Coburg
Design

Das zweite Leben für ein Dach in Coburg

Auf dem Güterbahnhof-Areal wurden zuletzt einige alte Gebäude abgerissen. Ein fast hundert Jahre altes Holzdach, mit dem deutsche Architektur-Geschichte verbunden ist, wurde gerettet und wird bald einen ehrenvollen Platz bekommen.
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Da schwebt das fast hundert Jahre alte Dach zu seinem neuen Standort an der Pakethalle. Foto: Frank Wunderatsch
Da schwebt das fast hundert Jahre alte Dach zu seinem neuen Standort an der Pakethalle. Foto: Frank Wunderatsch
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Aaron Rößner gerät ins Schwärmen, während er gen Himmel blickt. "Das wird die neue Attraktion hier", ist sich der Vorsitzende des Coburger Designforums Oberfranken sicher. Denn: Was da am Dienstagvormittag eine kurze, aber luftige Reise auf dem Güterbahnhof-Areal angetreten hat, sieht nicht nur sehr schön aus, sondern ist auch ein echtes Stück deutsche Architektur-Geschichte: ein Zollingerdach.

Aber der Reihe nach: Auf dem Güterbahnhof-Areal tut sich derzeit so einiges. Unter anderem wurden in den vergangenen Wochen einige alte Gebäude abgerissen, um einer neuen Entwicklung des Geländes Platz zu machen. Ein Gebäude hatte ein sehr besonderes Holzdach - und genau das wurde jetzt gerettet.


"Erlebbarer Eingang"

"Wir werden dieses Zollingerdach direkt an die ehemalige Pakethalle andocken", erklärt Rößner. Das einstige Dach werde dann künftig die Funktion eines besonders markanten Eingangsportals haben. Dachziegel kommen aber nicht wieder drauf. "Wir werden es transparent halten", sagt Rößner, "es muss erlebbar bleiben."


Not macht erfinderisch

Aber was ist überhaupt ein Zollingerdach? Die Antwort erfordert einen Zeitsprung in die 1920er Jahre: Damals herrschte große Wohnungsnot in Deutschland, gleichzeitig war das Baumaterial knapp. Der Merseburger Stadtbaurat Friedrich Zollinger hatte daraufhin die Idee zu einer besonderen Bauweise für Dächer, einer Zwischenform aus Mansarddach und Tonnendach. "Seine Konstruktion erlaubt es, dass das Dach über eine recht große Distanz freitragend ist", erklärt Aaron Rößner.

Zollinger selbst sprach von der "Zollbauweise" und meldete diese zum Patent an. Die Lizenz, Dächer nach der Zollbauweise zu errichten, erwarb später der Coburger Zimmereibetrieb Heß - deshalb finden sich in der Vestestadt auch mehr Zollingerdächer als anderswo. "Das Exemplar hier auf dem Güterbahnhof-Areal ist aber das einzige bekannte, das sich nicht auf einem Wohnhaus befand", weiß Denkmalschutzexperte Rainer Wessels von der Wohnbau, in deren Händen die Projektplanung für das Güterbahnhof-Areal liegt.

Das Dach, das am Dienstag von seinem ehemaligen Platz auf einem Haus in Richtung Pakethalle gehievt wurde, stammt aus dem Jahre 1927. Es misst zehn auf zehn Meter und wiegt fünf Tonnen.

Die ehemalige Pakethalle auf dem Güterbahnhof-Areal ist vor kurzem von der städtischen Wirtschaftsförderungsgesellschaft angemietet worden. Sie will die Räumlichkeiten vor allem für Veranstaltungen nutzen - und mit dem neuen Eingang werden die Räumlichkeiten bald sogar noch markanter sein.
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