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Die Uniform schützt Retter auch in Coburg nicht mehr

Zu manchen Einsätzen fahren Sanitäter nur noch gleichzeitig mit der Polizei.
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Ein Mitarbeiter einer Sanitätsbereitschaft in Uniform. Immer wieder machen Rettungskräfte die Erfahrung, dass ihre Hilfe nicht unbedingt willkommen ist. Sie werden beschimpft und bedroht. Dass diese Fälle mehr werden, bestätigen auch die Rettungsdienstleiter im Raum Coburg. Foto: News5
Ein Mitarbeiter einer Sanitätsbereitschaft in Uniform. Immer wieder machen Rettungskräfte die Erfahrung, dass ihre Hilfe nicht unbedingt willkommen ist. Sie werden beschimpft und bedroht. Dass diese Fälle mehr werden, bestätigen auch die Rettungsdienstleiter im Raum Coburg. Foto: News5
Sie kommen, um zu helfen - und müssen zunächst sich selbst schützen: 180 Fälle von "Gewaltanwendung gegen Mitarbeiter des Rettungsdienstes" habe es im Jahr 2015 gegeben, sagte der Landesgeschäftsführer des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK), Leonhard Stärk, Ende Januar in München.


Mit Zahlen können die Rettungsdienstleiter im Raum Coburg nicht aufwarten. Aber sowohl Volker Drexler-Löffler, der Rettungsdienstchef beim BRK-Kreisverband Coburg, als auch sein Kollege Albert Florschütz vom Arbeitersamariterbund (ASB) in Neustadt bestätigen, dass es für die Rettungskräfte schwieriger geworden ist, in jedem Fall sofort zu helfen.
"Der Trend ist erkennbar, dass gegenüber unseren Mitarbeitern das Aggressivitätspotenzial zunimmt, wenn die Leute alkoholisiert sind oder unter sonstigen Einflüssen stehen", sagt Albert Florschütz.


Dass die Betroffenen sich gegen diejenigen wehren, die ihnen eigentlich helfen wollen, ist das eine. Das andere sind Einsatzsituationen, in denen die Rettungskräfte von Dritten bedroht werden. "Wenn ein Familienstreit eskaliert, kann es schon passieren, dass die Kollegen vom Rettungsdienst als störend empfunden werden", nennt Albert Florschütz ein Beispiel.


Warten auf die Polizei

In solchen Situationen bleibe den Rettungskräften nur, auf die Polizei zu warten, sagt Florschütz. Die wird aber ohnehin meistens sofort mit verständigt, wenn ein Hilferuf bei der Integrierten Leitstelle eingeht, in dem von einer Prügelei oder ähnlichen Vorkommnissen die Rede ist. Die Disponenten würden in solchen Fällen gezielt nachfragen, um sich ein Bild von der Lage zu machen, erläutert Peter Kunzelmann, der kommissarische Leiter der Integrierten Leitstelle.

Und wenn in der Meldung von Gewalt oder ähnlichen Delikten die Rede ist, dann ist die Polizei ohnehin dazuzurufen. "Sobald beleidigt oder geschlägert wird, ist die Polizei verpflichtet, einzuschreiten", bestätigt Markus Reißenberger, einer der Pressesprecher der Polizeiinspektion Coburg. Aber auch, wenn die Polizei erfahre, dass ihre "Blaulichtkollegen" vom Rettungsdienst beim Einsatz in Gefahr geraten könnten, "fahren wir so schnell wie möglich hin und helfen".


Häufig: häusliche Gewalt

Allzu selten sind solche gemeinsamen Einsätze offenbar nicht. "Es vergeht kein Tag, an dem nicht ein Fall häuslicher Gewalt auftaucht", sagt Reißenberger. In der Polizeiinspektion Coburg seien zwei Sachbearbeiter allein mit diesen Fällen befasst. Der Dienstbereich der Inspektion erstreckt sich über die Stadt Coburg und einen großen Teil des Landkreises. Für Neustadt, Rödental, Ebersdorf, Sonnefeld und Weidhausen ist die Polizeiinspektion Neustadt zuständig.


Die Rettungskräfte seien geschult, deeskalierend zu wirken, also den Konflikt nicht weiter anzuheizen, sagen Volker Drexler-Löffler und Albert Florschütz. Das bedeutet im Zweifelsfall, zu warten, bis die Polizei am Einsatzort eintrifft. Von Selbstverteidigungskursen oder Schutzausrüstung wie stichfesten Westen halten beide Rettungsdienstleiter nicht viel. In der Frankfurter Innenstadt sei das Rettungspersonal bereits mit solchen Schutzwesten ausgestattet, berichtet Albert Florschütz.

Im Coburger Raum sei das noch nicht nötig; die Zahl der Fälle, in denen das Rettungspersonal gefährdet war, sei gering, beruhigt Florschütz: "Das liegt im Promillebereich", bei 4500 Einsätzen im Jahr. Dass die Sanitäter gemeinsam mit der Polizei vor Ort sind, treffe bei "fünf bis sechs von 100 Einsätzen" zu. Eine Statistik darüber gibt es nicht.


Professionalität gefordert

Martin Lücke, Leitender Notarzt und selbst oft im Rettungseinsatz, hat noch nie Gewalt gegen sich oder Sanitäter erlebt. "Meine Wahrnehmung ist nicht, dass die Bedrohungslage sich geändert hat. Wir gehen aber nicht mehr so leichtfertig damit um, das ist professioneller geworden", meint er. Das gelte für die Einschätzung der Situation am Einsatzort durch die Leitstelle, für das Agieren der Rettungskräfte selbst und die Unterstützung durch die Polizei. Und was Beschimpfungen angeht: "Der Alkoholisierte pöbelt halt - auch damit umzugehen ist ein Teil der Professionalität."
Trotzdem sei ein Trend erkennbar, dass Uniformierten immer weniger Respekt entgegengebracht werde, sagen Reißenberger, Drexler-Löffler und Florschütz übereinstimmend. "Früher waren wir die Guten", beschreibt es Florschütz, der seit 1987 im Rettungsdienst tätig ist. "Damals hat dir die rote Jacke alle Türen geöffnet."
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