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"Die Wilde Maus" in Berlin: Die Rache eines gnadenlos gefeuerten Musikkritikers

Warum Josef Hader mit seinem Film-Erstling "Die wilde Maus" wohl keinen Berlinale-Bären gewinnen wird.
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"Wilde Maus": Josef Hader in Personalunion - Autor, Regisseur und Hauptdarsteller. Foto: Petro Domenigg | Filmstills.at
"Wilde Maus": Josef Hader in Personalunion - Autor, Regisseur und Hauptdarsteller. Foto: Petro Domenigg | Filmstills.at
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Er war mehr als nur ein Geheimtipp, die "Wilde Maus" von Josef Hader, der in den Wolf-Haas-Verfilmungen "Silentium" und "Der Knochenmann" schon mehrfach bei den internationalen Filmfestspielen in Berlin bejubelt wurde. Jetzt hat der begnadete Kabarettist seine erste Regiearbeit vorgestellt. Und das gleich im Wettbewerb, der am Ende wohl eine Nummer zu groß ist für die "Wilde Maus".


Mit boshaftem Augenzwinkern

Dabei ist die Ausgangslage der Geschichte für einen Mann mit Hang zum leicht boshaften Augenzwinkern - und da gibt es nicht viele, die ihn derart unterhaltsam ausleben wie Hader - eigentlich wie geschaffen: Von einem Tag auf den anderen verliert der in der Wiener Kulturszene angesehene Musikkritiker Erich (Hader in seiner dritten Funktion neben Regisseur und Autor), seinen Job. Der geleckte Chefredakteur Waller ("Tatort"-Kommissar Jörg Hartmann) schmeißt ihn raus. Einfach so, Erich ist zu teuer - und traut es sich nicht einmal seiner Frau zu sagen, dass er auf der Straße steht. Aber so einfach lässt sich der Herr Chef-Feuilletonist nicht in den unfreiwilligen Ruhestand versenden. Er sinnt auf Rache. Ziemlich plumpe Rache.


Das alles - Rachegelüste, Arbeitslosigkeit, Hilflosigkeit, Sprachlosigkeit - hätte der unvergleichbare Wiener Humor in einen unterhaltsamen Film führen können. "Wilde Maus" schafft diesen Schritt aber nicht. Hader hat sich in diesem Film zwischen all seinen Aufgaben verloren.


Angestrengte Farce

Am Ende dümpelt die Farce angestrengt durch ihre wenig überraschende Geschichte und vergisst dabei, dass es nicht selten die leichten, amüsanten Elemente sind, die beim Publikum Emotionen wecken. Aber Haders Erstling ist - gewollt, so viel Fachverstand darf man ihm schon zutrauen - alles andere als leicht. Die "Wilde Maus" trägt dick auf, sogar bei der Filmmusik. Das nimmt ein Festival-Publikum vielleicht gerade noch gelassen zur Kenntnis, im normalen Kino wird es der Film schwer haben.


Das gleiche Schicksal droht dem zweiten mit Spannung Film des ersten Berlinale-Wochenendes: "T2 Trainspotting". 1996 war es, als Danny Boyle mit "Trainspotting" einen Film schuf, der wie eine Bombe einschlug. Nicht einmal unbedingt aus kommerzieller Sicht, aber die schräge Farce über eine Clique Drogensüchtiger in Edinburgh gilt heute als Markstein des modernen englischen Kinos und verhalf heutigen Superstars wie Ewan McGregor ("Star Wars") und "Bond"-Bösewicht Robert Carlyle ("Die Welt ist nicht genug") zum Durchbruch.


Späte Rückkehr in die Heimat

Dieses Team hat Boyle auf Basis der alten Geschichte nun erneut zusammengebracht: Renton (McGregor) kehrt 20 Jahre, nachdem er seine Kumpels um 16 Pfund erleichtert hat und ins Unbekannte verduftet ist, wieder in seine Heimat zurück.


Dort muss er feststellen: Seine alten Freunde sind nicht gut auf ihn zu sprechen. "Tourist in seiner eigenen Jugend", heißt es einmal im Film, ist Renton. Und auch "T2" ist irgendwie so eine nette Zeitreise. Er pendelt, inhaltlich wie musikalisch (auch diesmal eine Stärke vom Boyle), irgendwo zwischen einem verklärten Blick auf die 90-er und der Gegenwart, die für die alten Haudegen von damals eine alles andere als spaßige Angelegenheit ist.


Das Tempo fehlt

"T2 Trainspotting" fehlen das unglaubliche Tempo, die wahnsinnigen Video-Sequenzen und alptraumhaften Drogenräusche, die 1996 den ersten Film groß machten. Das ist durchaus richtig, denn Mittvierziger sind eben nicht mehr so durchgeknallt wie Mittzwanziger. Deshalb wird der Film sein Publikum haben - die Mittvierziger. Alle, die jünger sind, werden mit dieser Geschichte über eine Hand voll verrückter alter Männer herzlich wenig anfangen können. Dumm für den Film nur, dass es ausgerechnet diese Generation ist, die heute das Geld in die Multiplex-Häuser dieser Welt trägt.


Am heutigen Montag wird dann auch der erste deutsche Wettbewerbsbeitrag zu sehen sein: "Helle Nächte", eine Familiengeschichte von Thomas Arslan. Passt sich der Film dem Gesamteindruck des bisherigen Wettbewerbes an, kann er nicht schlecht werden.
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