Beiersdorf bei Coburg
Coburger Rotlichtmord

Die letzten Gäste waren die Mörder

Die Soko "Eiche" ist mehr als 700 Spuren nachgegangen. Aber der Aufwand hat sich gelohnt. Über das Motiv darf noch gerätselt werden, doch die Polizei hat bereits viele Puzzleteile aneinander gefügt: Wolfgang R. musste sterben, weil ihm seine Lebensgefährtin nachts zwei Rocker vorbeischickte.
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Tatort, Eichenweg im Coburger Stadtteil Beiersdorf Foto: Oliver Schmidt
Tatort, Eichenweg im Coburger Stadtteil Beiersdorf Foto: Oliver Schmidt
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Es war der 7. Juni 2013. Die Kneipe in der Ketschenvorstadt, genauer gesagt in der Unteren Salvatorgasse, feierte Wiedereröffnung unter neuer Leitung. Bei der Wirtin handelte es sich um eine 41-Jährige, die bei dieser neuen beruflichen Herausforderung maßgeblich von ihrem Lebensgefährten unterstützt wurde. Bei diesem Lebensgefährten handelte es sich um den 66-jährigen Wolfgang R., der sich nach seiner Zeit als Tuba-Spieler am Landestheater ebenfalls noch einmal beruflich ganz neu orientiert hatte: als Vermieter von Wohnungen an Prostituierte.

Zeitsprung - Mittwoch, 11. Dezember 2013: Die Kneipe füllte sich so langsam. Doch Wolfgang R., der seiner Partnerin auch schon mal beim Bedienen half, wollte heim. Er nahm einen der letzten Stadtbusse vor 20 Uhr und fuhr nach Beiersdorf. Was er dort, in seinem Haus im Eichenweg machte, ist nicht bekannt. Dafür wird so langsam klar, was zeitgleich in der Unteren Salvatorgasse passierte: Die 41-Jährige und zwei Männer aus der Rockerszene klärten letzte Details, wie Wolfgang R. noch in derselben Nacht sterben oder zumindest erhebliche Verletzungen zugefügt bekommen würde.

Nächster Zeitsprung - Montag, 23. Dezember 2013: Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz in Coburg teilten Polizei und Staatsanwaltschaft mit, dass gegen drei Personen Haftbefehl erlassen worden ist. Der Vorwurf lautet zweimal auf "Mord" und einmal auf "Anstiftung zum Mord". Im Klartext: Die 41-Jährige hat die beiden Männer im Alter von 23 sowie 44 Jahren beauftragt, ihrem Lebensgefährten noch einen nächtlichen Besuch abzustatten. Makaber freilich: Stunden später war es eben jene Lebensgefährtin, die Polizei und Notarzt alarmierte.

Die Terrassentür stand offen

Coburgs Kripo-Chef Bernd Rebhan, der auch Leiter der eigens gebildeten Soko "Eiche" ist, beschrieb am Montag die Auffind-Situation am Tatort: Die Terrassentür habe offen gestanden, ein "erkennbares Tatwerkzeug" fehlte - und für den 66-Jährigen kam jede Hilfe zu spät. Die beiden Tatverdächtigen müssen besonders brutal vorgegangen sein und ihrem Opfer "eine Vielzahl von Schlägen und Tritten" zugefügt haben, wie Oberstaatsanwältin Ursula Haderlein informierte, "und zwar vor allem gegen den Kopf". "Zeitnah" sei Wolfgang R. seinen schweren Verletzungen erlegen.

Ob die beiden Tatverdächtigen das Ziel hatten, Wolfgang R. zu töten, oder aber ob sie ihm - wie in der Rockerszene und im Rotlichtmilieu nicht unüblich - lediglich einen Art Denkzettel verpassen wollten, ist noch unklar. Auch betonte Ursula Haderlein: "Bei allen drei Personen, die jetzt festgenommen wurden, kann man noch nicht von Geständnissen sprechen."

Wohl aber ist die Beweislast erdrückend, was wiederum ein Verdienst der Soko "Eiche" ist, die zuletzt mit mehr als 30 Ermittlern und noch dazu rund um die Uhr an dem Fall arbeitete. Bernd Rebhan dankte in diesem Zusammenhang aber auch der Coburger Bevölkerung, aus der viele hilfreiche Hinweise gekommen seien.

Ein aufmerksamer Zeuge hatte zum Beispiel berichtet, in der Tatnacht in der Nähe des Eichenwegs einen silberfarbenen VW Passat gesehen zu haben. Als es später eine Spur zu dem 23-Jährigen aus Thüringen gab, fügte es sich wie ein Puzzleteil, dass dieser Mann im Besitz eines silberfarbenen VW Passat ist.

Ebenso wurden zahlreiche Gäste befragt, die sich am Abend des 11. Dezember in der Kneipe der 41-Jährigen aufgehalten hatten. "Da gab es viele widersprüchliche Aussagen", berichtete gestern Bernd Rebhan. Fest stehe, dass der 23-Jährige und der 44-Jährige zu den letzten Gästen zählten. Möglich, dass sie sich - mit dem VW Passat - direkt von der Unteren Salvatorgasse auf nach Beiersdorf gemacht haben.

Zur Frage, ob Wolfgang R. den beiden die Tür geöffnet hat, konnten oder wollten sich Polizei und Staatsanwaltschaft am Montag nicht äußern. Zum einen erklärten sie aber, dass die beiden "nicht ins Haus eingebrochen" seien. Zum anderen baten Bernd Rebhan und Leitender Oberstaatsanwalt Anton Lohneis um Verständnis, dass noch nicht alle Ermittlungsergebnisse veröffentlicht werden können - und, dass die Ermittlungen auch noch lange nicht abgeschlossen seien.

Mehr als 700 Tatort-Spuren

"Die Auswertung der mehr als 700 Tatortspuren wird noch Monate in Anspruch nehmen", schätzt Rebhan, der sich aber zugleich erleichtert zeigte, dass noch vor den Feiertagen der Durchbruch gelungen sei. Er denke dabei nicht nur an die Ermittler, sondern auch an die zum Teil verängstigte Bevölkerung in Beiersdorf. Wenngleich dies unbegründet gewesen sei. "Die Täter waren ja keine vagabundierenden Einbrecher", so der Hinweis von Lohneis. Stattdessen seien die nunmehr Tatverdächtigen der Rockerszene und dem Rotlichtmilieu zuzuordnen.
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