Coburg
Offener Brief

DGB-Kreisverband gegen Max-Brose-Straße in Coburg

Der DGB-Kreisverband Coburg bezieht Stellung zur Diskussion um eine mögliche Max-Brose-Straße in Coburg. In einem offenen Brief wendet sich der Kreisverband nachdrücklich gegen die Benennung einer Straße nach Max Brose in der Stadt Coburg. Unterzeichner sind Kreisvorsitzender Carsten Höllein und REgionsgeschäftsführer Mathias Eckardt. Hier der Brief im Wortlaut:
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Der DGB-Kreisverband Coburg ist gegen die Umbenennung der Von-Schultes-Straße in MAx-Brose-Straße.Foto: Simone Bastian
Der DGB-Kreisverband Coburg ist gegen die Umbenennung der Von-Schultes-Straße in MAx-Brose-Straße.Foto: Simone Bastian
Max Brose war schon lange vor der "Machtergreifung" durch die Nazis aktiv in politischen Parteien tätig, welche eindeutig antidemokra-tisch und antisemitisch waren.


Diese Parteien (DVP, NLLP, DNVP) richteten sich auch gegen die zu dieser Zeit von den Gewerkschaften angestrebten rechtlichen und so-zialen Verbesserungen. Endgültig zerschlagen wurden die freien Ge-werkschaften durch das Hitler-Regime im Jahr 1933.


1933 wurde Max Brose Mitglied der NSDAP. Wie damals schon be-kannt, misshandelten in Coburg in der "Prügelstube" die Nazis und ihre Helfershelfer mit brutaler Gewalt politische Gegner, stellten sie an den Pranger oder ließen sie ins Konzentrationslager nach Dachau de-portieren.


Die enge Verbindung von Max Brose zu den Nationalsozialisten wird durch folgende unbestrittenen Tatsachen belegt.


Er nahm eine führende Rolle im Wirtschaftsleben der Zeit des Nationalsozialismus ein.
Er wurde 1934 durch das Reichswirtschaftsministerium zum Präsidenten der Coburger Industrie- und Handelskammer er-nannt.

Er war ab 1938 Wehrwirtschaftsführer.

Er zog Nutzen aus den Enteignungen jüdischer Bürger in Coburg durch die Nationalsozialisten.

Er besaß privat schon 1933 eine der ersten bronzenen Hitler-Büsten im Deutschen Reich, eindeutig ein Zeichen dafür, dass er nicht, wie so oft behauptet, Distanz zu den Nazis hielt.

Im "Metallwerk Max Brose & Co" wurde während des "Dritten Reichs" auch eine "Sonderfertigung" aufgenommen, die Ende der 1930er Jahre drei Viertel des in die Millionen gehenden Umsatzes aus-machte. Einheitsbehälter für Kraftstoff und Munitionsteile gehörten dazu.

Im Sommer 1944 machten die ausländischen Arbeitskräfte ("Fremdar-beiter", Zwangsarbeiter) ein Viertel der gut 800 Mitarbeiter (davon un-gefähr die Hälfte Frauen) aus. 1944 betrug der Reingewinn des Un-ternehmens aus der Rüstungsproduktion 1,7 Mio. Reichsmark; diese Summe entspräche heute einer Summe von 17 Mio. Euro.

Das Entnazifizierungsverfahren von Max Brose erstreckte sich, an-ders als bei seinem Geschäftspartner Ernst Jühling, über mehrere In-stanzen. Er wurde 1948 zunächst als "Minderbelasteter" und 1949 nach einem Berufungsverfahren als "Mitläufer" eingestuft; hinsichtlich seiner Verbindung zum Nationalsozialismus wurde er nicht entlastet.

Auch die von der Familie Stoschek bei Gregor Schöllgen in Auftrag gegebene Firmengeschichte "Brose. Ein deutsches Familienunterneh-men 1908-2008" enthält keine Belege für andere Erkenntnisse.
Max Brose selbst und auch seine Erben haben sich nie öffentlich selbstkritisch zur Haltung vor 1945 geäußert, von ihr distanziert oder gar dafür entschuldigt.

Der Vorstand des DGB-Kreises Coburg mit seinen Mitgliedern ist sich der Bedeutung der heutigen "Brose Gruppe" für das wirtschaftliche, kulturelle und gesellschaftliche Leben in der Stadt und im Landkreis Coburg sowie auch weit darüber hinaus bewusst. Er kann auch die Anstrengungen des Enkels von Max Brose, Michael Stoschek, nach-vollziehen, die Bedeutung seines Großvaters in der Geschichte des Familienunternehmens zu würdigen.

Ein Vorbild für die Allgemeinheit und vor allem für jüngere Generatio-nen kann Max Brose allerdings niemals sein. Dies umso weniger, da Rechtsradikalismus und Neofaschismus zunehmend wieder Teile un-serer Gesellschaft zu erfassen scheinen. Wohl wissend um die damit verbundenen Gefahren, auch in der eigenen Organisation, möchten wir als Gewerkschafter(innen) eindringlich vor einem falschen Signal warnen, wie es eine Namensgebung aussenden könnte. Mit Coburg sollte nicht schon wieder Geschichte gemacht werden. Die Reaktio-nen und Beiträge vor allem überregionaler Medien und Persönlichkei-ten des öffentlichen Lebens in der aktuellen Diskussion sollten Mah-nung genug sein.


Eher sollte man die Benennung einer Straße nach einem verfolgten Gewerkschafter aus dem geschundenen Personenkreis in Erwägung ziehen.


Eine "Max-Brose-Straße" wäre ein Zeichen für eine "Schlussstrich-Mentalität" in Coburg und eine Verhöhnung der Opfer der nationalso-zialistischen Herrschaft. Dies sollte sich in einer Stadt, die 1929 die erste "Nazi-Stadt" Deutschlands war, unter allen Umständen verbie-ten.

Aufgrund seines politischen Verhaltens, aber auch hinsichtlich historischer, wirtschaftsethischer und vor allem moralischer Ge-sichtspunkte lehnen wir die Benennung einer Straße nach Max Brose ausdrücklich ab.


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