Coburg

Aufräumen in der Coburger Fentanyl-Szene

In jüngster Zeit wurde Hausärzten und ihren drogenabhängigen Patienten im Zusammenhang mit dem Missbrauch von Fentanyl der Prozess gemacht.
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Coburg, Justizgebäude, Engang, Gericht Foto: Jochen Berger
Coburg, Justizgebäude, Engang, Gericht Foto: Jochen Berger
Seit Beginn des Jahres arbeiteten Staatsanwaltschaft und Richter der Ersten Großen Strafkammer am Landgericht die Fälle ab, die im Jahr 2015 in die Durchsuchung der Praxisräume einer Hausärztin aus dem Raum Sonneberg gipfelten. Hintergrund war die unerlaubte ärztliche Abgabe des Schmerzmittels Fentanyl an drogenabhängige Patienten aus der Stadt und dem Landkreis Coburg.

Im Februar standen ein Arzt aus Thüringen und zwei seiner Patienten wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz vor dem Richter, Anfang März eben jene Ärztin aus dem Raum Sonneberg. Die Medizinerin erhielt zwei Jahre auf Bewährung und eine Geldstrafe von 6000 Euro.

Zeitgleich wurden auch ihre Patienten verurteilt. Am Mittwoch saß mit einer 34-jährigen Coburgerin erneut eine Patientin und Abnehmerin der ärztlichen Fentanyl-Rezepte auf der Anklagebank.


Extrem gefährlich

Fentanyl ist ein opioidhaltiges Medikament, das vornehmlich bei Amputationspatienten und zur Behandlung starker Schmerzen eingesetzt wird. "Das Mittel birgt ein enorm hohes Suchtpotenzial und ist schon in geringsten Dosen wirksam", informierte der Vorsitzende Richter am Landgericht, Christoph Gillot. Suchtkranke beschaffen sich das Medikament meist über "Ärztehopping", kochen die Wirkstoffe aus, lutschen oder verabreichen sie sich intravenös. Das ist deshalb so gefährlich, weil dem Abhängigen die genaue Dosierung dabei nicht bekannt ist. Es drohen schwere Nebenwirkungen bis hin zu Koma und Tod. Je nach Verabreichung wirkt Fentanyl bis zu 120 Mal stärker als Morphin.

Ein Sachbearbeiter der Polizei berichtete von einer Aufstellung der AOK Bayern über die beteiligten Ärzte. Darin sei auch der Name der 34-jährigen Angeklagten aufgetaucht. "Mehr als 50 Rezepte über die verschreibungspflichtigen Fentanyl-Pflaster gingen an die Angeklagte." Der Polizist spricht von "sieben oder acht Ärzten", die das Schmerzmittel verschrieben hätten.

Die Staatsanwaltschaft wirft der Coburgerin Beihilfe zum Verschreiben sowie unerlaubten Besitz von Betäubungsmitteln in insgesamt 32 Fällen vor. Seit 2006 ist die Frau, deren Anwalt angab, dass sie massiv drogenabhängig sei, neunmal straffällig geworden. Darunter finden sich zahlreiche Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, aber auch Diebstahl und Sachbeschädigung. Erst Anfang Januar war die Frau zu einem Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt worden.


Ärztin als Zeugin geladen

Ihre Thüringer Ärztin, deren Urteil rechtskräftig ist, sagte als Zeugin aus. Sie erklärte, der Angeklagten das Fentanyl verschrieben zu haben. Sie habe gewusst, dass die 34-Jährige ein Drogenproblem hat, bestätigte sie. Anfangs hätten ihre Fentanyl-Patienten die Pflaster geklebt, gab sie an. "Irgendwann reicht das nicht mehr und dann wird es ausgekocht."

Eine Zeugin, deren Verfahren ebenfalls bereits abgeschlossen ist und die im Februar zusammen mit der Ärztin auf der Anklagebank saß, berief sich auf massive Erinnerungslücken. Unter anderem hatte sie bei der Polizei ausgesagt, dass der ehemalige Lebensgefährte der Angeklagten Fentanyl-Pflaster in Coburg verkauft habe - im Auftrag und mit Wissen der 34-Jährigen.

Der ehemalige Freund der Angeklagten, auch bereits verurteilt, stand ebenfalls im Zeugenstand. Er wollte von den angeblichen Geschäften mit Fentanyl nichts gewusst haben. Beide Zeugen zogen sich die Kritik Richter Christoph Gillot zu: Die Zeugenaussagen stünden im Widerspruch zur polizeilichen Vernehmung, rügte er. Er ließ deshalb wörtlich protokollieren und drohte mit dem Einleiten eines Verfahrens wegen uneidlicher Falschaussage durch die Staatsanwaltschaft. Schließlich wurden die beiden einsichtig.


Drei Jahre Haft

Freiwillige Therapiebemühungen seiner Mandantin seien gescheitert, sagte ihr Anwalt. Seit Jahren soll die Frau neben Fentanyl auch Crystal Speed und Heroin konsumiert haben. Die Richter verurteilten die Frau wegen unerlaubten Besitzes, vorsätzlichen unerlaubten Handeltreibens und vorsätzlich unerlaubter Abgabe von Betäubungsmitteln unter Einbeziehung einer früheren Strafe zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren. Außerdem muss sie eine Therapie machen.

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