Coburg
Tageblatt-Gespräch

Das Wasser kommt, das Wasser geht

Der neue Kaufmännische Direktor des Landestheaters Coburg, Fritz Frömming, hat sehr plötzlich eine besondere Rolle zu übernehmen.
Artikel drucken Artikel einbetten
Damit die Lichter auch nach der Generalsanierung wieder vor vollem Haus angehen, ist der neue Kaufmännische Direktor des Landestheaters, Fritz Frömming, in nächster Zeit besonders gefordert. Foto: Carolin Herrmann
Damit die Lichter auch nach der Generalsanierung wieder vor vollem Haus angehen, ist der neue Kaufmännische Direktor des Landestheaters, Fritz Frömming, in nächster Zeit besonders gefordert. Foto: Carolin Herrmann
+2 Bilder
Er rückte ziemlich abrupt ins Zentrum, Fritz Frömming, der neue Kaufmännische Direktor des Landestheaters. Als der gebürtige Ostfriese am 1. Februar seine Stelle in Coburg antrat, ging er davon aus, dass er zusammen mit Bodo Busse die große Aufgabe der Generalsanierung schultern würde. Die Direktion des Theaterbetriebes üben Kaufmännischer Direktor und Intendant gemeinsam aus. Busse ist seit 2010 mit der für Coburg kompliziertesten Maßnahme seit langem beschäftigt. (Dass sie noch immer nicht in der Ausführungsphase angelangt ist, kann ihm nicht angelastet werden, im Gegenteil.)
Doch wie das im Leben so geht und am Theater gar nicht so ungewöhnlich ist, gab es für den seit 2010 in Coburg herausragend wirkenden Bodo Busse eine Art Quantensprung (sagen wir, einen kleinen). Er wird zum 1. August 2017 Generalintendant des Saarländischen Staatstheaters.
Und nun muss der neue Kaufmännische Direktor schau en, dass er sich allerschnellstens auch in die vertrackten Details der Planungen und politischen Konstellationen wühlt.


Ein 240-Mann-Betrieb

Zur herkömmlichen wirtschaftlichen Leitung des 240-Mann-Betriebes, die ja auch erst einmal errungen sein will, kommt nun auch noch die diffizile Suche nach einem neuen Intendanten. Die hat eine von den Trägern, dem Freistaat Bayern und der Stadt Coburg, einzusetzende Findungskommission zu leisten, Das Theater selbst muss aber eingebunden sein.
Und alles muss furchtbar rasch geschehen. Busse ist im Sommer nächsten Jahres weg, und weg ist zum 31. Dezember 2018 auch die Betriebsgenehmigung für das 1840 eingeweihte Haus am Schlossplatz.
Selbstverständlich haben nach Bekanntwerden von Busses Wechsel diverse Anwärter mehr oder weniger blind ihre Unterlagen nach Coburg geworfen. "Das ist immer so", sagt Frömming. Interessant werde es aber erst nach der formellen Ausschreibung.
Soweit die Standortbestimmung für den Neuankömmling. Den hätten wir uns auch so mal angeguckt nach den herkömmlichen 100 Tagen im Amt. Aber, um es nochmals zu betonen, Frömming muss plötzlich eine weit intensivere Rolle für Coburg spielen als üblich. Da kommt womöglich so ein (vermeintlich?) kühler Nordseemensch genau richtig. "Wir Norddeutschen wissen: Alle sechs Stunden kommt das Wasser, alle sechs Stunden geht das Wasser."


