Coburg
Präsentation

Ausschweifungen in Herz und Hirn in Coburg

Dem Quer-Dichter Jean Paul hat der Coburger Germanist Reinhard Heinritz zwei schöne Kunstbücher gewidmet, mit Grafiken von Claus Tittmann.
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Reinhard Heinritz (links) und Claus Tittmann im Coburger Kunstverein. präsentierten ihre Jean Paul-Kunstbücher. Fotos: Carolin Herrmann
Reinhard Heinritz (links) und Claus Tittmann im Coburger Kunstverein. präsentierten ihre Jean Paul-Kunstbücher. Fotos: Carolin Herrmann
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Ach, hört mir doch auf. Oder vielleicht doch nicht? Schon wieder, immer noch Jean Paul!

Wir haben uns doch alle Mühe gegeben im Jean Paul-Jahr 2013, wo zum 250. Geburtstag des skurrilen oberfränkischen Dichters auch in seinem Zeit-Domizil Coburg einiges unternommen wurde, uns den verquer Denkenden und Dichtenden näher zu bringen. Weil er so höchst Originelles verfasst hat in ungebundenem Sprachreichtum, eigentlich auch schon Science Fiction und Fantasy, gute, philosophische.

Er war ein aus der Zeit Gefallener, und als solcher kreist er immer noch oder jetzt erst recht im Kosmos, welchem auch immer. (Gar nicht war, das ist gar kein so blöder hochgestochener Bezug. Relativitätstheorie, Vorstellungen von Wiederkehr, dem Sein alles in einem und einem in allem, das war doch für Jean Paul, der unter den Hirnschalen von Riesinnen dachte, ganz selbstverständlich.)

Und so können's manche halt nicht mehr lassen. Der dichterisch infizierte, im Rödentaler Ortsteil Thierach lebende Germanist und Gymnasiallehrer Reinhard Heinritz, schon mehrfach aufgefallen hier mit poetischen Projekten, ist offensichtlich ein solcher. Bringt doch glatt jetzt noch zwei Jean Paul-Bände heraus. Aber was für welche! Wunderschön. Bibliophile Kunstbücher, die dem skurrilen Dichter auf witzige, dabei aber tief verehrende Weise gerecht werden.

Am Montagabend hat Heinritz sie im Kunstverein vorgestellt, gleich auch noch mehrdimensional beziehungsreich, mit Musik und den Bildern von Claus Tittmann im Original, welche den Kunstbüchern zusammen mit der wunderbaren Darbringung durch die Coburger Edition Resch ihre äußere, sinnliche Schönheit verleihen.

Heinritz hat im Jean Paul-Jahr einen Volkshochschul-Vortrag verfasst und dann noch hier ein bisschen und dort ein bisschen, und allmählich kam so viel zusammen, dass Heinritz dachte, das könne man doch als zwanglose, amüsante Einführung in einige Schlüsseltexte von Jean Paul zusammenfügen. Bloß nicht zu akademisch, lieber erzählend, amüsant erklärend, mit manchen Texten selbst Experimente anstellend, dichterische.

Reinhard Heinritz' Werk ist tatsächlich eine Verführung zu Jean Paul geworden. Sie vermittelt zwischen mancher unglaublichen Verstiegenheit des aus dem oberfränkischen Outback des 18. Jahrhunderts Kommenden, aber verwegen mit seinem Luftschiffer Giannozzo nicht nur über die damalige Welt Fliegenden, und dessen satirischer, aber liebevoll und tief anrührender Nähe zum ganz kleinen Menschlein.


Schumanns "Papillons"

"Lesungen", Essays, wohldosierte Analysen wechseln mit fiktiven Radiointerviews oder im ersten Band köstlichen "Plaudereien im Auto" zwischen Kalle und Enno in gänzlich heutiger Coolness. Denen fliegt aus dem Radio plötzlich Musik um die Ohren, dass ihnen heiß und kalt wird. Robert Schumann nämlich. Der war schon mit 15 Jahren ein begeisterter Jean Paul-Leser und hat so einiges komponiert in Anlehnung an und in bekennender Geistesverwandtschaft zu Jean Paul.

Was tat also dieser ja durchaus auch etwas skurrile Heinritz? Er holte den jungen Coburger Pianisten Michael Ebert dazu, der Schumanns "Papillons" aufflattern ließ, wie ja die beiden Bände von Heinritz sich auch eher schmetterlingsleicht und flatternd dem kaum zu fassenden Dichter nähern. Michael Ebert faszinierte übrigens seinerseits mit seinem vollherzigen, kraftvollen und gleichzeitig so jugendempfindsamen, leichten Spiel am Flügel.

So. Das war alles ganz schön viel und dabei doch luftig leicht präsentiert und die Jean Paul-Dosis bedenkend, die noch gesund ist. Und dann war Zeit, die Grafiken und die Bronze-Reliefs anzuschauen, die dem in Thurnau lebenden Keramiker aus dem Werk Jean Pauls erstanden sind.

Reinhard W. Heinritz: "Menschenleben". Variationen auf ein Thema aus Jean Pauls "Biographischen Belustigungen". Mit Grafiken von Claus Tittmann. Edition Resch, Coburg, 14,85 Euro.
Reinhard W. Heinritz: "Ich bin ein Ich". Zwölf Lesungen zu Jean Paul und drei Anhänge. Mit Grafiken von Claus Tittmann. Edition Resch, 98 Seiten, 24,80 Euro.


Der Autor Reinhard Heinritz, 1954 in Hof geboren, studierte Germanistik, Anglistik und Philosophie und schloss mit der Promotion ab. Heinritz ist Gymnasiallehrer in Neustadt und unterrichtete früher am Albertinum in Coburg. Er war als Privatdozent für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Bamberg tätig, arbeitete im Vorstand der E.T.A.-Hoffmann-Gesellschaft und betreute das Haus des romantischen Dichters.

Der Illustrator Claus Tittmann, 1941 in Leipzig geboren, studierte in München und arbeitete als Ingenieur, bevor er sich zum Keramiker ausbilden ließ. 1975 bezog er seine Keramikwerkstatt in Thurnau-Berndorf. Der vielfach ausgezeichnete und in bedeutenden Sammlungen und Museen vertretene Künstler schuf 2008 eine Jean-Paul-Büste als Denkmal für den Jean-Paul-Leser, die 2010 in der Rollwenzelei Bayreuth aufgestellt wurde.
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