Coburg
Interview

"Damit muss man offen umgehen"

Ein Gespräch mit Erbprinz Hubertus von Sachsen-Coburg und Gotha über die Verstrickung seines Urgroßvaters in den Nationalsozialismus.
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Erbprinz Hubertus von Sachsen-Coburg und Gotha mit Taschenkalendern seines Urgroßvaters, Herzog Carl Eduard.  Foto: Simone Bastian
Erbprinz Hubertus von Sachsen-Coburg und Gotha mit Taschenkalendern seines Urgroßvaters, Herzog Carl Eduard. Foto: Simone Bastian
"Hitlers adliger Diplomat" ist ein Buch über den letzten regierenden Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha überschreiben. Hubertus Büschel, Historiker und Professor in Groningen (Niederlande) hat für das Buch über das Leben und die Verstrickung des "Herzogs von Coburg" in den Nationalsozialismus nachgezeichnet. Drei Jahre lang arbeitete Büschel an dem Buch, das vorige Woche erschien.

Dem Haus Sachsen-Coburg und Gotha sei die Anfrage Büschels, für die Recherche auch das Hausarchiv der Stiftung Sachsen-Coburg und Gotha nutzen zu dürfen, nur recht gewesen, betont Erbprinz Hubertus von Sachsen-Coburg und Gotha, der Urenkel des letzten regierenden Herzogs. Denn sowohl sein Vater, Prinz Andreas von Sachsen-Coburg und Gotha, als auch er, Hubertus, hätten schon länger nach einem Weg gesucht, diesen Teil der Familiengeschichte wissenschaftlich und objektiv aufarbeiten zu lassen.
Erbprinz Hubertus sprach mit dem Tageblatt über Geschichte, Geschichtesbewusstsein und heutige Gefahren für die Demokratie.

Coburger Tageblatt:Was hat Sie bewogen, für die Recherchen von Professor Büschel das Hausarchiv zu öffnen?
Hubertus Erbprinz von Sachsen-Coburg und Gotha: Mein Vater und ich, wir freuen uns beide, dass es nun eine wissenschaftlich fundierte Arbeit über Herzog Carl-Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha gibt. Es war uns schon daran gelegen, eine wissenschaftliche Arbeit zu haben, die alle Quellen offenlegt, die es zu seiner Person gibt und die sich mit der Person auseinandersetzt.

Sie haben auch zugesagt, Ihre Archivalien für die Aufarbeitung der Geschichte Coburgs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Verfügung zu stellen; ein Projekt, das von der Stadt finanziert wird.
"Hausarchiv" klingt, als ob es hier Meter über Meter Unterlagen gäbe. Wir haben - leider, muss ich sagen - überraschend wenige Unterlagen aus dieser Zeit. Diejenigen, die wir haben, haben wir vollumfänglich Professor Büschel zur Verfügung gestellt, und wir werden sie auch zur Aufarbeitung der Stadtgeschichte zur Verfügung stellen. Im Wesentlichen sind das die persönlichen Taschenkalender meines Urgroßvaters. Er hat darin Tagebuch geführt. Außerdem haben wir einige Aufzeichnungen meines Großvaters, Prinz Friedrich-Josias.
Ich denke, es ist auch an der Zeit, dass man mit solchen Vergangenheitsthemen offen umgeht. In Bezug auf Herzog Carl-Eduard wollten wir erreichen, dass es eine umfassende objektive Darstellung der Person und ihrer Beweggründe vor dem Ersten Weltkrieg, während dem Ersten Weltkrieg, im Zweiten Weltkrieg und während dieser düsteren Zeit der deutschen Geschichte gibt.

Ihr Urgroßvater kommt in der Darstellung von Professor Büschel nicht sehr gut weg. Welches Bild hatten Sie bislang von Carl Eduard, aus den Erzählungen in der Familie oder ähnlichem?
Ich kenne ihn wirklich nur aus Erzählungen, aber das Bild, das ich von ihm hatte, ging schon in diese Richtung. Es war ja bekannt, dass er ein Sympathisant und Unterstützer der NSDAP und auch im Auftrag der Nazis unterwegs war, auch in seiner Position als Präsident des Deutschen Roten Kreuzes. Insofern zeichnet das Buch kein neues Bild für mich. Es ist aber im Detail und in der Tiefe für mich überraschend, wie er sich hat einspannen lassen.

Er muss ja tatsächlich von dieser Ideologie überzeugt gewesen sein!
Ich denke, dass er sich von dieser Ideologie hat einfangen lassen. Man muss da auch seine Lebensgeschichte sehen: Als englischer Prinz aufgewachsen, mit 16 Jahren nach Deutschland gebracht gegen den Willen seiner Mutter, um ein deutscher Herzog zu werden. Dann der Bedeutungsverlust nach dem Ersten Weltkrieg durch das Ende der Monarchie, die Enteignung im persönlichen Bereich. Ich denke, dass sich dadurch ein Nährboden ausgebildet hat in einer Person, die letztlich nach Ansehen und Macht gesucht hat. Unglücklicherweise haben diesen günstigen Boden die Nazis beackert.