Das Theater ist verankert

Zu dieser Bemerkung muss Fritz Frömming im Gespräch mit dem Tageblatt nicht einmal lächeln, wirft aber erklärend ein, dass er nicht so entspannt sein könnte, hätte er nicht schon erfahren, dass "hier so viele tolle Leute arbeiten". Was für die ganze Stadt gelte. "Ich bin auf unwahrscheinliche Offenheit gestoßen", ob bei den Amtsleitern der Stadtverwaltung oder sonst in der Stadt. "Das Theater ist hier im Geiste der Menschen verankert wie sonst kaum." - Wie weit dieser Geist hält und trägt, muss sich jetzt aber erweisen.
Nö, beirren lässt sich Frömming bisher also nicht. (Die anderen Seiten der Stadt wird er schon noch kennenlernen.) Bodo Busse gönnt er den Karrieresprung. "Es ist traurig, dass er geht, aber wenn man am Theater ist, weiß man, dass jederzeit personelle Wechsel eintreten können. Das ist normal."
Am Theater ist der Diplomkaufmann selbst tatsächlich auch schon lange, was ja bei der Suche nach dem neuen Verwaltungschef für ihn sprach. Ein Theater ist keine Schnürsenkelfabrik. Wenn der Chef der Verwaltung keinen künstlerischen Geist besitzt, wird es mühsam. Der 1970 geborene Ostfriese ist im Oldenburger Land aufgewachsen, hat in Wilhelmshaven studiert und setzte dem nüchternen Lernen frühzeitig das Lebendige des Theaters gegenüber: Jugendclub, Statist. Im "Kleinen Horrorladen" spielte er an der Landesbühne Wilhelmshaven die fleischfressende Pflanze!! So kam es: "Einmal am Theater, immer am Theater."
Frömming übernahm Regieassistenzen und ging nach dem Studium fest in die Marketing- und Öffentlichkeitsarbeit. Dann Pressesprecher des Theaters in Chemnitz und zuletzt Marketingdirektor und persönlicher Referent von Generalintendant Bernhard Helmich in Bonn. Von da aus hat er sich nach der Nichtverlängerung von Judith Wollstädter nach Coburg beworben. Mittlerweile ist auch eine passende Wohnung in der Innenstadt gefunden. Ende Juni werden Frau (freischaffende Opernsängerin) und Tochter (13-jährig) nach Coburg folgen.
Intern hat sich Frömming als notwendige Bestandsaufnahme für sich selbst vorgenommen, "mit der Taschenlampe in jede Ecke zu leuchten". Jeder Betrieb hat eingefahrene Abläufe, im Laufe der Zeit verstärkte Verspannungen, ungenutzte Potenziale. Am Landestheater offensichtlich ist, dass die EDV-technischen Grundlagen der Disposition und des Kassensystems überarbeitet werden müssen. Wofür Geld notwendig sein wird.
Doch Frömming gibt sich zurückhaltend. Er habe Verständnis für die Haushaltslage der Stadt Coburg, er werde zunächst nach Einsparmöglichkeiten suchen. - Hm. Fakt ist, 86 Prozent des Gesamtetats von über 14 Millionen Euro sind Personalkosten; nur mit dem Rest kann unmittelbar Theater gespielt werden. Wenn im öffentlichen Dienst jetzt eine Tariferhöhung von 2,4 Prozent ansteht, nun, dann... Um den Zuschuss der Stadt Coburg wird jedes Jahr aufs Neue verhandelt. "Es wird unterschätzt, wie komplex ein solcher Theaterbetrieb ist", warnt Frömming. Dass vom Landestheater aus "240 Leute mit der Lohntüte nach Hause gehen und ihr Geld in die Stadt tragen", werde zu wenig berücksichtigt.


Lasst bloß die Finger davon

Gerade jetzt gegenüber dem Landestheater aufkommende kritische Fragen müssten bereitwillig beantwortet werden. "Es darf aber nicht zu Feindschaft zwischen den verschiedenen Interessengruppen in der Stadt kommen", warnt Frömming noch einmal. Er hat das andernorts durchaus erlebt.
Generalsanierung also über allem, und dafür zunächst hoffentlich bald die Entscheidung für eine "vernünftige Interimsspielstätte". Frömming ist froh, dass "die Diskussion darüber seit dem Herbst deutlich an Qualität gewonnen hat". Es geht halt nicht darum, dass mal zwei Jährchen zu überbrücken sind. "Da es noch gar keine Detailplanung für die Sanierung gibt, sind Zeitangaben pure Schätzung", stellt Frömming klar. Bei einer Baumaßnahme dieser Größenordnung - wir sprechen im Moment von über 60 Millionen Euro - sei es doch völlig normal, dass Entwicklungen plötzlich auch anders verlaufen.


Ein Zelt kommt nicht in Frage

Die Rede ist von einer Sanierungsdauer zwischen drei und vier Jahren. Ein Zelt als Interimsspielstätte kommt für Frömming da nicht infrage. "Diese Lösung hat die negativsten Kundenrezensionen", formuliert er analytisch abstrakt. Was heißt, dass die besuchten Intendanten einhellig warnten: "Lasst bloß die Finger davon." Ob die Ertüchtigung der alten Angerturnhalle oder eine später anderweitig verwendbare "Leichtbaulösung" - da will Frömming die weiteren Prüfungen abwarten. Was zählen wird, ist, dass der Übergang vom Spiel im Großen Haus in eine Alternativstätte gelingt. - Wofür wir aber dringend auch einen neuen Intendanten brauchen.
Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren