Coburg

Coburger Zeitgeschichte in 38 Metern Höhe

Bei der Renovierung der katholischen Kirche St. Augustin offenbart die Turmkugel ihre Geheimnisse. Dokumente aus der Baugeschichte kommen zum Vorschein.
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Bei leichtem Nieselregen entfernen Kirchenpfleger Helmut Kollo, Restaurator Andreas Rentsch und Dekan Roland Huth das Kreuz und die Kugel vom Turm der katholischen Kirche St. Augustin in Coburg. In der Kugel haben Zeitingen, Urkunden, Briefe und andere Dokumente aus verschiedenen Jahrzehnten die Zeit überdauert. Fotos: Christoph Winter
Bei leichtem Nieselregen entfernen Kirchenpfleger Helmut Kollo, Restaurator Andreas Rentsch und Dekan Roland Huth das Kreuz und die Kugel vom Turm der katholischen Kirche St. Augustin in Coburg. In der Kugel haben Zeitingen, Urkunden, Briefe und andere Dokumente aus verschiedenen Jahrzehnten die Zeit überdauert. Fotos: Christoph Winter
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Kurz nach halb zehn Uhr am Donnerstagvormittag: Im Baubüro des katholischen Pfarramts St. Augustin am Fuß des Festungsberges verstummen die Gespräche. Die Spannung steigt, als Dekan Roland Huth die Verschlusskapsel des knapp Unterarm dicken Metallrohres abzieht. "Ich kann ,35. Jahrgang' lesen", stößt der Geistliche hervor.

Eine knappe halbe Stunde vorher haben Roland Huth, Kirchenpfleger Helmut Kollo und Restaurator Andreas Rentsch das Kreuz von der Turmspitze der katholischen Kirche abgehoben. Ein beherzter Griff, und das aus Blech gefertigte und fast mannshohe Kreuz liegt auf dem Baugerüst. Darunter ist die metallene Kugel auf den eisernen Dorn aufgesteckt.

Einen halben Meter im Durchmesser misst sie - und ein Klappern verrät, dass im Inneren lose Teile liegen. Nicht nur wegen des Regens steigt die Gruppe, zu der auch Architekt Torsten Will gehört, über die Leitern und Treppen des Baugerüsts wieder nach unten. Der erste Blick auf den geheimnisvollen Inhalt wird im Schutz des Baubüros erfolgen.

Die Tradition ist bekannt und weitverbreitet: Bei jeder Renovierung von Gottes- und zum Teil auch Privathäusern, von Stadttoren und Burgen werden Schriftstücke, Zeitungen, Münzen und andere Beilagen in deren Turmkugeln eingelegt.

Bezogen auf diese Funktion als Aufbewahrungsbehältnisse spricht man von Turmkugeln auch als Zeitkapseln.
Drei metallene Röhren, an den Enden jeweils mit einem Deckel verlötet, zieht Restaurator Andreas Rentsch aus der Kugel. Vorsichtig hebelt er die Verschlüsse auf. Das Titelblatt des Coburger Tageblatts vom 28. Juni 1920 zieht Roland Huth behutsam aus der Röhre. Fast auf den Tag genau 95 Jahre hat die Zeitung Wind und Wetter überdauert, hat die Goldenen Zwanziger Jahre, Krieg und Wiederaufbau erlebt, die deutsche Teilung und Wiedervereinigung.

In das Zeitungsblatt sorgfältig eingeschlagen ist eine Urkunde. Auf dickem Pergamentpapier fein säuberlich mit der Hand geschrieben steht zu lesen, dass dieses zweite Schriftstück "60 Jahre nach der ersten Urkunde im Turmkopf beigelegt" worden ist.

Das stimmt mit der Baugeschichte der Kirche überein. Die katholische Pfarrkirche am Hofgarten wurde in den Jahren 1856 bis 1860 im neugotischen Stil erbaut. "1920 muss das Jahr der neuen Dacheindeckung gewesen sein", mutmaßt Helmut Kollo. Bei dieser Gelegenheit kamen die Zeitung und auch die zweite Urkunde hinzu.

Intelligenzblatt beigelegt

Inzwischen hat sich Pfarrer Roland Huth der zweiten Papierrolle angenommen. Wieder ist ein Zeitungsblatt als Umhüllung verwendet worden. Es ist das "Regierungs- und Intelligenzblatt für das Herzogthum Coburg" aus dem Jahr 1859. Es datiert exakt vom Donnerstag, 21. April. Die Urkunde berichtet davon, dass "am Gründonnerstag 1859 um 13 Uhr" diese Schriftstücke in die Turmkugel gegeben worden sind.

Mittlerweile hat Andreas Rentsch die zweite Dokumentenröhre geöffnet, und wiederum ist es Roland Huth vorbehalten, den Inhalt ans Tageslicht zu befördern. Zum Vorschein kommen eine Festschrift aus dem Jahr 1937, ein "Brief an die zukünftigen Leser" und ein in Latein abgefasste Urkunde. "Neu vergoldet blinkt das Turmkreuz über die Stadt Coburg", hat Stadtpfarrer Josef Schmidt damals geschrieben, welches Zeugnis ablege von der Liebe zu Christus und seiner heiligen Kirche, übersetzt Huth den Text seines Amtsvorgängers.

Und eine Enzyklika von Papst Pius XI. ist ebenfalls dabei. Sie ist in deutscher Sprache verfasst. Die Enzyklika wurde 14. März 1937 unterzeichnet und am 21. März veröffentlicht. Das päpstliche Rundschreiben behandelt die bedrängte Lage der römisch-katholischen Kirche im damaligen Deutschen Reich und verurteilt Politik und Ideologie des Nationalsozialismus.

Ein grüner Briefumschlag bleibt an diesem Vormittag ungeöffnet. Ihm werden sich Fachleute annehmen. Ebenso der dritten Zeitkapsel. Um diese Röhre zu öffnen, bedarf es stärkerer Werkzeuge als das Taschenmesser von Andreas Rentsch.

Traditionsgemäß werden Dokumente dieser Tage mit in die Turmkugel gegeben werden, wenn die Bauarbeiten ihrem Ende entgegen gehen.



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