Coburg
Hilfeleistung

Coburger schaffen Flüchtlingen ein neues Heim

800 geflüchtete Menschen wurden in Coburg dezentral untergebracht, weitere im Landkreis. Das Engagement der Bürger ist nach wie vor groß.
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André Miller (auf der Leiter) und Herish Rasol beim Herrichten von neuen Wohnungen in Coburg für Flüchtlinge Foto: Helke Renner
André Miller (auf der Leiter) und Herish Rasol beim Herrichten von neuen Wohnungen in Coburg für Flüchtlinge Foto: Helke Renner
"Wir sind aus dem Krisenmodus raus", sagt Dritter Bürgermeister Thomas Nowak (SPD). Entspannt zurücklehnen können sich die Mitarbeiter der Abteilung Asyl in der Stadtverwaltung indes nicht. Zwar kommen derzeit weniger Flüchtlinge als im vergangenen Jahr, aber ganz versiegt ist der Zuzug nicht. "Rund 800 geflüchtete Menschen, darunter 60 unbegleitete Minderjährige, leben derzeit in Coburg", erläutert Abteilungsleiter Holger Diez.

Diesen Schutzsuchenden muss und will die Stadt eine Unterkunft geben. Zurzeit wird wieder Wohnraum so vorbereitet, dass Geflüchtete darin menschenwürdig leben können. Der große Druck, unter dem die Verantwortlichen vor einem Jahr standen, ist erst einmal weg. Ob das so bleibt, weiß Thomas Nowak nicht zu sagen - angesichts der Drohungen aus der Türkei, den Flüchlingspakt aufzukündigen. Notfalls müssten die Notunterkünfte reaktiviert werden.


Notunterkünfte sind geschlossen

Zwei gab es in Coburg: eine für Erwachsene in der BGS-Halle und eine weitere für minderjährige Geflüchtete. Beide wurden auf Anweisung der Regierung von Oberfranken im Frühjahr wieder geschlossen. "Die BGS-Halle war seit Februar schon nicht mehr belegt."

Die erste Belegung gab es am 22. Juli 2015 mit 100 Personen. "Die Höchstzahl hatten wir im August vergangenen Jahres mit 180 Menschen. Und das bei 34 Grad", erinnert sich der Dritte Bürgermeister. Die Notunterkünfte waren sogenannte Erstaufnahmelager. Dort hielten sich die Geflüchteten nur temporär auf, bevor sie anderswohin weiterverteilt wurden.

Wöchentlich zehn Flüchtlinge mit Bleiberecht hatte die Stadt aber auch noch aufzunehmen und dauerhaft unterzubringen. "Innerhalb von zwei Wochen mussten wir für 300 Personen eine Bleibe finden." Keine leichte Aufgabe.

Im September 2015 wurde die neue Abteilung Asyl eingerichtet. Wo einst nur eine Halbtagskraft notwendig war, arbeiten heute acht Leute. Drei Hausverwalter kümmern sich um die Einrichtung der Wohnungen, sind Ansprechpartner für die Flüchtlinge und werden vom Freistaat bezahlt. Eine Stelle wird über Spenden finanziert, der Rest über den städtischen Haushalt. "Große Unterstützung haben wir von der Wohnbau bekommen", erzählt Thomas Nowak. Sie habe renovierungsbedürftige und für den Abriss vorgesehene Gebäude so weit instandgesetzt, dass sie zumutbaren Wohnraum bieten konnten. Über die Coburg-hilft-Seite im Internet gab es private Wohnungsangebote. "Wobei sich damit niemand bereichert hat, wie immer mal wieder behauptet wurde." Der Kostenrahmen liege auf Hartz-IV-Niveau.


Terrorakte änderten nichts

Nicht immer verlief alles problemlos. "Wir hatten auch kritische Nachfragen aus der Nachbarschaft. Die Leute waren verunsichert", sagt Holger Diez. Oft habe sich das aber schnell gegeben, nachdem die Flüchtlinge eingezogen waren, ergänzt Thomas Nowak. Und auch nach den jüngsten Terrorakten in Bayern sei kein Nachlassen der Hilfsbereitschaft zu spüren gewesen, stellt Holger Diez fest.

Und das sei auch gut so. "Ohne die Unterstützung der vielen Ehrenamtlichen hätten wir keine Chance gehabt, das alles zu schaffen", gesteht der Dritte Bürgermeister ein. Auch heute noch würden die selbstlosen Helfer gebraucht, denn nun folge die Phase der Integration und Gestaltung des Miteinanders. Dazu gehöre als wichtigste Voraussetzung die deutsche Sprache. "Nicht alle Flüchtlinge haben Anspruch auf Unterricht. Zum Beispiel, wenn sie noch auf ihre Anerkennung warten." Da helfen die Ehrenamtlichen aus.

Familien haben minderjährige Geflüchtete aufgenommen. Andere Coburger geben Unterstützung, wenn es um die Bewältigung des Alltags in der Stadt geht. Die IHK bietet Ausbildungsmodelle an, an deren Anfang der Deutschunterricht steht. Firmen haben Interesse an der Einstellung von Flüchtlingen gezeigt.
Auch im Landkreis gab es Notaufnahmelager - bis Anfang des Jahres in der Neustadter Frankenhalle, von da an in den leer stehenden Büro- und Fabrikräumen der Firma Living Glass in Rödental. "Das haben wir aber nicht mehr lange gebraucht, dann nahm der Flüchtlingsstrom ab", erläutert Martina Berger, Leiterin der Stabsstelle für Soziales, Bildung und Kultur im Landratsamt.


Dezentral im Landkreis

Doch auch im Landkreis mussten Geflüchtete mit Bleibeperspektive dauerhaft untergebracht werden. "Wir haben uns bewusst gegen Gemeinschaftsunterkünfte entschieden. Die bergen im ländlich strukturierten Raum unnötigen sozialen Sprengstoff." Also wurden die Schutzsuchenden wie in Coburg dezentral in den Landkreis-Gemeinden untergebracht. "Alle Bürgermeister haben sich bereiterklärt, Flüchtlinge aufzunehmen."
Das Engagement der Bürger vor Ort sei riesig - auch nach den Terroranschlägen in Bayern. "Es macht einen glücklich, wenn man das sieht", sagt Martina Berger.

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