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Familientreffen

Deutsch-kanadisches Familientreffen in Seßlach

Kanadische Ahnenforschung führte zu einem einzigartigen Treffen der Großfamilie Borzel in Seßlach. Doch ohne die deutsche Wiedervereinigung wäre der Kreis kleiner geblieben.
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Deutsch-kanadisches Familientreffen in Seßlach: Rund 40 Mitglieder der weitverzweigten Borzel-Familie kamen am Freitag erstmals zusammen. Durch ihr Interesse an Ahnenforschung war die Kanadierin Ellen Borzel-Gaboury (Bildmitte, vorn) und ihre Schwester Joanne (links neben ihr) auf ihre Ur-Großcousinen aus Gemünda gestoßen, die sie hier "einrahmen" (links Sabine Borzel und Marianne Krüg, rechts Gisela Töltsch und Christa Kellner). Foto: Bettina Knauth
Deutsch-kanadisches Familientreffen in Seßlach: Rund 40 Mitglieder der weitverzweigten Borzel-Familie kamen am Freitag erstmals zusammen. Durch ihr Interesse an Ahnenforschung war die Kanadierin Ellen Borzel-Gaboury (Bildmitte, vorn) und ihre Schwester Joanne (links neben ihr) auf ihre Ur-Großcousinen aus Gemünda gestoßen, die sie hier "einrahmen" (links Sabine Borzel und Marianne Krüg, rechts Gisela Töltsch und Christa Kellner). Foto: Bettina Knauth
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"Es kommt mir vor, als wandelte ich in den Fußstapfen meiner Vorfahren." Ellen Borzel-Gaboury ist überwältigt. Zum ersten Mal besucht die Kanadierin aus St. Walburg (Saskatchewan) zusammen mit ihrer Schwester Joanne, Bruder Terry und den drei Ehepartnern Gemünda. Von hier stammte ihr Großvater Johann-Adam, der 1906 nach Kanada auswanderte.

Neben dem lang erhofften Besuch in dessen Heimatort erfüllte sich für die 60-Jährige am Freitag gleich ein weiterer Lebenstraum: Bei einem großen Familientreffen im Seßlacher "Pörtnerhof", das ihre Ur-Großcousine Marianne Krüg organisiert hatte, lernten die Besucher aus Übersee fast die gesamte Großfamilie Borzel kennen.
Ein Brief brachte das erste Familientreffen dieser Art ins Rollen: Auf der Suche nach ihren deutschen Wurzeln hatte Ellen Gaboury vor rund 15 Jahren jeden Menschen in Deutschland mit Nachnamen "Borzel" angeschrieben, den sie via
Internet ausfindig machen konnte. "Gottseidank ist das kein so häufiger Name", lautete ihr Kommentar. Eines dieser Einschreiben erreichte Sabine Borzel in Gemünda, die sofort ihre Schwester Marianne in Kenntnis setzte. So erfuhren die beiden, ebenso wie kurz darauf ihre weiteren Schwestern Christa Kellner und Gisela Töltsch (Gießen), dass ihr Urgroßvater Eduard zwei Brüder hatte, Adam und Karl, die es 1906 in die Neue Welt zog. "Bis dahin war uns hiesigen Borzels das alles nicht bekannt", erzählt Krüg. Genauso wenig hatten die kanadischen Geschwister vorher geahnt, dass die Auswanderer in Deutschland zwei Brüder zurückgelassen hatten.


Familienforscher half

Nachdem die ersten Kontakte geknüpft waren, engagierte Gaboury in Kanada einen professionellen Familienforscher, der weitere Borzel-Abkömmlinge in Deutschland entdeckte. Zu ihnen zählte der Nürnberger Walter Sünkel, Urenkel des vierten Bruders Herrmann Theodor, der wie Eduard in Deutschland blieb. "Dieser Bruder war uns vollkommen unbekannt - wie auch seine Nachkommen", berichtet Krüg.

Gut 40 Personen hatte Marianne, die Älteste der vier Borzel-Schwestern, nun in Seßlach "zusammengetrommelt". Zu den verschiedenen Gemünner Linien gesellten sich weitere aus Neustadt und Lichtenfels. Ohne die deutsche Wiedervereinigung hätten einige Teilnehmer nicht zu diesem besonderen Familientreffen kommen können. Angelika Kasper etwa war mit ihren Kindern von Lindenau nach Seßlach gefahren. Krüg erinnerte sich noch gut, wie sie ihre (Paten-)Tante Marie Staffel, Angelikas Mutter, überraschte, nachdem am 2. Dezember 1989 endlich der Eiserne Vorhang zwischen Autenhausen und Lindenau gefallen war. Da die alte Dame noch nicht von der Öffnung des Übergangs erfahren hatte, habe sie nicht schlecht über den unerwarteten Besuch gestaunt.

Jetzt lernten die kanadischen Geschwister auch die Geburtsorte ihrer Großmütter in Thüringen kennen: Schleusingen und Hellingen. Beim Gedenkgottesdienst am Ummerstädter Kreuz wurde am Samstag die deutsche Teilung für die Besucher noch einmal greifbar. Schon zuvor war nicht nur ihr Interesse für die Familiengeschichte, sondern ebenfalls für die jüngere und weiter zurückliegende deutsche Vergangenheit geweckt worden. "Ich liebe Geschichte", schwärmte Joanne und versprach: "Das werden wir zuhause alles in Ruhe nachlesen!" Beeindruckt zeigten sich die Gäste ebenfalls von der gut erhaltenen historischen Bausubstanz allerorten. "Dass die ganzen alten Gebäude noch alle stehen", wunderte sich Ellen. Bedauernd fügte die 60-Jährige hinzu: "Bei uns wird immer alles gleich abgerissen."


Tief bewegt am Grab

In Gemünda standen die kanadischen Geschwister tief bewegt am Grab von Eduard Borzel, dem Bruder ihres Urgroßvaters Johann-Adam. "Überwältigend" fand die 67-jährige Joanne das Gefühl, die Heimat ihres Vorfahren zu betreten. Beide Brüder waren Steinmetze und gaben ihre Leidenschaft für diesen Beruf an Nachkömmlinge weiter. So führt aktuell Eduards Urenkelin Sabine Borzel das Geschäft in Gemünda. "Wir sind alle entweder Steinmetze oder Lehrer", stellte Krüg schmunzelnd Parallelen zwischen der hiesigen Linie und den kanadischen Borzel-Abkömmlingen fest.

Es wurde ein langer Abend in Seßlach. Kein Wunder, hatten sich die alten und neuen Familienmitglieder nach dem ersten vorsichtigen "Beschnuppern" viel zu erzählen. Immer wieder mussten die Initiatorinnen den weitverzweigten Familienstammbaum herausholen, um das jeweilige Verwandtschaftsverhältnis zu klären. Schnell waren sich alle einig, weitere Treffen abhalten zu wollen, im großen wie im kleineren Kreis. Die Kanadier versprachen, bald wieder zu kommen, und die deutschen Großcousinen zeigten sich sehr interessiert daran, die zweite Heimat von Johann-Adam Borzel in der östlich von Edmonton gelegenen Kleinstadt St. Walburg kennenzulernen.


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