Laut Professor Büschel hat Ihr Großvater, Prinz Friedrich Josias, beschönigenden Darstellungen seines Vaters widersprochen. Haben Sie mit Ihrem Großvater jemals über die NS-Zeit reden können?
Leider nicht. Ich kenne aber persönliche Aufzeichnungen meines Großvaters, in denen er viele Dinge beschrieben hat und beschönigenden Darstellungen entgegen getreten ist. Mit ihm selbst konnte ich leider nie darüber sprechen. Er ist ja relativ früh an Parkinson erkrankt, konnte dann nicht mehr richtig kommunizieren und ist 1997 verstorben. Ich hätte mich sehr gerne mehr über diese Zeit und die Vorgänge mit meinem Großvater unterhalten, aber dazu war er am Ende seines Lebens leider nicht mehr in der Lage.

Nicht nur ihr Urgroßvater förderte früh die Nationalsozialisten; Coburg selbst war 1929 die erste deutsche Stadt mit nationalsozialistischer Stadtratsmehrheit. Professor Büschel und andere Historiker vermuten, dass die Coburger sich in den 20er Jahren weltanschaulich am ehemaligen Herzog orientierten. Halten Sie das für vorstellbar?
Ganz allgemein gab es während dieser Zeit in ganz Deutschland und damit in Coburg, Oberfranken, Bayern eine Strömung, die dieses Regime und diese Ideologie unterstützt hat, sonst wäre es ja gar nicht so weit gekommen. Ich kann mir gut vorstellen, dass es einen Verstärkungseffekt auf die Bevölkerung haben kann, wenn sich der vormalige Herzog dieser Strömung angeschlossen und dann auch dafür geworben hat. Als der letzte regierende Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha war er eine weithin bekannte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Aber es gab eine breite Grundströmung in der Bevölkerung in Deutschland insgesamt, so dass auch der Nährboden bereitet war.

Welche Schlussfolgerungen haben sie für sich aus diesen Vorgängen gezogen?
Ich denke, man darf diese Vergangenheit nicht vergessen. Und man muss aufpassen, dass sich ein solcher Nährboden für solche Ideen am rechten oder auch linken Spektrum nicht wieder bildet, damit sich solche Parteien oder Vorgänge nicht wiederholen. Wir sehen das ja momentan, dass es europaweit verstärkt extreme Parteien in den Vordergrund rücken mit zum Teil extrem fragwürdigen Aussagen. Damit wird immer wieder stückweise ausgetestet, was die Bevölkerung akzeptiert. Dadurch könnte sich eine Etablierung dieses Denkens ausbreiten, und schneller, als man denkt, hat man dann irgendwelche Mehrheiten, die man überhaupt nicht wollte. Die Vergangenheit sollte uns lehren, wohin das führen kann. Als mündiger Bürger muss man aufpassen und sich mit demokratischen Mitteln zur Wehr setzen.

Sie unterstützen den Europawettbewerb von Europe Direct Coburg. Ist das auch eine Folge dieser Erkenntnisse?
Das Engagement für Europe Direct rührt daher, dass ich Europa eine ganz tolle Idee finde. Ich bin überzeugter Europäer. Ich denke einfach, dass wir als Europa stärker sind als als Einzelstaat. Es hat sehr viele Vorteile, und gerade für die jungen Leute finde ich es ganz toll, welche Möglichkeiten uns Europa heute bietet. Ich selbst habe sehr viele Vorteile daraus genossen, ob es das Studieren in einem anderen Land war oder das Arbeiten. Insofern unterstütze ich das Europe Direct sehr gerne, weil ich denke, dass es heute wichtiger ist denn je, dass jeder sich für diesen europäischen Gedanken einsetzt.


Hintergrund: Stadt und Personen

Stadt Coburg war 1929 die erste deutsche Stadt mit einer nationalsozialistischen Stadtratsmehrheit. Die Nazis fanden hier schon 1922 Fuß: Zum "Deutschen Tag" mehrerer nationalistischer Verbände marschierten mehrere hundert SA-Männer durch Coburg. Es war der erste solche Massenaufmarsch der Nazis, und er sorgte für großes Aufsehen. Im Frühjahr 1933, nach Hitlers Machtergreifung, setzten die Coburger Nazis wahllos missliebige Personen fest und folterten sie.

Herzog Der vormalige Herzog Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha nahm an den Veranstaltungen des Deutschen Tags teil und war seither bekennender Anhänger Hitlers. Der hievte den ehemaligen Herzog auf wichtige Posten: So wurde Carl Eduard 1933 Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, 1938 Präsident des Internationalen Ausschusses ehemaliger Frontkämpfer. Der in Groningen lehrende Professor Hubertus Büschel arbeitete mit Unterstützung des Hauses Sachsen-Coburg und Gotha diese Geschichte auf. Das Buch "Hitlers adliger Diplomat" ist im Fischer-Verlag erschienen und wird am Mittwoch, 8. Juni, 20 Uhr, bei Riemann präsentiert. Hubertus Büschel wird sein Buch selbst vorstellen. Die Veranstaltung ist ausverkauft.

Urenkel Geboren 1975 in Coburg, studierte Hubertus Erbprinz von Sachsen-Coburg und Gotha Rechtswissenschaften in Würzburg, London und München. Seit 2012 ist er Leiter der Stiftungsverwaltung (Stiftung der Sachsen-Coburg und Gotha'schen Familie, kurz Familienstiftung). Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.
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