Coburg
Lesung

Die innere Freiheit der kleinen Leut'

Das Coburger Gymnasium Alexandrinum erinnerte mit einem vielseitigen Programm an den einstmals bedeutenden, heute aber weitgehend vergessenen, in Eisfeld geborenen Dichter Otto Ludwig.
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Otto Ludwig auf seinem Sockel in Eisfeld.
Otto Ludwig auf seinem Sockel in Eisfeld.
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Eine Kleinstadt in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die "Leut'" haben alles im Blick, alles im Griff, der einzelne wird überwacht bis ins Detail. Ein armes, aber in der Seele unabhängiges und beherztes Mädchen, das Annedorle, genannt "Heiteretei", trifft auf den zur kleinstädtischen Oberschicht gehörenden Holders Fritz. Der ist ein wüster Kerl, der sich auf seine grobe Art der lokalen Gesellschaft verweigert. Zu Liebenden werden die beiden lange nicht.
Ein Groschenroman? Süßlich wird die Geschichte keineswegs, schon gar nicht in diesem literarisch (damals) wenig attraktiven Umfeld. Wie Otto Ludwig sie konstruiert, wie er mit Witz, Ironie hinter die Fassaden der "Leut‘" blicken lässt, zieht es den Leser in eine komplexe Welt. Die Milieustudie kommt später, aber Ludwigs "poetischer Realismus" eröffnet den romanhaften Weg in die psychologische Durchdringung des menschlichen Daseins.
Die Konflikte der beiden Hauptpersonen und deren innerer Kampf klingen gar nicht vergangen und verstaubt, wie man das von einem Dichter wie Otto Ludwig, sollte einem der Name überhaupt etwas sagen, erwarten würde.
Otto Ludwig wurde vor 200 Jahren geboren. Seine Geburtsstadt Eisfeld gedenkt seiner heuer in zahlreichen Veranstaltungen. Und das Coburger Gymnasium Alexandrinum, sein Direktor Herbert Brunner und dessen Elftklässler haben sich nicht nur intensiv mit diesem vergessenen Dichter beschäftigt, sondern ihm auch eine aufschlussreiche öffentliche Abendveranstaltung gewidmet. Der klug konzipierte literarisch-musikalische Abend in Zusammenarbeit mit der Landesbibliothek und der Buchhandlung Riemann warf am Dienstag tatsächlich die Neugier weckendes Licht auf das von den Nationalsozialisten missbrauchte und zu Unrecht vergessene Werk Otto Ludwigs.
Die Eisfelderin Helga Schmidt, ehemalige Gymnasiallehrerin, hat eine "Festschrift" zu Otto Ludwig herausgegeben, die sie im Alexandrinum vorstellte, unter anderem mit Beiträgen des Fontane-Preisträgers Friedrich Christian Delius, des Autors Armin Gebhard und der in Madrid lehrenden Berit Balzer, die Ludwigs Novelle "Zwischen Himmel und Erde" mit den Mitteln des "Suspense" bei Alfred Hitchcock vergleicht. Die Novelle "Die Heiteretei" hat Helga Schmidt selbst analysiert. Sie stand im Mittelpunkt der eigentlichen Lesung.
Die Schülerinnen des Alexandrinums lieferten dazu klar, knapp und anschaulich aufbereitet die literaturgeschichtliche Einordnung Ludwigs. Mit seinen Novellen trug er nicht unwesentlich dazu bei, das "Loch" zwischen dem Ende des klassischen Dramas und dem Beginn des modernen Romans, etwa zwischen 1860 und 1890, zu überbrücken und entwickelte dabei einen psychologisch forschenden, bei allem poetischem Erspüren realistisch-objektiv ausgerichteten Erzählstil.

Ein Walzer und ein Kunstlied

Die musikalische Dimension des Komponisten Otto Ludwig erhellten Lorenz Kleiner mit einem an Chopin orientierten, eingängigen und mit schönen dramatischen Akzenten überraschenden Walzer und Stella Piesch, die Ludwigs Goethe-Vertonung "Die wandelnde Glocke" mit schon voll tönender, dabei erfrischend natürlich artikulierender Stimme sang. Sie wurde von Musiklehrer Martin Kleiner am Klavier begleitet.
All dessen nicht genug, hatten die Elftklässler noch drei Vitrinen mit Originalen aus der Landesbibliothek bestückt. - Lust zum Lesen von Otto Ludwig? Seine Erzählungen sind wieder verfügbar.

Der Autor Otto Ludwig wurde am 12. Februar 1813 in Eisfeld als Sohn des Stadtsyndikus und herzoglichen Hofadvokaten von Sachsen-Meiningen geboren. Seine Eltern verlor er früh. Nach der Schulzeit widmete er sich in seinem Eisfelder Gartenhaus, das heute Museum ist, musikalischen und literarischen Stu dien. 1839 begann er ein Musikstudium in Leipzig bei Felix Mendelssohn, das er 1840 krankheitsbedingt aufgab. Er kehrte in seinen Geburtsort zurück, wo er beliebte (Laien-) Opernaufführungen organisierte und leitete. 1842 verließ er Eisfeld für immer und begann ein weiteres Studium in Leipzig. 1850 wurde sein erfolgreichstes Drama "Der Erbförster" in Dresden uraufgeführt. 1852 heiratete Ludwig Emilie Winkler. Am 25. Februar 1865 erlag er einem Nervenleiden.

Das Buch Helga Schmidt (Hrsg): Und Wahrheit ging mir von jeher über alle Schönheit — Otto Ludwig neu entdecken. Salier Verlag Leipzig, 255 Seiten, 15 Euro.

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