man auf dem Firmengelände ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald einrichtete. Es trafen 411 Frauen ein, bis auf drei alle Ungarinnen jüdischer Abstammung, die fortan zwölf Stunden am Tag schwere körperliche Arbeiten verrichten mussten. Misshandlungen, Demütigungen, Beschimpfungen und stundenlange Appelle prägten das Dasein der unschuldigen Opfer.

Am 6. April 1945 wurde das Lager aufgrund der nahenden amerikanischen Streitkräfte geräumt. Die Frauen wurden auf einen Marsch in Richtung Hof und Tschechien getrieben. Im tschechischen Domazlice konnten schließlich 120 von ihnen von der US-Armee befreit werden.
Wie viele von den Frauen auf dem Marsch umgekommen sind, ist nicht belegt, da einigen von ihnen die Flucht gelang.

Gedenkstein gegenüber dem Lager

70 Jahre nach der Befreiung vom Nazi-Regime nehmen sich Organisationen der Aufgabe an, gegen das Vergessen und Verdrängen zu wirken. Eine von ihnen ist die "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten" (VVN). Diese lud zu einer Gedenkfeier nach Neustadt ein. Am Gedenkstein, der gegenüber dem ehemaligen Lagers errichtet wurde, waren sich alle Redner darüber einig, dass es kein Vergessen geben darf.

Was die Protagonisten unterschied, war die Auffassung, wie die Verbrechen von damals aufgearbeitet wurden. Günter Pierdzig (Vorsitzender VVN Oberfranken West) und Klaus Dimler (Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora) kritisierten, dass viele Nationalsozialisten aufgrund einer laschen Verfolgung wieder öffentliche Ämter bekleiden konnten. Letzter führte vor Augen, dass im Jahr 1970 noch 70 Prozent der ehemaligen Nationalsozialisten noch im öffentlichen Dienst, wie zum Beispiel bei Polizei, Justiz oder Bundeswehr waren. "Nur ein Bruchteil der Täter von damals wurden zur Verantwortung gezogen", betonte Dimler und fügte hinzu, dass viele der Verbrecher mit Unterstützung des Vatikans über die so genannte "Rattenlinie" ins Ausland fliehen konnten.

Bei all dem Unmenschlichen wurde der menschliche Aspekt nicht außer Acht gelassen

Landrat Michael Busch (SPD) und Neustadts stellvertretende Bürgermeisterin Elke Protzmann (CSU) unterstrichen, dass die Geschichte nicht vergessen werden dürfe, wenn man Zukunft gestalten wolle. Elke Pudszuhn (Lagerarbeitsgemeinschaft) beleuchtete bei all den Betrachtungen über die Unmenschlichkeit auch den menschlichen Aspekt, der in Neustadt vorhanden gewesen sei. "Einige Neustadterinnen und Neustadter setzten ihre Existenz aufs Spiel, als sie den Gefangenen unter anderem mit Lebensmitteln halfen", berichtete Pudszuhn. Einer von ihnen sei ein gewisser Ingenieur Müller gewesen, der seine Hilfe mit der Versetzung an die Front bezahlen musste. Was aus ihm geworden ist, konnte nicht mehr rekonstruiert werden.

Bedrückende Stimmung herrschte, als Sabine Dimler einen Brief von Elisabeth Barnai, einer der letzten lebenden Zeitzeuginnen verlas, die von den Verhältnissen in dem Außenlager berichtete. Von Heimatpflegerin Isolde Kalter war zu erfahren, dass sie auch zu Edith Stellner, einer weiteren überlebenden Insassin des Lagers Kontakt hält.

Brot über den Zaun geworfen

An das Außenlager kann sich auch Eva Knauer, erinnern. Die Neustadterin, Jahrgang 1936, weiß aus ihrer Kindheit: "Da war was. Uns Kinder hat man damals, vor allem aus Angst, dass wir etwas unbewusst erzählen, im Unklaren gelassen". Erinnern kann sich Eva Knauer noch genau daran, dass in Neustadt Baracken standen, in denen Zwangsarbeiter leben mussten. Von ihrer Mutter erhielt sie immer wieder ein Brot, das sie den Menschen dort zukommen lassen sollte. "Lass dich aber bloß nicht erwischen!", hatte die Mutter von Eva Knauer dem Mädchen immer wieder eingeschärft. "Ich habe das Brot über den Zaun geworfen, wo es im Dreck landete und die Menschen es von dort aufhoben", erzählte Eva Knauer von der damaligen Zeit mit stockender Stimme.






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