Coburg
Kinder misshandelt

Coburger Kita-Prozess: Justiz ermittelt jetzt auch gegen den Arbeitgeber

Das Urteil im Coburger Kita-Prozess ist gesprochen, das Thema ist damit aber noch keineswegs beendet.
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Die Kritik ist massiv: In der Zeit zwischen 2011 und Januar 2015 sollen zwei Mitarbeiterinnen einer Kindertagesstätte im Raum Coburg Kinder misshandelt haben. Dafür wurden sie am Donnerstag vor dem Amtsgericht Coburg zu hohen Geldstrafen verurteilt. Doch Zeugen monieren, dass die Verantwortlichen, also Träger und Personaler, von den Vorfällen gewusst und nichts unternommen haben. Wurden die Vorfälle unter den Teppich gekehrt?

Die Kritikpunkte im Einzelnen: Am ersten Verhandlungstag am 8. März sagte eine Kinderpflegerin als Zeugin aus, dass eine Mitarbeiterin wohl bereits vor längerer Zeit ähnliche Vorfälle an die Verantwortlichen der Kindertagesstätte gemeldet habe. Dieser Mitarbeiterin sei daraufhin ein Aufhebungsvertrag angeboten worden und sie habe die Einrichtung verlassen müssen.

Im Juni 2011 offenbarte sich ein Mädchen ihren Eltern: Sie schilderte, dass sie des Öfteren von der Kinderpflegerin gegen den Kopf geschlagen worden sei. Die Eltern suchten darauf das Gespräch mit der damaligen Leiterin der Einrichtung. Die Angeklagte habe jedoch gewarnt, dass wenn die Eltern das Jugendamt einschalteten oder Strafanzeige erstatteten, die Kindertagesstätte ihrerseits rechtliche Schritte einleiten würde. Die Eltern verzichteten und nahmen stattdessen ihr Kind aus dem Kindergarten. Obgleich sie den Vorwürfen keinen Glauben geschenkt haben will, gab die angeklagte Kindergartenleiterin an, ihre direkte Vorgesetzte davon in Kenntnis gesetzt zu haben. Passiert allerdings sei nichts.

Eine Praktikantin, die drei Wochen in der Tagesstätte beschäftigt war, soll sich Kinderpflegern gegenüber erschüttert über die Erziehungsmethoden in der Gruppe geäußert haben. Zeugen sagten aus, dass die Praktikantin einen Brief an die Kindergartenleiterin geschrieben habe. Die Angeklagte will diesen Brief allerdings nie erhalten - und somit auch nicht weitergeleitet - haben.


"Im Raum steht Strafvereitelung"

Im Herbst 2014 seien die Träger vom Kindergartenteam geschlossen von den Übergriffen informiert worden. Beide Angeklagten mussten daraufhin die Einrichtung im Januar 2015 verlassen. Angestellte, die als Zeugen aussagten, kritisierten, sie seien im Regen stehen gelassen worden. Hilfsangebote seitens der Verantwortlichen seien zurückgezogen und sie stattdessen an ihr Stillschweigeabkommen erinnert worden. "Unser erster Weg ist der zum Träger", sagte eine Kinderpflegerin, "und die werden dann doch handeln." Gehandelt jedoch wurde offensichtlich nicht.

Auch Eltern monierten, dass nicht offen über die Vorfälle gesprochen worden sei. Zu einem versprochenen Elternabend mit Protokollführung "bei diesem heiklen Thema" sei es nie gekommen. "Wir wurden in keiner Weise in Kenntnis gesetzt, uns wurden keine Gespräche angeboten, nichts", bemängelte eine Mutter.

Der leitende Oberstaatsanwalt, Bernhard Lieb, bestätigte auf Anfrage des Coburger Tageblattes, dass ein Ermittlungsverfahren gegen einen Verantwortlichen bereits eingeleitet worden sei. "Im Raum steht eine Strafvereitelung wegen Nichtanzeigens von Straftaten", informierte er. Ob dieser Straftatbestand erfüllt sei, könne seine Behörde erst nach Abschluss des Verfahrens prüfen. Denn: Das Urteil gegen die angeklagten Kindergärtnerinnen ist noch nicht rechtskräftig. Deswegen sei die Ermittlung derzeit "ruhend gestellt". Noch können die beiden Angeklagten vor der nächsthöheren Instanz am Coburger Landgericht ein erneutes Aufrollen des Verfahrens anstreben und somit eine erneute Verhandlung innerhalb der nächsten drei bis vier Monate anhängig werden.

"Wir ermitteln momentan gegen eine einzelne Person", bestätigte Lieb. Die von Zeugen genannte Stillschweigeforderung vonseiten der Verantwortlichen - das sogenannte "Redeverbot", wie Lieb es formuliert, könne durchaus ebenfalls strafrechtlich relevant sein. Lieb hält es deshalb für nicht ausgeschlossen, dass die Ermittlung sich auch auf das unmittelbare Umfeld der Verantwortlichen und nicht nur auf eine einzige Person erstrecken könne.

 

Hinweis: Das Verfahren gegen die Kindergartenleitung ist zwischenzeitlich durch Freispruch im Berufungsverfahren beendet worden.

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